In einem alten Haus in Berlin

Von Ingrid Exo

Wenn man in einem Altbau wohnt, ist es doch eine faszinierende Vorstellung, sich zu überlegen, was dieses Haus schon alles gesehen hat. Wer dort, wo wir heute auf dem Sofa sitzen, vor uns gesessen, gelebt und gearbeitet, gestritten oder sich miteinander des Lebens erfreut hat. Wie es wohl aussah, bevor das Haus gründlich saniert und umgebaut wurde.

Kathrin Wolf hat das auch beschäftigt, und sie hat einen Streifzug durch 150 Jahre deutscher Geschichte unternommen. Sozusagen am Modell dieses Hauses werden markante Etappen dieses historischen Zeitraums illustriert.

1871 wird das Haus fertiggestellt. In die sogenannte Beletage, das besonders repräsentative erste Geschoss, zieht die Familie des Apothekers Schwartz, der das Haus errichten ließ. Fünf Generationen dieser Familie werden in diesem Haus leben und uns einen Einblick in ihre persönliche Epoche geben – in Gründerzeit, Kaiserreich und die Zeit der Weltkriege, in die Zeit von Mauerbau, DDR-Alltag und Mauerfall und schließlich der Jetztzeit.

Erzählt wird stets aus der Perspektive der jeweils jüngsten Familienmitglieder, überwiegend Kinder; sie sind zwischen 7 und 16 Jahre alt und tauchen in den späteren Jahren dann auch als Erwachsene auf.

Dank der atmosphärischen Zeichnungen von Isabel Kreiz kann man sich ganz besonders gut in die vergangenen Zeiten hineinversetzen.

Wie in ein Puppenhaus, dem man das Dach abgenommen hat, kann man in die Wohnung hineinsehen und bekommt wortwörtlich ein Bild davon, wie sie zur sogenannten Gründerzeit genutzt wurde, welches Mobiliar und welche Einrichtungsgegenstände es gab. Eine Toilette mit Wasseranschluss war zu der Zeit eine ganz besondere Errungenschaft und sehr modern.

So gibt es zu jeder geschichtlichen Station einen erzählerischen Bericht und eine weitere Doppelseite wie eine Schautafel; sie enthält exemplarische Alltagsgegenstände (als Illustration oder Abbildungen von Zeitungen, Plakaten, Zeugnissen und dergleichen).

So erfährt man vom Kuriosum des Berliner Doppelbartschlüssels; Volksempfänger, Fernseher und „Rosinenbomber“ finden ebenso ihren Platz wie Lebensmittelmarken und die „Bärenmark“, später auch Barbie und Nintendo.

Nach dem Mauerfall 1989 wird die Geschichte des Hauses noch mit den Stationen in den Jahren 2002 und 2021 erzählt; aus der Apotheke der Gründerzeit ist nun ein Café geworden – denn auch Kuchen ist Medizin, Medizin für die Seele.

Es war sicher nicht ganz leicht, die markantesten Geschehnisse dieser 150-jährigen Geschichte auszuwählen und sie repräsentativ zu schildern. Insbesondere einen kindlich unbedarften Blick auf den Nationalsozialismus und die Verfolgung der jüdischen Nachbarn zu werfen, ist auf so geringem Raum ein fast schon heikles Unterfangen, das hier stark über Spielzeug und Jugendorganisationen vermittelt wird.

Das Buch entstand in Zusammenarbeit mit dem Stadtmuseum Berlin, Autorin Kathrin Wolf war dort verantwortlich für museumspädagogisches Story-Telling – das prägt den aufklärerisch erzählenden Stil.

So ermöglicht das Buch je nach Muße und Temperament verschiedene Zugangsweisen zu diesem Panorama deutscher Geschichte. Man kann sich in die etwas längeren Begleittexte vertiefen oder in den „Ausstellungsstücken“, den repräsentativen Alltagsgegenständen und ihren Kurzerläuterungen, stöbern. Und für Detailfragen und Ergänzungen gibt es auch noch ein Glossar. Kurz: Geschichte lehrreich, spannend und kurzweilig. Ein Grundstein für mehr Neugier auf das, was uns zu dem machte, was wir heute sind.

Buchcover In einem alten Haus in Berlin

Kathrin Wolf (Autorin), Isabel Kreitz (Illustratorin)
In einem alten Haus in Berlin.
Ein Streifzug durch 150 Jahre Geschichte.
Verlag: Gerstenberg
Alter: ab 10 Jahre

Außerdem:
Das Haus zum Nachbasteln: www.gerstenberg-verlag.de/blog/schule/unterrichtsmaterial-5-13/3d-modell-zu-in-einem-alten-haus-in-berlin

Das Geschichtsforscherheft: www.gerstenberg-verlag.de/blog/schule/unterrichtsmaterial-5-13/geschichts-forscherheft

https://www.gerstenberg-verlag.de/out/media/9783836960885_Unterrichtsmaterial.pdf

Tipp für Fortgeschrittene (und Erwachsene):
Jan Konst
Der Wintergarten
Eine deutsche Familie im langen 20. Jahrhundert

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