Lieber wieder mehr im Real Life leben: Die Initiative Offline Helden macht’s möglich

Von Eva Jobst
Junge leidet an digitaler Sucht und benutzt unkontrolliert Mobiltelefone, um in sozialen Netzwerken zu chatten

Ein Herbstmorgen in der Staatlichen Regelschule „Geschwister Scholl“ in Saalfeld.
Heute findet hier kein normaler Unterricht statt, heute ist Medientag.
Auf dem Programm stehen 16 verschiedene Veranstaltungen, unter denen die Schüler auswählen können. Wir begleiten eine Schülergruppe.

In einem Raum im zweiten Stock wartet Dozent Florian Buschmann, ein junger Mann von gerade einmal 24 Jahren, auf die ersten Teilnehmer seines Workshops.
Mit insgesamt drei Gruppen von etwa 15 Jugendlichen wird er heute arbeiten.
Er hat die Präventionsinitiative Offline Helden initiiert, die sich bundesweit für die Förderung eines gesunden Umgangs mit den digitalen Medien engagiert.
Normalerweise umfasst einer seiner Workshops mehrere Unterrichtseinheiten, heute muss er sich für jede Gruppe auf eineinhalb Stunden beschränken.
Es werden also Schnupperkurse werden, in denen den jungen Leuten zum Einstieg bewusst gemacht werden soll, was an Rechner oder Smartphone mit ihnen passiert.

VOM ZOCKEN UND TRÄUMEN

In allen Gruppen lautet seine erste Frage: Wer von euch weiß, dass er zu lange in den digitalen Medien unterwegs ist? Fast alle Arme gehen nach oben.

Da erzählt er seine Geschichte: Am Anfang kontrollierten seine Eltern die Zeiten am Computer – 30 Minuten täglich gestanden sie ihm zu. Doch er stahl ihnen die Passwörter, stellte sich nachts den Wecker, spielte. War tagsüber müde, hatte keinen Bock mehr auf die Schule, begann zu schwänzen, spielte schließlich 16 Stunden am Tag. Eine Lehrerin warnte ihn: Wenn du so weitermachst, wirst du die Schule nicht schaffen und alle Freunde verlieren. Doch Buschmann zockte weiter …  

Die Schüler fragt er: Was macht dich als Menschen aus? Was ist dein größter Traum?
Derart persönliche Fragen hat hier keiner erwartet, die Schüler und Schülerinnen sind zunächst irritiert. Doch mit Buschmanns Hilfe öffnen sie sich langsam.
Was sie also ausmacht: hilfsbereit und spontan zu sein. Ehrlich, freundlich, durchsetzungsstark.

Sie träumen vom Reisen, vom Unabhängigsein, vom Angeln in Norwegen, vom Reich- oder Erfolgreichwerden, von Mann, Kindern und einer Arbeit als Feuerwehrfrau, zumindest von einem guten Realschulabschluss. Und sie stellen fest: All das sind Träume, die nichts mit dem Internet zu tun haben.

„Das Erreichen von Zielen macht glücklich!“, bringt es Buschmann auf den Punkt. Darauf können sich alle einigen.

Es folgt ein Spiel, bei dem es darum geht, sich zwischen zwei Optionen zu entscheiden. Hund oder Katze? Meer oder Berge? Es bringt am Ende die Erkenntnis: Den meisten ist es eigentlich wichtiger, Freunde zu treffen, als im Internet zu zocken. Aber dafür braucht man Zeit.

VON ZEITDRUCK UND FREIHEIT

Buschmann malt einen Kreis an die Tafel und teilt mit Hilfe der Schüler den Tag in verschiedene Phasen auf.
Acht Stunden Schlaf, sieben Stunden Schule und Hausaufgaben, drei Stunden Hobbys wie Sport oder Freunde treffen, drei Stunden „Lebenserhaltung“: essen, trinken und Hygiene.
Es bleiben drei Stunden übrig. Das bedeutet: Bin ich länger als drei Stunden am Rechner, muss diese Zeit von den anderen Lebensbereichen abgezogen werden.
Was also ist wirklich wichtig?

Auch die Gefahren des Internets kommen zur Sprache: Beleidigungen in Klassenchats, von Fremden angeschrieben zu werden, deren Ziele kriminell sein könnten, Suchtgefahren, die von Tiktok oder Instagram ausgehen.

Der Medienkonsum verändert uns, weiß Buschmann.
Während man sich vor 20 Jahren noch zwölf Sekunden konzentrieren konnte, sind es heute nur noch acht. Selbst ein Goldfisch bringt es auf neun Sekunden!
Die Verkürzung dieser Spanne scheint gering zu sein, hat aber Auswirkungen auf unser gesamtes Verhalten: im Alltag, im Umgang mit anderen, beim Lernen.

„Wie haben Sie es geschafft, vom Netz wegzukommen?“, fragt ein Mädchen.

Mit 16 fuhr Buschmann zu einem Schüleraustausch nach Rumänien. Eine Zeit ohne Internet, dafür mit Freunden, mit Lagerfeuern, mit Klettern und Wandern.
Er merkte: Das ist ja viel schöner als online zu spielen!
Dennoch dauerte es noch ein halbes Jahr, bis er endgültig realisierte: Ich gebe meine Freiheit auf, wenn ich so weitermache. Von einem Tag auf den anderen stieg er aus – und hatte Entzugserscheinungen. Buschmann zitterte, er weinte – wie bei einem kalten Drogenentzug. Inzwischen hat er seit sieben Jahren nicht mehr gespielt. Es macht ihm keinen Spaß mehr.

Zum Abschluss der Stunde gibt Buschmann den Jugendlichen Informationsmaterial an die Hand. Die kleine Broschüre enthält Tipps zum Umgang mit dem Internet und Fragebögen, anhand derer die Schüler erfahren können, ob sie bereits abhängig von den digitalen Medien sind.

Am Ende steht die Frage nach den Perspektiven:
Wie könnte dein Leben aussehen, wenn du so weitermachst wie bisher?
Vielleicht konnte Florian Buschmann mit seinem Workshop die Basis legen, darüber nachzudenken.

Florian Buschmann, Gründer der Initiative OFFLINE HELDEN (©Eva Jobst)

Florian Buschmann
geboren 2001
Abitur in Tharandt
Bachelor-Studium der Psychologie
Gründer der Initiative OFFLINE HELDEN in Dresden
Autor, Referent, Berater und Familienbegleiter im Bereich Mediensucht
Workshops und Coachings mit jährlich über 13.000 Teilnehmern
Zertifiziert durch den Deutschen Verband für Neuro-Linguistisches Programmieren (DVNLP)       
www.florian-buschmann.de

Florian Buschmann bietet regelmäßig einen kostenlosen Workshop für Eltern an:
„Mediensucht und Nutzung bei Teenagern – wie Sie Ihr Kind zurückgewinnen“
www.florian-buschmann.de/live-workshop

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