Dyskalkulie – endlich als Teilleistungsschwäche anerkennen!

Von Susan Künzel
buntes grafisches Bild zu Dyskalkulie

Dyskalkulie ist in vielen Bundesländern als Teilleistungsschwäche anerkannt. Dadurch sind dort Nachteilsausgleich und spezielle Förderungen möglich, ähnlich wie bei der Lese-Rechtschreib-Schwäche. Nicht so in Sachsen, hier finden betroffene Kinder und Familien wenig Unterstützung, schon die Diagnostik ist problematisch.
Die studierte Dyskalkulie-Trainerin und Lerntherapeutin Elena Biryukova hofft auf einen generellen Kurswechsel durch eine von ihr initiierte Petition, die vom Landeselternrat sowie Landesschülerrat unterstützt wird.

Frau Biryukova, Sie sind diplomierte Dyskalkulie-Trainerin und Lerntherapeutin und haben zuvor etliche Jahre als Grundschullehrerin gearbeitet. Was hat sie zu dieser Spezialisierung für Legasthenie und Dyskalkulie motiviert?
Das Schulsystem hat mich dazu bewogen, da ich den Kindern endlich gezielt helfen wollte. Ich hatte damals mehrere Kinder mit Dyskalkulie in der Klasse und entwickelte nächtelang Spiele und Arbeitsblätter, um sie individuell fördern zu können. Aber mit 28 Schülern in der Klasse ist es nahezu unmöglich, betroffenen Kindern adäquat zu helfen. Ich stand kurz vorm Burnout und musste etwas ändern.

Dyskalkulie bezeichnet laut WHO eine Beeinträchtigung der Rechenfertigkeiten, die nicht allein durch eine allgemeine Intelligenzminderung oder eine unangemessene Beschulung erklärbar ist. Wie sehen Sie das?
Diese Definition ist grundsätzlich richtig, erklärt es nur nicht genug. Viele betroffene Kinder sind durchschnittlich oder überdurchschnittlich intelligent und besonders kreativ. Aber es gibt durchaus auch Kinder mit Dyskalkulie, die zwar eine Unterbegabung haben, die aber dennoch nicht der Grund für die Rechenschwäche sein muss. Der wichtigste Faktor ist eine differente Sinneswahrnehmung; die Kinder sehen und hören anders, haben andere Lernfähigkeiten, einen anderen Zugang als ihre Mitschüler. Folglich benötigen sie andere Methoden als den Standardunterricht, um rechnen und schreiben zu lernen.

Die Begriffe Dyskalkulie und Rechenschwäche werden von der WHO wie auch vom Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie gleichbedeutend verwendet. Sie sehen da allerdings einen Unterschied?
Dyskalkulie ist angeboren, also genetisch bedingt. Die betreffenden Menschen haben eine andere Sinneswahrnehmung, wodurch Schwierigkeiten beim Rechnen entstehen können. Dagegen ist eine Rechenschwäche erworben, wenn das Kind zum Beispiel länger krank war oder andere physische Probleme hat, zum Beispiel mit dem Gehör oder der Sehkraft.

Was ist anders im Kopf bei Kindern mit Dyskalkulie?
Die Kinder haben sehr viele Gedanken im Kopf, viel mehr als die meisten anderen Menschen, die Hand kommt sozusagen nicht hinterher. Sie haben mehr kreative Ideen, sie sind quasi die Treiber unserer Gesellschaft. Aber sie denken anders, dadurch haben sie Schwierigkeiten mit Symbolen wie Zahlen und Buchstaben. Es können acht verschiedene Sinneswahrnehmungen betroffen sein. Oft ist es der optische Bereich, dann springen die Zahlen oder verschwimmen oder wirken dreidimensional. Das tritt eher bei kleiner Schrift auf, manchmal nur stundenweise und tagesabhängig. Im Schulsystem haben die Kinder starke Nachteile, sie werden oft als dumm abgestempelt.

