Schule bedeutet nicht nur „groß werden“ und neue Dinge lernen; Schule bedeutet auch stillsitzen, selbstständig an den Turnbeutel denken, Kompromisse eingehen und weitermachen, auch wenn es einen gerade gar nicht interessiert. Die Entscheidung, ob das Kind bereit ist für die Schule oder besser noch ein Jahr in die Kita geht, ist nicht leicht. Schuleingangsuntersuchungen und die Empfehlung aus dem Kindergarten geben eine Orientierung. Viele Kinder freuen sich auf die Schule, manche haben aber auch Angst vor all dem Neuen, was sie erwartet. Letztlich aber müssen die Eltern einschätzen, was ihr Kind glücklich macht.
Für kleine Kinder ist ständiges Lernen absolut normal, sie tun es ja die ganze Zeit: Sie erwerben Wissen über ihre Umwelt, motorische Fähigkeiten, erlernen ihre Muttersprache oder sogar parallel noch eine zweite Sprache und soziales Verhalten. Sie können gar nicht anders. Allerdings lernen sie spielend und zumeist nach eigenem Bedürfnis, dann aber mit entsprechendem Enthusiasmus. Diese Wissbegierde ist für die einen Eltern ein Faktor bei der Entscheidung, sie wollen das Kind vor möglicher Unterforderung bewahren. Andere zögern sehr. „Schließlich ist das fremdbestimmte Leben noch lang genug“, sagte letztens eine Mutter vorm Kindergarten. Für die Entscheidung sollten einzig und allein die Belange des Kindes ausschlaggebend sein. Nicht, was andere als normal ansehen oder was zu den Bildungsvorstellungen der Eltern passt.
SCHULREIFE ODER SCHULFÄHIGKEIT?
Allerdings entscheidet nicht nur das Alter über die nötige Reife. Auch die Lernmöglichkeiten in Familie und Kindergarten spielen eine Rolle, ob die Kinder über die nötigen Kompetenzen verfügen, um im Schulalltag zu bestehen. Das Konzept der Schulreife gilt als überholt, heute spricht man von Schulfähigkeit oder Schulbereitschaft. Viele Tests wurden entwickelt, um die Schulfähigkeit der Kinder zu ermitteln. Allerdings erfassen sie nur den momentanen Status, der Schulerfolg ist nicht prognostizierbar. Somit ist eine allgemeingültige Definition von Schulfähigkeit im Grunde kaum möglich.
ZEIT FÜR REIFE UND GEDULD
Nicht nur die LIFE Child-Studie der Universität Leipzig zeigt, wie wichtig es in diesem Thema ist, Mädchen und Jungen nicht über einen Kamm zu scheren. Mädchen sind in vielen Bereichen ein bis zwei Jahre früher dran als Jungen – und zwar schon in der frühen Kindheit. Es ist also durchaus überlegenswert, dem Kind noch etwas länger die freie und selbstbestimmte Lernzeit im Kindergarten zu gönnen – für mehr Reife und mehr Geduld.
Kindliche Entwicklung früh fördern In den 1970er-Jahren hatte man erkannt, dass sich vorschulische Förderung erfolgreich auf die Entwicklung von Kindern auswirkt; in der Folge hat sich die Funktion der Einschulungsdiagnostik grundlegend verändert. Seither geht es weniger um die Frage, welches Kind eingeschult werden sollte und welches nicht (sogenannte Selektionsdiagnostik), als vielmehr um die Frage, ob ein Kind noch konkrete Förderbedarfe hat, an denen bis zur Einschulung gearbeitet werden sollte (sogenannte Förderdiagnostik). Die diagnostischen Bemühungen sollen also Informationen liefern, auf deren Grundlage jedes Kind seinen individuellen Stärken und Schwächen entsprechend gefördert werden kann. Deshalb wurde der Begriff der Schulreife in der Fachliteratur durch den der Schulfähigkeit oder zunehmend den der Schulbereitschaft ersetzt.
