
Lesen lernen mit Mentoren
Wie lernen Kinder am besten lesen? Durch Vorlesen! Das belegt zuletzt auch die Vorlesestudie von 2018. Doch ein Drittel aller Eltern liest ihren Kindern zu wenig oder gar nicht vor. […]
Musaik – Grenzenlos musizieren e. V. ist ein preisgekröntes soziales Musikprojekt im Dresdener Stadtteil Prohlis.
Es bedarf weder musikalischer Vorbildung noch eines eigenen Instruments, um teilzunehmen. Ziel des Unterrichts ist nicht nur das gemeinsame Musizieren im sinfonischen Orchester, sondern auch die Stärkung gemeinschaftsfördernder Werte, Integration sowie die individuelle Persönlichkeitsförderung.
Es ist kurz vor 15 Uhr. Noch ist alles still in der Schule. Der normale Unterricht ist vorbei, und die Musaik-Kinder sind noch nicht da.
„Komm mit, wir richten schon mal den Raum ein“, sagt Luise Börner, eine der Musikpädagoginnen und Initiatorin des Projekts Musaik, zu mir. Gemeinsam schieben wir Tische an die Wand und stellen die Stühle in Reihen in die Raummitte.
Die kleinen Stühle vorn, die größeren hinten.
Kurz darauf kommt die 39-Jährige mit Geigenkästen zurück – darin die Instrumente, mit denen die Kinder gleich spielen werden. Denn kaum ein Kind hat ein eigenes Instrument zu Hause. Für viele Familien ist ein Musikinstrument schlicht unbezahlbar. Und wahrscheinlich würden Lydia, Timberly, Oskar, Stella und die anderen Kinder hier auch nicht sitzen, wenn der Unterricht nicht kostenfrei wäre.
Zwei- bis dreimal die Woche kommen die Kinder hierher, um nach einem langen Schultag noch freiwillig gemeinsam zu musizieren.
Die Tür geht auf, die erste Schülerin betritt den Raum und legt ihren Ranzen in die Ecke. Gleich werden hier 15 Kinder sitzen. Alle kommen freiwillig, und alle kommen gern. „Wir haben kaum Schwund“, sagt Luise Börner, „in der Pubertät verlieren wir manchmal ein paar Kinder, und ganz am Anfang, wenn sie nach drei- viermal merken, das passt nicht so richtig. Aber insgesamt bleiben wir stabil.“
An der Tafel sind noch Zettel aus dem Deutschunterricht angepinnt. Luise Börner hängt ihre selbstgezeichneten Notenzettel daneben. „Dreiviertelnoten, nach C da capo, Happy Birthday…“ steht da in rotem und blauem Filzstift.
„Happy Birthday“ ist das kleine Musikstück, das alle heute gemeinsam üben. Nach einer Stunde werden die Kinder in den Nachbarraum gehen und dort die „Neuen“ überraschen. „Was macht man, wenn man beim Konzert sitzt?“ – „Leise sein. Still zuhören!“ Manche Kinder sind heute erst das dritte Mal überhaupt da, manche kommen schon seit drei Jahren oder länger hierher.
Musaik ist mehr als kostenloser Musikunterricht, es ist ein Versprechen und die Chance auf kulturelle Teilhabe. Und es ist ein kultureller Erfahrungsraum. „Wenn wir sagen, wir spielen Hänsel und Gretel, dann wissen die arabischen Kinder gar nicht, wovon wir reden. Also schauen wir uns das Märchen erstmal auf Arabisch an, sprechen darüber und die europäischen Kinder erzählen davon“, schildert Tom Geigenmüller. Der 38-jährige Sozialpädagoge ist seit drei Jahren im Projekt. Seine Aufgabe: Quatschen. Zu ihm können die Kinder mit ihren Sorgen und Nöten kommen, bei ihm wird aber auch gebastelt, gewerkelt und gestaltet. Gerade entsteht hier ein besonderer Zaun. Verschiedene Aktivitäten sollen dort möglich sein. Ein Eimer als Rhythmusgerät, ein Quiz, ein Karton zum Fühlen … So lernen sich die Kinder auch noch einmal außerhalb des Musizierens kennen. Und wenn man dreimal pro Woche drei bis vier Nachmittagsstunden gemeinsam verbringt, dann entstehen Vertrautheiten, neue Freundschaften und auch ein inniges Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden.
Dreizehn Lehrende gibt es im Projekt – sie arbeiten auf Honorarbasis und unterrichten „ihre“ Instrumente – Streichinstrumente oder Blasinstrumente. Dazu kommen noch drei festangestellte Mitarbeitende für Administration oder Fundraising, denn auch Musaik muss Geld einwerben – zusätzlich zu den bestehenden Finanzierungen, die von der Stadt Dresden, dem Bund, privaten Stiftungen und Spenden kommen. Der Instrumentenfonds des Sächsischen Musikrats beispielsweise kauft und verleiht die Instrumente.
So ist sichergestellt, dass jedes Kind das Instrument spielen kann, das es sich ausgesucht hat. Na ja, fast: „Ich wollte eigentlich Cello lernen“, sagt Kimberly, „aber jetzt spiele ich Geige, weil es nicht so viele Cellos gab.“ – „Bist du traurig deswegen?“ – „Nein, überhaupt nicht, Geige ist gut.“ Oskar, der 7 Jahre alt ist und seit einem Jahr bei Musaik mitmacht, hat mit Trompete angefangen und spielt jetzt Euphonium. –„Warum?“ –„Trompete klingt schrecklich am Anfang, und ich habe das nicht so gut hingekriegt. Da hat meine Lehrerin gesagt: Probier das mal.“ Mit dem Euphonium ist er glücklich. Vielleicht probiert er später noch mal Trompete aus.
Für die Administration und Koordination ist Tim Vollmann verantwortlich. Der 37-Jährige ist Musiklehrer und hat früher am Gymnasium unterrichtet.
Seine Stimme ist es, die man hört, wenn man anruft; er liest die Mails an den Verein als Erster, und er koordiniert Veranstaltungen. Außerdem beantwortet er Elternfragen – kurz: Er vertritt Musaik nach außen. Und das Beste daran: Mitmachen können alle zwischen 6 und 17 Jahren. Es gibt keine Vorbedingungen.
Für das vergangene Jahr hat Tim einen Flyer erstellt; im Abschnitt „2025 in Zahlen“ findet man: 127 Kinder aus 17 Herkunftsländern sind dabei. 318 Stunden ehrenamtliche Arbeit wurden geleistet, es gab 3 Groß- und 14 Kleinkonzerte mit insgesamt 3.200 Besucherinnen und Besuchern.
Über die Musik entfaltet Musaik Außenwirkung. Im Dresdener Süden, wo das Projekt beheimatet ist, ist es eine feste Größe. Und genau dafür gab es im Mai 2025 das Bundesverdienstkreuz, überreicht von Frank-Walter Steinmeier.
Herzlichen Glückwunsch!
Kontakt:
Musaik – Grenzenlos musizieren e. V.
Gamigstraße 22
01239 Dresden
Telefon: 0351 28 79 16 70
E-Mail: office@musaik.eu
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