Elena Biryukova, ausgebildete Lerntherapeutin und Initiatorin der Petition „Trotz Dyskalkulie/Rechenschwäche guten Abschluss in Sachsen erreichen“ (©Elena Biryukova)

Wie wird Dyskalkulie diagnostiziert?
Die gängigen Tests wie CFT1 basieren auf Sinneswahrnehmungen. Wenn ein Kind differente Sinneswahrnehmungen hat, kann es diese Tests nicht bestehen. Die Werte werden von den Ärzten nicht richtig interpretiert. Es folgen Empfehlungen für die Förderschule, obwohl sie in Deutsch und anderen Fächern Einsen haben, nur in Mathe Fünfen und Sechsen. Auf der Förderschule sind die Kinder verloren, ihnen wird weder bei ihren individuellen Schwierigkeiten noch entsprechend ihrer Begabung geholfen.

Was ist Ihr Ansatz? Wie helfen Sie den Kindern und Jugendlichen mit Dyskalkulie?
Ich teste mit der AFS-Methode nach Dr. Astrid Kopp-Duller, das A steht für Aufmerksamkeit, F für Funktion, S für Symptom. Der Test ist in etlichen Sprachen verfügbar. Es werden die akustische und optische Differenzierung, Gedächtnis und Serialität (Erinnerungsvermögen für bestimmte Abfolgen) getestet, die Raumorientierung und das Körperschema. Bei der Therapie trainieren wir die Aufmerksamkeit, lenken bewusst die Gedanken und schulen die betroffenen Sinneswahrnehmungen. Ganz wichtig ist zudem, am Symptom zu arbeiten, also nicht am Stoff, der gerade in der Klassenstufe dran ist, sondern genau an der Stelle, an der das Kind seine Schwierigkeiten hat. Ich nutze spezielle Techniken wie zum Beispiel die Würfelmethode, denn die betroffenen Kinder haben spezielle Lernfähigkeiten, an denen man ansetzen muss.

Fünf von 50 Hinweisen auf mögliche Dyskalkulie:
1. Zahlenverwechslungen wie z. B. 38 und 83
2. Das Ordnungsgefühl ist schlecht ausgeprägt
3. Das Rechnen funktioniert an manchen Tagen besser als an anderen
4. Es gibt Schwierigkeiten bei den Grundrechenarten
5. Zahlen werden beim Abschreiben falsch geschrieben

Wie zeitig sollte man Dyskalkulie erkennen, um zu helfen?
Am besten wäre, wenn bereits im Vorschulalter ein Pädagogischer Sinneswahrnehmungstest (PSV) gemacht würde. Auf jeden Fall aber in der ersten Klasse der Test nach der AFS-Methode. Die derzeitigen Tests sind zu pauschal; man muss die Bewegungen der Augen, der Nase betrachten, um festzustellen, ob das Kind nur zählt. Wenn es jahrelang nur zählt, ist es schwer, diesen Schritt zu überwinden.

Nun zu Ihrer Petition. Worin liegt das Hauptproblem hier in Sachsen?
Dyskalkulie ist in Sachsen nicht als Teilleistungsschwäche anerkannt, es gibt keinen Nachteilsausgleich. Die Diagnose ist schwierig, da Dyskalkulie nicht Teil des Lehramtsstudiums ist und es keine verpflichtende Weiterbildung für Lehrkräfte gibt. Oft wird das Problem bei den Kindern nicht erkannt oder falsch gedeutet. Schüler müssen dann die Schulen wechseln, was nicht ihren Begabungen entspricht. Eine Förderung innerhalb der Schule ist kaum möglich, da die Lehrkräfte damit überfordert sind. Die vorgegebenen Fördermaßnahmen sind nur für Fünft- und Sechstklässler ausgelegt, nicht für Grundschüler oder ältere Kinder, und unter den schulischen Umständen nicht umsetzbar. Für außerschulische Förderung gibt es keine Unterstützung, beziehungsweise die Kosten werden erst übernommen, wenn ernsthafte psychische Erkrankungen vorliegen. Das wird sogar in verschiedenen sächsischen Landkreisen unterschiedlich bewertet. Hier in Nordsachsen reicht nicht mal ein Attest von einem Psychologen, das Kind muss erst in den Brunnen gefallen, also psychisch erkrankt sein, bevor etwas passiert. Und es betrifft immerhin 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung.   