ERST IN DER SCHULE WIRD EIN KIND ZUM SCHULKIND
Solch eine intensive Übergangszeit wie der Schulanfang setzt große Entwicklungsreize. Erst die besonderen Erfahrungen in der Schule machen ein Kind zum Schulkind. Vorab muss es weder alle Zahlen und Buchstaben kennen, noch muss es sämtliche Kompetenzen bereits mitbringen. Freut es sich auf die Schule, wird es mit dem richtigen Rückhalt die Situation sicher meistern. Wichtig ist allein, dass die neuen Anforderungen den kindlichen Kapazitäten entsprechen und es weder über- noch unterfordern.
DIE PASSENDE SCHULE
Somit sollte man nicht nur die Schulfähigkeit des Kindes, sondern auch die Kindfähigkeit der Schule betrachten. Die Grundschule muss diese Übergangszeit gut unterstützen und gemeinsam mit der Kindertageseinrichtung und der Familie gestalten. Das Elternhaus bleibt der wichtigste und nachhaltigste Bildungsort für das Kind. Die Formulierung, dass Kinder eingeschult werden, birgt eine passive Haltung. Kinder müssen diese Zeit aktiv und ihren eigenen Möglichkeiten und Entwicklungsschritten entsprechend gestalten können, so wie es in den ersten Lebensabschnitten der Fall war.
Auch die Institution Schule entwickelt sich weiter, es ist viel in Bewegung: kleinere Klassen, mehrere Lernbegleiter, experimentelles und naturnahes Lernen, Themengebiete, Anknüpfen an die Interessen der Kinder … Wenn Eltern sich einbringen und an Veränderungen mitwirken, kann Schule den kindlichen Lernbedürfnissen folgen und sie auf ein selbstbestimmtes, mitdenkendes und mitfühlendes Erwachsenenleben vorbereiten.
WICHTIGE FÄHIGKEITEN FÜR DAS GELINGEN DES SCHULSTARTS
Auch wenn Schule an vielen Stellen zu Recht überdacht wird, gibt es einige Kompetenzen und Voraussetzungen, die unverzichtbar sind. Körpergefühl oder Selbstvertrauen gehören auch dazu. Das sollte das Kind können:
körperliche Entwicklung:
sich eigenständig anziehen und ausziehen
auf einem Bein hüpfen
rückwärts laufen
balancieren
einen Ball fangen und werfen
einfache Dinge basteln, Umgang mit Klebstoff, Schere, Stift
Schulranzen tragen
gut sehen und hören
Voraussetzung außerdem: gute gesundheitliche Konstitution (häufiges Kränkeln wird durch den Schulbesuch eher noch verstärkt)
geistige Entwicklung:
sich für die Dauer von 10 bis 15 Minuten konzentrieren können
eine kurze Geschichte frei nacherzählen
Dinge nach Größe oder Gestalt sortieren
die vier Grundfarben unterscheiden
kleinere Aufgaben selbstständig beenden
fehlerfrei sprechen
den eigenen Namen, Adresse und Alter nennen
erforderliche soziale Kompetenzen und emotionale Eigenschaften:
auf andere Kinder zuzugehen
sich auf neue und ungewohnte Situationen einstellen zu können
neugierig und wissensdurstig zu sein
Konflikte mit anderen Kindern allein lösen zu können
eigene Bedürfnisse wahrzunehmen, zu äußern und auch mal durchzusetzen
Kompromisse einzugehen, auf andere Rücksicht zu nehmen
sich allein zu beschäftigen
allein die Toilette zu nutzen
Enttäuschungen auch ohne elterlichen Trost auszuhalten
zuhören und abwarten können
Die Deutschkenntnisse der Kinder und ihre Fähigkeit, sich selbst zu regulieren, spielen dabei eine Schlüsselrolle. Auch die sozial-emotionalen Kompetenzen der Kinder sollten bei der Einschätzung der Schulbereitschaft unbedingt berücksichtigt werden. Darüber hinaus sind Vorläuferfertigkeiten des Lesens und Schreibens und frühe mathematische Kompetenzen bedeutsam.
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