Depression: Jungs leiden anders

Von Beate Splett
Rückansicht von Vater und Sohn beim Spazierengehen im Herbstwald


Etwa drei bis zehn Prozent der Jugendlichen im Alter zwischen 12 und 17 Jahren erkranken aktuell an einer Depression. Während Mädchen meist offener damit umgehen, reden Jungs weniger darüber. Umso schwieriger ist es, ihre seelischen Nöte zu erkennen. Wir haben mit Dr. Michael Kroll über Symptome, Ursachen und geeignete Hilfen gesprochen.

Laut der Stiftung Deutsche Depressionshilfe erkranken Mädchen im Jugendalter dreimal so häufig an einer Depression wie Jungen. Doch bei Jungen und männlichen Jugendlichen unterscheiden sich die Symptome. Während Mädchen oft Probleme mit dem Selbstwert, Ängste oder Schuldgefühle haben, fallen Jungen eher durch aggressives Verhalten, Wut und Gewalt auf.

„Wir sehen es bei männlichen Patienten auch wesentlich häufiger, dass sie nicht darüber sprechen und oft nicht in der Lage sind, die Dinge wahrzunehmen und zu benennen“, erläutert Dr. Michael Kroll, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Helios Park-Klinikum Leipzig. „Wir haben ein Massenphänomen, dass Jungs durch Aggressivität aus ihren Settings rausfallen. Sie werden dann oft in Kinderpsychiatrien vorgestellt und dann erweist es sich tatsächlich häufig, dass da auch Depressivität eine Rolle spielt.“

Dr. Michael Kroll (© Christian Hüller)
Dr. Michael Kroll (© Christian Hüller)

WER BIN ICH UND WAS KANN ICH?


Wie bei Erwachsenen können auch schon in jungen Lebensjahren verschiedene Ursachen hinter einer Depression stecken. Risikofaktor ist eine genetische Vorbelastung. So haben etwa Kinder depressiver Eltern ein erhöhtes Risiko, selbst an einer Depression zu erkranken. Die Situation in der Familie, das Einkommen, aber auch Bildungschancen und Mobbing sind ebenfalls wichtige Faktoren.
Hinzu kommen weitere Themen, die Jungen zusätzlich belasten, das moderne Männerbild etwa. „Da sieht man wirklich, dass diese Identitätsfrage für junge Männer anspruchsvoller geworden ist: Wofür stehe ich? Welche Rollen habe ich in der Familie? Was kann ich wirklich gut? Die klassische Rollenaufteilung wird inzwischen stark hinterfragt. Das ist für viele Männer ganz allgemein verunsichernd und für Heranwachsende nochmal im besonderen Maße.“

Auch Krisen spielen eine Rolle. Doch es sind weniger die großen, globalen Probleme. „Der Leipziger Psychologe Julian Schmitz hat gezeigt, dass einen Krisen, die man mit Gleichaltrigen und mit den Eltern hat, weiterhin am stärksten betreffen. Stress mit der Mutter oder mit dem besten Freund – solche Sachen gehen einem noch mal deutlich näher als die Multikrisen“, weiß auch Dr. Michael Kroll aus seinen Erfahrungen mit den jungen Patienten.  

„Frühe Bindungen, Bindungssicherheit, Selbstakzeptanz sind in dieser frühen Lebensphase besonders wichtig. Es ist wichtig, dass wir für die Kinder Zeit haben und dass wir präsent zur Verfügung stehen. Jedes Kind ist vom Temperament her ein bisschen anders und ich glaube, jeder von uns sehnt sich ein Leben lang danach, so akzeptiert zu werden, wie er ist. Wenn wir es schaffen, eine gewisse Individualität zu akzeptieren, dann können wir Fehlentwicklungen vermeiden“, ist der Experte überzeugt.

SCHWERTKAMPF UND SPAZIERGÄNGE

Ein weiteres großes Thema sieht der Kinder- und Jugendpsychiater in der Kommunikation: „Da geht es nicht nur um verbalen Austausch, sondern auch um andere Schwingungen. Wir Erwachsene neigen dazu, rasch eine Antwort zu geben. Und die Kinder merken dann, das ist jetzt so eine schnelle Antwort, die soll vor allem heißen: Lass mich in Ruhe. Und deshalb ist es zentral, das Sprechen tatsächlich zu üben, dieses Sprechen oder überhaupt Kommunikation attraktiv zu gestalten.“
So gehören inzwischen therapeutische Spaziergänge mit den Patienten an der Klinik  zum Standard. „Mit Jugendlichen kann man häufig besser im Auto reden oder während sie gemeinsam gehen. Dieses typische Am-Tisch-Sitzen und sich anzuschauen, das ist teilweise befremdlich und eher konfrontativ. Es geht darum, eine Vertrauensbasis aufzubauen.“

Auch wenn die Ursachen für depressive Erkrankungen vielleicht ähnlich sind, brauchen Jungen andere Therapieangebote als Mädchen. Reine Gesprächstherapien, vor allem mit anderen in der Gruppe, helfen ihnen oft kaum. „Scham ist bei den Jungs hier ein riesiges Thema und auch ein Thema, das wir häufig übersehen“, glaubt Dr. Michael Kroll.

Doch er kennt auch gute Beispiele, solche, bei denen es gelingt, besonders auf die Bedürfnisse der Patienten einzugehen: „Gesprächstherapie ist für Jungs nicht immer das Richtige, gerade, wenn sie sich wenig öffnen und artikulieren können. Wir haben einen Ergotherapeuten, der macht gerade eine Schwertkampfgruppe mit Kids, die Rangeleien suchen, die sich dabei spüren wollen. Diesen Drang mit etwas zu kombinieren, bei dem es auch um Impulsivität, um Körperbeherrschung und das Miteinander geht, ist genau das Richtige.“
Da erfahren wir mehr über ihr Handeln, das man dann nochmal gemeinsam anschaut.
In der Therapie werden neben den Jugendlichen auch die Familien und enge Bezugspersonen einbezogen. Sie haben oft ganz eigene Sorgen. „Mich beeindruckt immer, wie viel Ohnmacht Eltern aushalten müssen, wie schlimm das ist, wenn man Angst haben muss, dass der Junge sich was antut und er einen gar nicht richtig an sich ranlässt. Ich sage immer, ich hätte lieber ein gebrochenes Bein, wo absehbar ist, es wird vielleicht operiert und heilt irgendwann wieder. Aber diese Ohnmacht auszuhalten: Wie geht das weiter? Wie wird sich das entwickeln? Da habe ich immer viel, viel Respekt vor den Familien, die das ständig aushalten müssen.“

VORBEUGEN IN KITA UND SCHULE

Kindergärten und Schulen können aus Sicht von Dr. Michael Kroll Präventionszentren sein, wenn sie richtig ausgestattet sind und auch die Eltern integrieren: „Das sind die Orte, wo wir psychische Erkrankungen verhindern oder zumindest abschwächen können, wenn wir den Menschen rechtzeitig die Kraft geben, gut auf sich selbst zu achten.“  

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