Ab auf den Acker!

Von Claudia Hempel
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©GemüseAckerdemie Kristian Barthen

Wer im Sommer Kartoffeln, Kohlrabi oder Kresse ernten möchte, sollte sich bald um die Bestellung des Ackers kümmern. Doch worauf kommt es an, damit man am Ende auch was Essbares ernten kann? Die GemüseAckerdemie hat es sich auf die Fahnen geschrieben, Schulen und Kindergärten dabei zu unterstützen, einen Acker als Lernort anzulegen.

Mittlerweile gibt es insgesamt 1.350 Schulen und 520 Kitas, die von der GemüseAckerdemie begleitet werden – in Sachsen sind es 16 Kitas und 28 Schulen.
Begonnen hat alles vor fast zwei Jahrzehnten. Der Bauernjunge Christoph Schmitz wächst auf dem Land auf, auf einem großem Hof. Als Erwachsener zieht er in die Großstadt. Als seine Tochter geboren wird, überlegt er: Wie wird sie eines Tages mal wissen, wie Pflanzen wachsen? Wie Gemüse aussieht, bevor es in den Supermarkt kommt? Was Gemüse braucht, außer Erde, Wasser und Sonne?

Logo GemüseAckerdemie
„FÜR EINE GENERATION, DIE WEIß, WAS SIE ISST“

Ein paar Ideen und Recherchen später gründet der Agrar- und Wirtschaftswissenschaftler Christoph Schmitz 2014 die Ackerdemie – zuvor initiiert er noch ein landwirtschaftliches Projekt in Ghana und promoviert in Potsdam am Institut für Klimafolgenforschung. Mit seiner Ackerdemie will er nichts Geringeres als eine gesellschaftliche Veränderung in der Bildungslandschaft anstreben.
Denn das Problem liegt auf der Hand: Kinder haben heutzutage immer weniger Bezug zur Natur, zur Umwelt und damit auch zur Lebensmittelproduktion. Fast ein Drittel aller Nahrungsmittel wird weggeworfen. Frische Lebensmittel werden kaum gegessen. Diese Form der Ernährung führt in Verbindung mit einem extremen Bewegungsmangel zu typischen Zivilisationskrankheiten wie Übergewicht und Diabetes.

Die Idee, die aus diesem besorgniserregenden Befund folgt? Wenn Kinder ein tieferes Verständnis für die Dinge bekommen, die sie essen, lernen sie auch die Natur und ihre Umgebung neu kennen und schätzen. Der Leitspruch des Vereins lautet daher: „Für eine Generation, die weiß, was sie isst“. Unkompliziert, anpackend und unmittelbar wirkungsvoll.

Das Programm erstreckt sich über das ganze Jahr. Denn erst mit diesem Jahreszyklus ergibt sich das gesamte Bild vom Werden und Vergehen. Wie wird aus einem Samenkorn ein junger Setzling? Wie schütze ich Jungpflanzen vor Frost? Oder vor Hagel? Vor Schnecken? Aber auch: Wie fühlt sich denn ein Regenwurm an?
Die Ackerdemie stellt den Schulen und Kindergärten alles zur Verfügung – tatkräftige Hilfe in Form von sogenannten Acker-Coaches und ein umfangreiches digitales Lern- und Lehrprogramm, welches – nach Regionen sortiert – an die jeweiligen Klassenstufen angepasst ist. Dazu gibt es wöchentliche Acker-Mailings und Fortbildungen für die Lehrkräfte.

Das digitale Lernprogramm ist vielfältig und innovativ. Beim Spiel „Räuber – Beute – Gleichgewicht“ beispielsweise erkundet man das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Marienkäfern und Blattläusen. Was passiert, wenn zu viele Marienkäfer auf zu wenig Läuse treffen? Oder andersherum? Wie kann man dafür sorgen, dass ein Gleichgewicht besteht?

Auch Kreativität ist gefragt: Werbeplakate und Werbefilme für ein bestimmtes Gemüse werden entworfen. Es gibt Rollenspiele, Quizshows und Filmvorführungen. Die Themenvielfalt ist beeindruckend; auch politische Fragen wie Wem gehört das Land? werden thematisiert.

AUCH LEHRER UND KINDER LERNEN SICH NEU KENNEN

Beim Arbeiten auf dem Acker passiert noch viel mehr, was eigentlich gar nichts mit Gemüse zu tun hat. Plötzlich lernen Lehrkräfte Kinder von einer ganz anderen Seite kennen. Kinder können ihre Stärken anders zeigen und auf dem Acker darf experimentiert werden. Dadurch entsteht eine völlig neue Form der Selbstwirksamkeit. Wer im Klassenzimmer ständig unaufmerksam ist, wird jetzt womöglich zu einem geduldigen Gärtner.
So stellen Lehrkräfte immer wieder überrascht fest: „Die Gemüseackerdemie ist etwas vom Sinnvollsten, was es an dieser Schule gibt. Ich erlebe meine Klasse hier ganz anders“, lautet das Resümee einer beteiligten Lehrerin.

Mädchen mit Gießkanne im Schulgarten
©GemüseAckerdemie
„ICH MAG NEUE WEGE, DEN FRÜHEN VOGEL UND DIE HÄNDE IN DER ERDE“

Seit seiner Gründung ist der Verein enorm gewachsen. 200 Mitarbeitende und 420 Ehrenamtliche sind hier am Werk. Finanziert wird das Programm durch zahlreiche Partner wie Stiftungen, Unternehmen und auch Krankenkassen. Einen kleinen Eigenanteil müssen die Schulen oder Kindergärten noch selbst beisteuern.
Was hingegen nicht gebraucht wird, ist Vorwissen. Alle Lehrkräfte werden geschult, Saatgut und Jungpflanzen werden gestellt.
Die Vision: Im Jahr 2030 beackert jedes Kind in der Schule sein Gemüsebeet!

Wie kann man sich bewerben?
Schulen oder Kindergärten, die einen Acker als Lernort anlegen möchten, können sich von der GemüseAckerdemie betreuen und beraten lassen.
Alles, was es braucht, ist eine Fläche zwischen 30 bis 200 m².
Die Mitarbeitenden beraten dann direkt vor Ort, helfen bei der Standortsuche, nehmen eine Bodenprobe – schließlich soll das Gemüse später auch gegessen werden – und besprechen alle weiteren Details.
Schreiben Sie eine Mail an: mitmachen@acker.co

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