
"Der hat aber angefangen!"
Zunge rausstrecken, kratzen, spucken, schlagen – wenn Kinder streiten, fliegen die Fetzen. Erwachsene stecken dann in einem Zwiespalt: Kinder sollen sich nicht alles gefallen lassen, aber auch nicht aggressiv werden. […]

Nein! Kaum ein Wort hören Eltern kleiner Kinder häufiger. Und kaum ein Wort kann sich so anstrengend anfühlen. Warum es trotzdem wichtig ist und welche Bedeutung es für die kindliche Entwicklung hat, dazu hat uns die Kleinkindpädagogin und Buchautorin Susanne Mierau die wichtigsten Fragen beantwortet.
Susanne Mierau: Der Begriff „Trotzalter“ wird heute noch häufig verwendet. Aus entwicklungspsychologischer Sicht sprechen wir allerdings eher von der Autonomiephase, denn sie beschreibt viel besser, worum es Kindern in dieser Zeit eigentlich geht: Sie entdecken sich selbst als eigenständige Person mit eigenen Wünschen, Ideen und Bedürfnissen. Häufiges „Nein!“ ist daher typisch, das Kind möchte vieles allein machen. Gelingt das nicht, wird die Frustration oft unmittelbar nach außen mitgeteilt.
Susanne Mierau: Es kommt zu Konflikten, wenn die Vorstellungen von Kind und Erwachsenen auseinandergehen. Kinder entwickeln in dieser Zeit ihre Denkprozesse, ihre Sprache und ihre motorischen Fähigkeiten rasant weiter. Sie möchten oftmals autonom handeln wie Erwachsene, verfügen aber noch nicht über die Möglichkeiten, das körperlich zu tun und auch nicht über die Möglichkeit, ihre Gefühle und Impulse zuverlässig selbst zu regulieren. Genau daraus entstehen viele der Situationen, die Erwachsene als anstrengend erleben.
Susanne Mierau: Nein. Keine Entwicklung verläuft nach einem festen Zeitplan, und es gibt viele Einflussfaktoren. Viele Kinder zeigen etwa zwischen dem ersten und dritten Geburtstag ein deutliches Autonomiebedürfnis. Autonomie ist aber auch im ersten Lebensjahr schon wichtig, so wie die Entwicklung von Selbstständigkeit und Selbstregulation auch nicht mit drei oder vier Jahren endet, sondern ein jahrzehntelanger Entwicklungsprozess ist.
Susanne Mierau: Kinder trotzen nicht in dem Sinne eines absichtlichen Zuwiderhandelns. Sie beginnen vielmehr immer mehr zu entdecken: Ich bin ein eigener Mensch. Ich kann Entscheidungen treffen. Ich kann Einfluss auf meine Umwelt nehmen. Dieses Erleben von Selbstwirksamkeit gehört zu den wichtigsten Entwicklungsaufgaben der frühen Kindheit. Dabei stoßen Kinder allerdings an Grenzen. Dann entstehen intensive Gefühle, die sie noch nicht anders ausdrücken können, als unmittelbar. Sie brauchen deshalb Erwachsene, die ihre Gefühle wahrnehmen, begleiten und ihnen helfen, wieder ins Gleichgewicht zu finden. Co-Regulation ist in dieser Phase die Grundlage dafür, dass Kinder nach und nach eigene Regulationsstrategien entwickeln können. Das ist dann auch anstrengend für die Erwachsenen.
Susanne Mierau: Das Nein ist ein sehr bedeutender Meilenstein in der kindlichen Entwicklung. Das Nein ist ein sprachlicher Ausdruck von Selbstbestimmung und Grenzsetzung. Das ist enorm wichtig für die Entwicklung, denn schließlich wünschen wir uns langfristig auch Kinder, die ihre Grenzen formulieren und für sie einstehen.
Susanne Mierau: In diesem Sinne ist es also wichtig, dass Kinder ihre Gefühle und ihren Wunsch nach Selbstständigkeit ausdrücken dürfen und lernen, dass das auch von anderen gesehen und respektiert wird. Durch Begleitung und Vorbild lernen sie außerdem, mit der Frustration umzugehen, wenn etwas nicht möglich ist. Natürlich müssen manche Handlungen begrenzt werden, wenn sie andere oder das Kind selbst gefährden. Auch das müssen Kinder lernen.
