Wenn das Leben zu früh beginnt

Von Claudia Hempel
Die Hand des Neugeborenen streckt sich aus der Decke im Inkubator

Sie sehen aus wie kleine Gewächshäuser auf Rollen, doch hier wachsen, geschützt unter Glas, keine Pflanzen, sondern kleine Menschen. Sehr kleine Menschen. Frühchen. Winzige Zehen, winzige Finger, winzige Ärmchen und Beinchen. Als Frühchen bezeichnet man Kinder, die bis zu 16 Wochen vor dem erwarteten Geburtstermin zur Welt kommen.

Durchschnittlich kommt eines von zehn Kindern zu früh auf die Welt, eines von hundert Kindern ist eine extreme Frühgeburt mit einem Geburtsgewicht von unter 1500 Gramm. Bei diesem Gewicht braucht es spezialisiertes Personal aus Ärztinnen und Ärzten, Schwestern und Pflegern, aber auch Eltern, die mit vereinten Kräften das kleine Wesen beim holprigen Start ins Leben begleiten. In der Dresdener Uniklinik gibt es für solche Frühchen eine große Station „rollender Gewächshäuser“, also Inkubatoren, die teilweise mit Windeln oder Decken verhangen sind, um die Kleinen vor dem grellen Licht der Station zu schützen. Daneben stehen oder sitzen aufgeregt, erwartungs- und hingebungsvoll Mütter, Väter, Elternpaare. Sie besuchen ihr Kind, ihr Frühchen.
Je höher die Geburtenrate, desto höher auch die Gesamtzahl potenzieller Frühgeburten in einer Region. Und je älter eine Frau ist, desto wahrscheinlicher sind Mehrlingsschwangerschaften oder Frühgeburten.

VORZEIGEANGEBOT: FamilieNetz

Am Uniklinikum in Dresden werden Frühgeburten nicht nur bestens betreut, hier gibt es auch ein spezielles Angebot, welches deutschlandweit seinesgleichen sucht, das sogenannte FamilieNetz. Das Netz im Wort steht für Neugeborenes und Eltern als Team im Zentrum – ein etwas sperriges Wortkonstrukt mit einmaligem Inhalt.
Hier findet nämlich eine besonders intensive Vor- und Nachbereitung rund um die Geburt des Frühchens statt. Eltern erhalten umfassende Schulungen und Anleitungen sowie psychologische Betreuung, eben all das, was man braucht, um mit der besonderen Situation umzugehen, die ein Frühchen mit sich bringt. Aber Eltern lernen hier auch, welche Bedürfnisse so ein Winzling hat, was er mag oder nicht mag und wie er das alles mitteilt. Eine plötzlich hochgerissene Hand mit fünf weit geöffneten Fingern ist ein eindeutiges Stresssignal. Das muss man wissen. Und selbst Streicheln will gelernt sein – Frühchen können mit zarten Berührungen wenig anfangen, was sie brauchen, ist leichter Druck. Direkter Hautkontakt mit den Eltern ist besser als ewiges Liegen im Inkubator. Doch Herausnehmen und Hineinlegen bedeutet wieder Stress für das kleine Wesen.
Es hat sich viel geändert in den letzten Jahren. Vor einiger Zeit waren Ärzte noch der Meinung, dass ein Frühchen im Inkubator am besten aufgehoben ist – wo es regelmäßig beatmet wird und vor Keimen besser geschützt ist. Nun hat man erkannt, dass regelmäßiger Körperkontakt das Frühgeborene ruhiger macht. Die Atmung wird gleichmäßig, der Blutdruck sinkt, das Gehirn bekommt positive Signale. Tastsinn und Gehirn sind eng miteinander gekoppelt – je mehr Körperkontakt Frühgeborene erleben, desto besser kann auch ihr Gehirn wachsen.

AUCH VIA SMARTPHONE DEM KIND NAH SEIN

Das alles erfahren und erleben Eltern am Dresdener Uniklinikum in speziellen Beratungen wie der videogestützten Interaktionsberatung. Hier werden Eltern beispielsweise beim Baden ihres Kindes gefilmt. Später wird diese Situation mit den Eltern detailliert ausgewertet. Wie reagiert das Kind auf Ansprache? Wann schreckt es auf? Und warum? Wann wird es wieder ruhig? Wie signalisiert das Kind Befriedigung, Angst, Hunger oder Kälte?
Technik und körperliche Nähe gehen dabei Hand in Hand. Auch wenn die Eltern nicht jeden Tag rund um die Uhr bei ihrem Kind sein können, ermöglicht ihnen eine App, an seinem Alltag teilzuhaben. Das Kind wird auf der Station gefilmt, und sein Verhalten kann über das Smartphone jederzeit beobachtet werden. Ärzte und Psychologen fanden heraus, dass die Neugeborenen und ihre Eltern von dieser Interaktion gleichermaßen profitieren. Eltern, die ihre Kinder häufiger beobachten, können auch schneller und sicherer ihre Bedürfnisse lesen und adäquat darauf reagieren.

DAS ELTERNHAUS

Auch Eltern, die nicht in Dresden wohnen, bietet die Uniklinik die Möglichkeit, ihrem Kind nah zu sein. Sie können ein paar Schritte von der Klinik entfernt im Elternhaus übernachten. Wer mag, kann sich mit anderen Eltern austauschen. Dieser Kontakt ist sogar erwünscht und wird gefördert; deshalb hat keines der Zimmer einen Fernseher, der steht im Gemeinschaftsraum. Doch meist ist er aus, denn der Gemeinschaftsraum ist ein Treffpunkt für die Mütter und Väter – dort sprechen sie über ihre Erfahrungen, können auch mal durchatmen oder sich fallen lassen. Getreu dem Motto: Geteiltes Leid ist halbes Leid, geteilte Freude ist doppelte Freude.
Bezahlt wird dieses Projekt von den Krankenkassen, andere Kliniken in Deutschland haben großes Interesse bekundet, das in Dresden entwickelte System zu übernehmen.

Das Uniklinikum Dresden hat eines der größten Perinatalzentren Deutschlands.
Das Wort perinatal setzt sich aus dem griechischen „peri“ für „nahe bei“ und dem lateinischen „natalis“ („die Geburt betreffend“) zusammen.

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