Was erhoffen Sie sich durch die Petition?
Es sollte unbedingt einen Nachteilsausgleich geben, mehr Zeit, am besten doppelt so viel. Die Kinder sollten Hilfsmittel, die höheren Klassenstufen die Formelsammlung wieder nutzen dürfen, das wurde erst kürzlich weggenommen. In der Aufgabenstellung sollte ein Beispiel stehen. Zumindest eine Zeit lang sollte man die Notengebung aussetzen. Ist da ständig eine 6, motiviert das nicht. Die Verbesserung von einer 5 auf 4 oder von 4 auf 3 wirkt dann schon motivierend.
Es bräuchte kleinere Klassen oder zwei Lehrer pro Klasse, nur dann können Lehrer individuell einwirken. Und natürlich muss die Förderung bezahlt werden, ohne dass ein Kind erst psychisch krank werden muss. Es braucht eine frühzeitige Diagnostik mit frei wählbaren Testungen bei anerkannten Organisationen und diplomierten Trainern, die auch entsprechend sensibel vorgehen.

Wie ist der aktuelle Stand?
Es gab Expertenanhörungen im Petitionsausschuss, im Kultusministerium und im Bildungsausschuss im Landtag. Nun heißt es: Weitere Maßnahmen sollen geprüft werden. Die Mühlen mahlen langsam, immerhin ist etwas in Gang gekommen. Ich werde auf meiner Webseite aktuelle Informationen notieren. Für mehr politische Arbeit fehlt mir die Zeit, ich habe Schüler, und ich bin Lehrerin aus ganzem Herzen.

Was raten Sie Eltern und betroffenen Kindern und Jugendlichen?
Nicht aufgeben, Hoffnung haben und das Kind emotional stärken. Als Eltern sollten Sie sich auf die Begabungen Ihres Kindes konzentrieren, auf die Dinge, die ihm gut gelingen. Ganz wichtig ist: Loben – gerade in Mathe – für jeden kleinen Schritt.
Auch die Ernährung spielt eine Rolle. Neue Studien besagen, dass viele Kinder mit Dyskalkulie oder Legasthenie eine andere Darmflora haben. Weniger Süßigkeiten und gute, natürliche Nahrungsmittel, gegebenenfalls eine Nährstofftherapie, können die Gehirnfunktionen gut unterstützen.
Zudem sollten Sie sich eine gute Hilfe suchen.

Was macht eine gute Hilfe aus?
Am besten Spezialisten, welche die AFS-Methode anwenden. Meine Erfahrung zeigt, dass diese am effektivsten ist. Gerne ermutige ich Lehrer, diese Methode durch ein Fernstudium zu erlernen, um den Kindern wirklich zu helfen. Unterstützung und Kontakte finden Eltern und Lehrer zum Beispiel beim Bundesverband Legasthenie & Dyskalkulie e.V.

Kontakt zu Mag. Elena Biryukova: lerntherapie-delitzsch.de
Petition „Trotz Dyskalkulie/Rechenschwäche guten Abschluss in Sachsen erreichen“

Weitere Informationen gibt es beim Bundesverband für Legasthenie und Dyskalkulie: Infomaterial, einen Ratgeber von A-Z sowie (teils nur für Mitglieder) Wissenswertes zu Hilfsmöglichkeiten allgemein und technischen Hilfsmitteln im Besonderen.
Außerdem Verhaltenstipps für Eltern.

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