Susanne Mierau: Es hilft, wenn Eltern wissen oder lernen, wie sie mit ihren eigenen intensiven Gefühlen umgehen können. Es hilft hingegen meist nicht, das Kind anzusprechen oder groß etwas zu erklären, wenn es gerade wütend ist. Als sinnvolle Vorbeugung kann man Kindern altersangemessene Entscheidungsmöglichkeiten anbieten, damit sie Autonomie erleben können, ohne sich überfordert zu fühlen. Dabei dürfen Eltern selbstverständlich auch ihre eigenen Grenzen haben. Bindungs- oder bedürfnisorientierte Begleitung bedeutet nicht, dass Erwachsene immer nachgeben müssen oder keine eigenen Gefühle haben oder zeigen dürfen.
Susanne Mierau: Ich würde weder von „Trotzköpfen“ noch von „besänftigen“ sprechen: Kinder brauchen in solchen Momenten vor allem Co-Regulation. Das bedeutet nicht, dass wir Gefühle unterdrücken, abstellen oder möglichst schnell beruhigen müssen. Vielmehr begleiten wir Kinder dabei, intensive Gefühle auf gesunde Weise zu durchleben und mit passenden Strategien wieder in einen regulierten Zustand zu finden. Entscheidend ist nicht, Gefühle möglichst schnell zu beenden, sondern Kindern die Erfahrung zu ermöglichen: Gefühle dürfen da sein, es gibt Methoden, mit ihnen umzugehen, und ich muss sie nicht allein bewältigen. Mit zunehmender Entwicklung werden aus diesen gemeinsamen Erfahrungen eigene Fähigkeiten zur Selbstregulation.
Susanne Mierau: Ich würde nicht von durchsetzen sprechen, sondern eher fragen, wofür Eltern Verantwortung tragen und was Kinder hier lernen sollen. Eltern sind verantwortlich für Sicherheit und Gesundheit. In diesen Bereichen müssen sie Entscheidungen treffen. Gleichzeitig gibt es viele Situationen, in denen Kinder mitentscheiden können oder eigene Erfahrungen machen dürfen. Es geht deshalb weniger um ein Gegeneinander von Eltern und Kind als um ein Miteinander: Erwachsene geben Orientierung durch den Rahmen, den sie anbieten. Dieser hat Grenzen, aber innerhalb des Rahmens sollten Kinder Handlungsmöglichkeiten haben. Eigentlich kennen wir Erwachsene das doch auch, dass wir manchmal feststellen, dass Dinge nicht so laufen, wie wir das wollen. Und dann hilft es nicht, wenn jemand anderes sagt, dass wir uns nicht so anstellen sollen. Es hilft eher, wenn jemand sagt: Mann, das ist echt doof für dich. Was brauchst du, um mit der Frustration gut zurecht zu kommen? Kinder brauchen beides: das Gefühl, mit ihren Bedürfnissen ernst genommen zu werden und Erwachsene, die Orientierung geben, wenn sie sie noch nicht selbst übernehmen können.
Sechs praktische Tipps
Vor einem Wutausbruch: Manchmal spürt man schon, da liegt was in der Luft. Dann kann man versuchen, dem vorzubeugen. Oft funktioniert es gut, wenn Sie die Aufmerksamkeit des Kindes auf etwas in der Umwelt lenken. „Schau mal …“ funktioniert in vielen Fällen gut.
Überfordern Sie Ihr Kind nicht mit zu vielen Wahlmöglichkeiten.
Kündigen Sie Veränderungen rechtzeitig an: „In zehn Minuten ist es Zeit, aufzuräumen …“ usw. Handeln Sie gegebenenfalls Kompromisse mit Ihrem Kind aus.
Auch wenn es schwerfällt: Nehmen Sie den Wutausbruch Ihres Kindes nicht persönlich. Natürlich liebt Sie Ihr Kind, es kann gerade nicht anders. Kinder sind dann in der Regel nicht ansprechbar. Verlassen Sie, sofern das möglich ist, kurz den Raum, wenn die Heftigkeit des Schreiens Sie selbst überfordert.
In der Öffentlichkeit, bei Freunden oder auch im Kreis der Familie kann so ein schreiendes Kind schon mal Unverständnis hervorrufen. Lassen Sie sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Halten Sie es mit den Stoikern: Bleiben Sie gelassen in Situationen, die man gerade nicht ändern kann. Es hilft nicht, wenn Sie selbst wütend auf Ihr Kind oder andere Leute werden.
Nach dem Wutausbruch ist Ihr Kind genauso geschafft wie Sie. Nehmen Sie es in den Arm. Besprechen Sie die Situation mit ihm, sobald die Emotionen runtergekühlt sind. Erklären Sie, warum Sie etwas verboten haben. Apropos Verbote: Setzen Sie nur so viele Grenzen wie nötig und fördern Sie das Bestreben, etwas selbst tun zu wollen.
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