Mit Kindern kochen und frische, vielseitige Lebensmittel kennenlernen – dafür engagiert sich die Ernährungsinitiative „Ich kann kochen“ der Sarah Wiener Stiftung und der Barmer. Sie bilden kostenfrei das pädagogische Personal von Kitas und Schulen sowie Küchen- und Hauswirtskräfte zu „Genussbotschaftern“ aus, vermitteln Kochtipps, sicheren Umgang mit Messern und praktikable Rezepte, auch für die Familienküche. Wir haben eine Leipziger Kita beim gemeinsamen Zubereiten und Essen besucht.
Die Genussbotschafterin Ellen Borsdorf empfängt mich und Claudia Szymula, Pressesprecherin der Barmer Krankenkasse Sachsen, die große Tüten mit Überraschungen bei sich trägt. Wir werden in die Cafeteria geführt – ein heller Raum mit einer Küchenzeile in kinderfreundlicher Höhe, Regalen mit Bildbeschriftungen sowie unterschiedlich kleinen Tischen und Stühlen. Hier frühstücken die Kinder gemeinsam, die schon ganz früh kommen. An der Wand steht in großen Lettern „Um die Welt – im Planetenviertel.“ Diese Zeile verdeutlicht den Alltag dieser Kita: Hier, nahe der Uranusstraße und dem Jupiterplatz, bringen 180 Kinder etwa 20 Sprachen, ländertypische Gewohnheiten und Bedürfnisse mit. Es ist eine sogenannte Komplex-Kita für Krippen- und Kindergarten-Kinder ohne und mit Beeinträchtigungen sowie teils heilpädagogischem Förderbedarf.
GEDECKTER TISCH
Für fünf Kinder ist ein Tisch gedeckt, neben frischem Brot und Getränken stehen etliche leere Schraubgläser bereit und laden zum gemeinsamen Tun ein. Ellen Borsdorf ist Logopädin und keine Kochexpertin, gesteht sie lächelnd. Ihren Enthusiasmus fürs Kochen mit Kindern erklärt sie so: „Ich nutze verschiedene Möglichkeiten, Kinder sprachlich und sozial zu fördern. Gemeinsames Kochen gehört definitiv dazu.“ Aus diesem Grund absolvierte sie die Basisschulung und die Aufbaufortbildung der Initiative „Ich kann kochen“. Für das heutige Kochprojekt unterstützt Erzieherin Diana Leschin die Fünfergruppe: vier Kinder aus Hummel-, Otter- und Elefantengruppe, das fünfte Kind holt Ellen Borsdorf aus einer heilpädagogischen Gruppe hinzu.
VON DER SCHLAGSAHNE ZUR BUTTER
Leonie, Matheo, Solomiia, Dunja und Samu sitzen an ihren Plätzen und schauen mit großen Augen auf Ellen, die erläutert, dass wir heute Schüttelbutter machen wollen. Gemeinsam finden sie heraus, was man dafür braucht – und schon bald fließt Schlagsahne in Gläser, dann wird zugeschraubt und losgeschüttelt, ein Schüttellied unterstützt den Rhythmus. „Ich weiß, was da passiert, die Schlagsahne wird dicker“, sagt Leonie und will gleich mal nachschauen. Ellen schaut mit ins Glas und meint: „Das ist nun geschlagene Sahne, aber noch keine Butter, du musst noch weiterschütteln“. Bei Solomiia hört sich das Schütteln verändert an: „Da ist ein Klumpen.“ Und Samu meint: „Ich höre auch so was“. Allerdings bemerkt einer nach dem anderen auch: „Das ist ja richtig anstrengend“. Also helfen die starken Erzieherinnen beim Schütteln, während die Kinder neugierig in die Gläser spähen. Schließlich hat sich in allen Gläsern ein Butterklumpen gebildet, umgeben von weißlicher Flüssigkeit. Das Ganze wird in ein Sieb gekippt, und das Staunen ist groß, dass da tatsächlich Butter liegt – teils noch etwas weich, teils richtig fest. Und die Flüssigkeit – „wer weiß, was das ist? Wer will es probieren?“, fragt Diana. Und schon schöpft Dunja mit einer Kelle die Buttermilch in Becher. Samu schmatzt: „Lecker, kann ich noch mehr?“, und Matheo findet es „irgendwie etwas eklig“.
