Ich mag skandinavische Fernsehkrimis. In einem schiebt sich die Kommissarin immer wieder winzige weiße Beutelchen zwischen Oberlippe und Zahnfleisch – und lange überlegte ich: Was ist das bloß? Im Zuge der Recherche für diesen Artikel lernte ich: Das sind Snus, kleine Tabakkissen, die Nikotindirekt ins Blut abgeben.
Ihren Ursprung haben die Beutelchen bereits im frühen 19. Jahrhundert. Industriearbeiter steckten sich gerollte Tabakblätter in den Mund, das stillte ihre Nikotinsucht, und anders als beim Rauchen blieben die Hände frei. 1822 wurde in Schweden die erste Firma gegründet, die Snus bis heute herstellt. Der Begriff leitet sich vom englischen snuff für Schnupftabak ab.
SNUS UND POUCHES – DER FEINE UNTERSCHIED
Das Material der Beutelchen basiert auf Zellulose, durch ihre Poren gelangt das Nikotin aus dem getrockneten Tabak über die Mundschleimhaut in den Blutkreislauf und hat nach einer guten halben Stunde den maximalen Effekt entfaltet. Die Raucherquote lag 2023 in Schweden bei 8 Prozent der Bevölkerung über 15 Jahren (in Deutschland sind es 24 Prozent). Fachleute führen dies auf die weite Verbreitung von Snus zurück.
Neben den traditionellen Snus, bei denen Tabakblätter verarbeitet werden, sind auch so genannte Pouches (deutsch: Beutel) weit verbreitet. Sie enthalten keinen Tabak, aber reines Nikotin, das chemisch aus Tabak gewonnen wird. Die kleinen, durchlässigen Beutel enthalten neben den Nikotinsalzen noch mikrokristalline Zellulose sowie Süß- und Aromastoffe wie Minze-, Eukalyptus-, Zitrus-, Beeren-, Cola- oder Kräutergeschmack. Der Fantasie der Hersteller sind hier keine Grenzen gesetzt.
Die rechtliche Einordung In Deutschland fallen Snus unter die Vorgaben des Tabakerzeugnisgesetzes. Demnach ist das Inverkehrbringen von Tabakerzeugnissen zum oralen Gebrauch verboten. Aber auch in der gesamten EU werden sie wegen ihres hohen Nikotingehalts als „nicht verkehrsfähig“ eingestuft. Lediglich Schweden hat während der EU-Beitrittsverhandlungen wegen der langen Tradition eine Ausnahmegenehmigung erwirkt. Pouches fallen in Deutschland – da sie keinen Tabak enthalten – unter das Lebensmittelgesetz. Wegen ihres sehr hohen Gehalts an Nikotin werden sie als nicht sicheres Lebensmittel eingeordnet. Auch sie sind verboten. Allerdings gibt es keine einheitliche EU-Regelung, sodass die einzelnen Staaten den Umgang rechtlich unterschiedlich behandeln. Abgesehen von diesen gesetzlichen Regelungen gibt es kein Verbot, das den Konsum betrifft.
Das Nervengift Nikotin Nikotin ist ein Gift, das Tabakpflanzen entwickeln, um sich vor Fressfeinden zu verteidigen. Doch schon die indigene Bevölkerung Amerikas wusste seine Rauschwirkung zu nutzen. Im 16. Jahrhundert brachte der französische Diplomat Jean Nicot die ersten Pflanzen mit nach Europa. Ihm verdankt das Nikotin seinen Namen. Nicot erhoffte sich von dem amerikanischen Wunderkraut heilende Wirkung. Stattdessen entwickelte sich Tabak zu einem Suchtmittel. Denn bereits Sekunden, nachdem Nikotin in den Körper gelangt, dockt es an Hirnrezeptoren an und sorgt für die Ausschüttung von Dopamin und Noradrenalin, was für künstlich erzeugte Glücksgefühle sorgt. Dieses Belohnungssystem ist verantwortlich für die Entstehung der Abhängigkeit.
SNUS – UNGEFÄHRLICHER ALS RAUCHEN?
Die gute Nachricht ist: Wer Snus oder Pouches konsumiert, läuft weniger Gefahr, an Lungenkrebs zu erkranken. Dennoch ist die Gefahrenliste lang. Bei der Nutzung von Snus oder Pouches ist die abgegebene Menge Nikotin oft so groß wie von bis zu drei Zigaretten. Die möglichen Folgen: Übelkeit, Schwindel, sogar Ohnmacht.
Viele Konsumierende schlafen schlecht, das Risiko einer psychischen Erkrankung steigt, der Blutdruck kann sich erhöhen und damit das Herzinfarkt- oder Schlaganfallrisiko. Es gibt Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Snus-Konsum und Krebs des Verdauungssystems. Vor allem aber besteht, wenn solch ein Beutelchen versehentlich verschluckt wird, die Gefahr einer akuten Nikotinvergiftung.
ATTRAKTIV FÜR KINDER UND JUGENDLICHE
Im Gegenteil zum stinkenden Zigarettenrauch lassen sich die winzigen Päckchen sehr diskret in Klassenzimmern, beim Sport oder in der Freizeit konsumieren, unbemerkt von Lehrkräften oder Eltern. Das macht sie sogar schon für jüngere Schulkinder attraktiv. Dass sie sich dabei der Suchtgefahr nicht bewusst sind, geschieht auch wegen der Werbung als Lifestyleprodukt: Profisportler, Rapper oder Influencer zeigen sich im Netz mit bunten Snus-Döschen und betonen, dass sie eine praktische und risikoarme Alternative zur Zigarette konsumieren, die ihnen den nötigen Kick gibt.
Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte warnt: In einer Studie aus dem Jahr 2022/2023 mit 12.000 Schülern der 5. bis 10. Klassen stellte sich heraus: Bereits 5 Prozent haben erste Erfahrungen mit Snus oder Pouches gemacht, im Alter von 16 bis 17 Jahren sogar 15 Prozent der Jungen und 10 Prozent der Mädchen.
TIPPS FÜR ELTERN
Die Stiftung Kindergesundheit empfiehlt: Wichtig ist, sich über Snus oder Pouches zu informieren und mit den Kindern über das auszutauschen, was sie in den sozialen Medien sehen. Häufige Übelkeit, Müdigkeit oder der plötzliche Wunsch nach mehr Konzentration und Energie könnten ein Indiz für die Nutzung sein. Sollten die kleinen Beutelchen bereits die Schule oder den Freundeskreis des Kindes erreicht haben, ist ein Austausch mit anderen Eltern oder den Lehrkräften unumgänglich.
Ähnliche Beiträge, die Sie auch interessieren könnten
Als im vergangenen Jahr die Missbrauchsfälle im ostwestfälischen Lüdge und im nordrhein-westfälischen Bergisch-Gladbach bekannt wurden, erschreckte vor allem das Ausmaß der Taten. Schaut man allerdings auf die Zahlen, so scheinen […]
Montag Nachmittag 17 Uhr. In Dresden Trachau, in einem Eckhaus auf der Leipziger Straße, beginnt der Bogenschießkurs für Kinder. Wer zu spät kommt, muss vorsichtig sein, denn die Eingangstür liegt […]
Fragen zur Gelderziehung und finanziellen Grundbildung von Kindern und Jugendlichen haben in den letzten Jahren eine größere Bedeutung bekommen. Sie bewegen sich in der heutigen Gesellschaft zunehmend als autonome Verbraucher, […]