Herzkranke Kinder und Sport – hilfreich oder ein Risiko?

Von Eva Jobst

Justus*, 10 Jahre alt, betreibt Leistungssport – und das sehr erfolgreich. Das Problem: In seiner Familie gibt es genetisch bedingt eine Häufung von Herzerkrankungen. Auch sein Herz zeigt bereits leichte Veränderungen. Darf er dennoch Sport treiben? Sein Kardiologe sucht Rat.

Er findet ihn beim „Expertenforum Kindersportkardiologie“, das es seit 2025 gibt und sich um Professor Doktor Christian Paech, Leitender Oberarzt am Herzzentrum Leipzig, gruppiert.

Im Forum arbeiten zurzeit vier ständige und vier rotierende Mitglieder aus ganz Deutschland. Sie können eine breite Expertise abdecken, sind sie doch alle sportmedizinisch erfahrene Kinderkardiologinnen und -kardiologen und arbeiten zum Beispiel mit der Gesellschaft für Pädiatrische Sportmedizin oder dem Olympischen Sportbund zusammen.

Wöchentlich treffen sie sich zu einer Videokonferenz, um Fälle wie den von Justus zu beraten. Anhand der Befunde unterstützen sie mit ihrer Erfahrung Kardiologen vor Ort, um mit ihnen eine individuelle Empfehlung für jedes Kind zu erarbeiten.

Professor Paech sagt: „Sport ist für Kinder und Jugendliche immens wichtig. Er hilft bei der Prävention von Zivilisationskrankheiten wie zum Beispiel Adipositas. Nicht zu unterschätzen ist auch die soziale Komponente. So trägt Sport zur Stärkung eines positiven Körpergefühls und Selbstbilds bei. Das hat auch positive Auswirkungen auf die Psyche.“

IN DER MEHRZAHL SIND ES ANGEBORENE HERZERKRANKUNGEN

In Deutschland kommen jährlich etwa 8.700 Babys  mit angeborenen Herzerkrankungen zur Welt. Herzfehler, die sich erst später entwickeln, sind bei Kindern viel seltener.
Die gute Nachricht: Mehr als 95 Prozent dieser Kinder erreichen heute das Erwachsenenalter. Das hängt mit den voranschreitenden medizinischen Möglichkeiten zusammen, aber auch mit einer gesunden Lebensweise.
Und zu der gehört in der Regel auch Sport!

Nur knapp neun Prozent der Kinder mit angeborenen Herzerkrankungen erreichen jedoch das Ziel der WHO, sich täglich etwa 60 Minuten zu bewegen.
Viel zu wenige! Gerade bei vorgeschädigten Kindern ist die Vorsicht oft zu hoch, dass ihnen etwas geschehen könnte. Sie werden „in Watte gepackt“.
Das führt unter Umständen jedoch langfristig zu noch größeren medizinischen Problemen.   

Hier setzt die Arbeit des Expertenforums an. Es gilt, in jedem einzelnen Fall zwischen Risiken und positiven Effekten abzuwägen.
In einem anonymisierten Verfahren beraten stets mindestens drei auf Sportmedizin spezialisierte Fachärztinnen und -ärzte die anfragenden Kollegen. Innerhalb einer Woche geben sie zu jedem Fall eine Empfehlung ab – entweder für eine Teilnahme an sportlichen Aktivitäten, für eine eingeschränkte Teilnahme, oder sie raten davon ab und begründen warum. 
Die Deutsche Gesellschaft für pädiatrische Kardiologie und angeborene Herzfehler e. V. hat ein Regelwerk aufgestellt, das für jede Art von Herzerkrankungen das optimale Maß an körperlicher Belastung vorschlägt. Diese Leitlinien bilden die Basis für die Arbeit des Forums.

IMMER EINE EINZELFALLENTSCHEIDUNG

Im Falle von Justus heißt das: Er darf seinen Sport weiter betreiben – aber unter Auflagen: Die Trainer müssen Bescheid wissen und in Erster Hilfe geschult sein, am Wettkampfort muss es einen Defibrillator geben. Vor allem aber müssen die verschriebenen Medikamente peinlich genau eingenommen werden.

Bei Laura*, 11, liegt der Fall anders. Ein Gentest ergab: Sie erbte die Anlage zu einer Kardiomyopathie, einer Veränderung des Herzmuskels. Die kann dazu führen, dass sich die Pumpkraft des Organs schleichend verringert. Hier muss das Urteil der Experten deshalb lauten: mäßige Bewegung – ja. Leistungssport – nein.

Das behandelnde Kardiologenteam erhält die nach ausführlicher Beratung erarbeiteten Empfehlungen – fachlich fundiert, aber unverbindlich.
Denn nur die Ärzte vor Ort kennen ihre Patienten genau genug, um das Ergebnis in ihre Therapie einfließen zu lassen. 

Zwischen einer möglichen Verschlechterung der Erkrankung durch die körperliche Belastung und dem Nutzen durch die Verbesserung der physischen und psychischen Gesundheit verläuft ein schmaler Grat, die Entscheidung ist nicht immer leicht.

Je abgesicherter diese Entscheidung getroffen werden kann, desto besser die Aussichten der jungen Patienten und Patientinnen auf körperliches und seelisches Wohlbefinden auch im Erwachsenenalter.

Online-Formular für Ärztinnen und Ärzte
Das Expertenforum Kindersportkardiologie steht bundesweit allen Kinderkardiologinnen und -kardiologen kostenfrei zur Verfügung – unabhängig davon, ob sie in einer Klinik oder in einer Praxis tätig sind. Das Beratungsangebot wird von der Deutschen Herzstiftung gefördert; auch das Anfrageformular für Ärztinnen und Ärzte ist auf der Website der Herzstiftung eingebettet: https://herzstiftung.de/leben-mit-angeborenem-herzfehler

Professor Paechs Erfahrung besagt: „Viele Erwachsene, die in ihrer Kindheit wegen einer Herzerkrankung jahrelang vom Sport ausgeschlossen wurden, haben heute keinen Zugang mehr zu sportlicher Betätigung. Sie haben Angst vor Bewegung oder ein schlechtes Körpergefühl. Die langfristigen Auswirkungen auf ihren Gesundheitszustand sind gravierend. Unser Ziel ist, das zu verhindern – durch frühzeitige, verantwortungsvolle Sportfreigaben.“

*Name geändert

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