GRÜNES ZUR VERFEINERUNG
„Wie können wir die Butter noch verfeinern?“ möchte Erzieherin Diana wissen. Die Kinder schlagen Honig und Pflaumen vor. Und Kräuter. Matheo konkretisiert: „mit Schnittlauch“. Den pflücken wir im Kräutergarten, wo in vielen kleinen Hochbeeten Grünes sprießt. Ich bewundere die Fülle und Vielfalt und werde aufgeklärt, dass die AG „Vom Beet zum Teller“ immer dienstags hier sät, pflanzt, gießt und pflegt. Und womit könnte man die Getränke noch aufpeppen? Dafür schnuppern die Kinder an den Blättern der Zitronenmelisse und pflücken die ersten roten Perlen der Johannisbeeren. Naschen ist selbstverständlich erlaubt!
Zitronenmelisse und zerdrückte Beeren kommen in die Wasserkaraffe. Die Erwachsenen zeigen, wie man mit scharfen Messern umgeht und damit Kräuter zerkleinert. Das klappt unterschiedlich gut, doch mit etwas Hilfe entsteht reichlich Kräuterklein. Dann bittet Ellen Dunja ihr mit dem großen Messer beim Brotschneiden zu helfen. Das kann nämlich ganz schön anstrengend sein!
Endlich dürfen wir essen: selbst geschüttelte Butter mit selbst gezogenen Kräutern auf selbst gekauftem Brot, dazu selbst gemixte Kräuter-Beeren-Limonade. Für die Süßmäulchen gibt‘s regionalen Honig, außerdem gibt es Käse und Weintrauben, so ist für jeden Geschmack etwas dabei. Die Kinder helfen beim Aufräumen, und ich beobachte, wie Dunja sich an Ellen wendet: „Kann ich das Rezept haben?“ Um sicherzugehen, mich nicht verhört zu haben, frage ich nach. Ja, sie will es für zu Hause haben – ich bin beeindruckt. Claudia Szymula von der Barmer nimmt das zum Anlass, weitere Rezeptkärtchen, Kochlöffel, das Gemüse-Obst-Kartenspiel Schmackofatz und Ausmalbücher zu überreichen. Für mich war nicht nur die Schüttelbutter und das aufmerksame, fröhliche Tun der Kinder ein Geschenk, sondern auch der Einblick in den städtischen Eigenbetrieb der Behindertenhilfe (SEB). Hier gibt es neben Kaufmannsladen und Kletterwand auch zwei Rucksackbibliotheken sowie eine Märcheninsel mit achtsprachigen Büchern und Hörspielen. Letztes Jahr wurde noch etwa einmal monatlich gekocht und gebacken, derzeit fehlen leider die finanziellen Mittel für diese Regelmäßigkeit. Ellen Borsdorf jedenfalls ist voll dabei – als sehr engagierte Genussbotschafterin.
Initiative für gesunde Ernährung „Ich kann kochen“ Insbesondere die Kinder sollten frühzeitig lernen, was ursprüngliche Lebensmittel sind, wie sie schmecken und wie man selbst kocht. Vor allem Kinder, die zu Hause weniger damit in Berührung kommen. Mit diesem Anliegen hat die Köchin Sarah Wiener ihre Stiftung gegründet und wird bei diesem Vorhaben seit 2015 von der Barmer unterstützt. Kostenfrei werden Genussbotschafter ausgebildet. Sie bekommen in Präsenz oder online von der Sarah Wiener Stiftung didaktisches und methodisches Handwerkszeug, Bildungsmaterial, Rezepte, Anregungen, alles einfach und praktisch. Sie tragen es in die Kita oder Grundschule, motivieren andere Fachkräfte. Vor allem aber motivieren sie die Kinder, die tragen es in ihre Familien und in ihr Erwachsenenalter. Es braucht keine Kochkünste und keine Lehrküche; ein Raum mit Wasseranschluss und Kochplatten reicht.
Familienküche Mehr Entspannung am Esstisch zu Hause, Tipps fürs Kochen mit Kindern, Ideen für die Essensplanung, Rezepte für einfache Gerichte, die Erwachsenen und Kindern schmecken – das alles bietet die Familienküche. Wie ein sicherer, kindgerechter Arbeitsplatz in der Küche aussehen sollte, lernt man auch. Entstanden ist die Familienküche durch die Kinder, die ihre Kocherlebnisse und Lebensmittelkenntnisse aus der Kita oder Grundschule nach Hause getragen haben. Um diese Impulse in den Familien zu verankern, gibt’s nun reichlich Anregungen auf einer Homepage, in Webinaren und einem Online-Kochbuch. www.familienkueche.de
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