Schlaganfall bei Kindern: Selten, aber nicht weniger gefährlich

Von Beate Splett
Wissenschaftliche Analyse des Gehirns im Krankenhaus, konzeptionelles Bild


Bei einem Schlaganfall denkt man meist an ältere Patienten. Doch jedes Jahr erleiden deutschlandweit auch 300 bis 500 Kinder einen Schlaganfall. Er gehört damit zu den zehn häufigsten Todesursachen bei Kindern. Wie bei Erwachsenen zählt auch bei den kleinen Patienten jede Minute.

„Im vergangenen Jahr haben wir erfolgreich zwei Zweijährige versorgt, die einen Schlaganfall erlitten haben“, erzählt Junior Professorin Cindy Richter, Fachärztin für Neuroradiologie am Uniklinikum Leipzig. Bei beiden Patienten hatte ein Blutgerinnsel ein großes Blutgefäß im Gehirn verschlossen. Sie mussten schnellstmöglich durch eine sogenannte Thrombektomie entfernt werden. Keine leichte Aufgabe für die Mediziner, denn für die winzigen Gefäße gibt es bisher keine speziellen Katheter. Hinzu kommt der Zeitfaktor: Der Eingriff ist nur dann sinnvoll, wenn noch genügend Hirngewebe zu retten ist. Das Zeitfenster umfasst wenige Stunden bis maximal 24 Stunden nach Auftreten der ersten Symptome. Werden Regionen des Gehirns über längere Zeit nicht durchblutet, können sie nicht ausreichend mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt werden. Die Folge sind Störungen und Ausfälle der betroffenen Hirnregionen mit teils starken Beeinträchtigungen von Körperfunktionen und bleibenden Behinderungen wie Lähmungen. Beiden Kindern geht es inzwischen wieder deutlich besser.

Thrombektomie
Bei der Behandlung mittels Thrombektomie wird über ein Gefäß im Arm oder der Leiste ein dünner Schlauch (Katheter) eingeführt und über das Gefäßsystem voran geschoben. Die Spitze des Katheters wird im verschlossenen Gefäß bis zum Thrombus, also an das Blutgerinnsel, herangeführt. Je nach Lage und Größe des Gerinnsels im Blutgefäß kann es dann über den Katheter abgesaugt oder mit einem feinen Drahtnetz, das aus dem Katheter heraus entfaltet werden kann, herausgezogen werden.

WER DENKT SCHON AN EINEN SCHLAGANFALL?

Im Fall eines anderen zweijährigen Jungen wurde viel wertvolle Zeit verloren. Einerseits haben die Eltern zu spät an einen Schlaganfall gedacht. Andererseits war nicht bekannt, welche Klinik auf die Schlaganfallbehandlung bei Kindern spezialisiert ist. „Bei Kindern ist es meistens so, dass sie viel zu spät zu uns kommen“, erinnert sich Professorin Cindy Richter: „Wir waren erst die dritte oder sogar vierte Klinik, die angerufen wurde.“ Im Gegensatz zur Behandlung erwachsener Patienten fehlt hier an vielen Zentren die Erfahrung.

Hinzu kommt, dass die Symptome bei Kindern weniger typisch sind als bei Erwachsenen. „Kinder sind schwerer einschätzbar. Es fällt vielleicht auf, dass alles daneben läuft bei dem Versuch, aus einem Becher zu trinken oder dass eine Hand weniger benutzt wird. Doch wer denkt dabei sofort an einen Schlaganfall?“, erklärt Cindy Richter. Außerdem können sich besonders Kleinkinder nur schwer ausdrücken. Die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe schätzt, dass ein Drittel der Schlaganfälle bei Kindern Neugeborene betrifft. Die Dunkelziffer könnte insgesamt noch um einiges höher sein, da viele Schlaganfälle nicht als solche erkannt werden. Selbst Mediziner denken bei den unspezifischen Symptomen nicht immer gleich an einen Schlaganfall.

HILFREICHES BEFAST-SCHEMA

Doch es gibt einige Anzeichen eines Schlaganfalles, die sich auch bei Kindern beobachten lassen. Besonders Eltern, bei deren Kindern angeborene Herzerkrankungen, Gerinnungsstörungen oder entzündliche Erkrankungen bekannt sind, sollten hier hellhörig werden. Das BEFAST-Schema fasst mögliche Symptome bei Kindern zusammen:

Balance, also Gleichgewicht, etwa, wenn Kindern plötzlich nicht mehr auf einem Bein stehen können oder hinken. Eyes (Augen), wenn das Kind verschwommen sieht oder ein Auge nicht mehr bewegen kann. Face (Gesicht) wenn etwa beim Lächeln ein Mundwinkel nach unten hängt. Arms (Arme), wenn beim Austrecken beider Arme ein Arm nicht oder nicht so hoch angehoben werden kann. Speech (Sprache), wenn das Kind nur undeutlich spricht und Time (Zeit), denn jede Minute zählt!

MEHR AUFKLÄRUNG NÖTIG

Das Universitätsklinikum Leipzig gehört zu einem von wenigen Zentren deutschlandweit, die Schlaganfälle bei Kindern behandeln und Thrombektomien durchführen können. „Das nahe gelegene Herzzentrum und unsere große Kinderintensivstation sind beides Faktoren, weshalb wir Schlaganfälle bei Kindern häufiger sehen“, sagt Cindy Richter. Die Ursachen dafür können unter anderem Störungen des Gerinnungssystems, Autoimmunerkrankungen oder Herzerkrankungen sein.

Um auch auf diese seltenen Fälle bei jüngeren Patienten in Zukunft optimal vorbereitet zu sein, hat ein interdisziplinäres Team aus Kinder- und Neuroradiologen, Kinderintensivmedizinern, Kinderärzten, Neurologen, Hämostaseologen (Experten für Blutgerinnung) und Anästhesisten des Universitätsklinikums Leipzig jetzt eine eigene Verfahrensanweisung entwickelt. Sie soll Abläufe standardisieren, damit den betroffenen Kindern schnellstmöglich geholfen werden kann. Nur jedes dritte Kind erholt sich nach einem Schlaganfall wieder vollständig.

„Es muss ganz viel Aufklärung erfolgen, dass Kinderschlaganfälle besser erkannt werden und überhaupt daran gedacht wird“, appelliert die Neuroradiologin. Gemeinsam mit ihrem Team will sie Eltern und Fachpersonal noch stärker für das Krankheitsbild sensibilisieren, selbst wenn es nur sehr selten vorkommt. Wird ein Schlaganfall rechtzeitig erkannt und in einem spezialisierten Zentrum behandelt, stehen die Chancen einer vollständigen Genesung sehr gut.

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