Diabetes Typ 1 unter Kindern während der Pandemie gestiegen

Von Claudia Hempel
Blutzuckertest

Während der Covid-Pandemie wurde ein auffälliger Anstieg von Diabetes Typ 1 bei Kindern und Jugendlichen beobachtet und zwar weltweit, nicht nur in Deutschland. Zufall? Oder gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Virus und der plötzlichen Fehlfunktion der Bauchspeicheldrüse?

Ein ungewöhnlicher Patient

Der Diabetologe Matthias Laudes, Professor an der Uniklinik in Kiel, beschreibt den Fall eines 19-jährigen Patienten, der während der Pandemie seltsame Symptome hatte – erst verlor er sehr viel Wasser, danach magerte er ab. Als er schließlich innerhalb kürzester Zeit zwölf Kilogramm Körpergewicht verloren hatte, kam er schließlich völlig erschöpft in die Klinik.

Schon in der Notaufnahme stellten die Ärzte fest, dass Blutzucker und pH-Wert äußerst auffällig waren. Der Blutzucker war extrem hoch, der pH-Wert des Blutes extrem niedrig. Bei einem niedrigen pH-Wert ist das Blut in einem zu sauren Bereich. Auf der Intensivstation musste der Blutzuckerspiegel sehr vorsichtig und kontrolliert gesenkt, der pH-Wert wiederum erhöht werden.

Zunächst schien dieser junge Mann ein ganz normaler Patient – ein typischer Fall von Diabetes Typ 1. Die Symptome dieser Krankheit stellen sich oft extrem plötzlich ein – zuvor gesunde Menschen werden innerhalb kürzester Zeit insulinpflichtige Diabetiker.

Typ-2- Diabetes
Er entwickelt sich über einen längeren Zeitraum und geht auf Bewegungsmangel sowie dauerhaft unausgewogene Ernährung zurück. Unausgewogen bedeutet zu viel einfache Kohlenhydrate in Form von Zucker, Weißmehlprodukten (Nudeln, Pizza, Kuchen, Brötchen) sowie Säften und im Gegenzug zu wenig komplexe Kohlenhydrate, wie sie Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte oder Gemüse liefern. Die letztgenannten Ernährungsbausteine wiederum würden die Zufuhr wichtiger Ballaststoffe erhöhen, die bei der Regulierung des Zuckerstoffwechsels eine wichtige Funktion haben.


Hat das Coronavirus etwas damit zu tun?

Noch immer sind die Ursachen für Diabetes Typ 1 nicht hinreichend bekannt. Vermutet werden bestimmte Gene. Das höchste Krankheitsrisiko haben Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, bei denen Typ-1-Diabetes bereits in der Familie vorkommt und die zusätzlich ein Risikogen in sich tragen.

Was passiert im Körper? Die Bauchspeicheldrüse produziert plötzlich weniger Insulin. Das Immunsystem sieht die insulinproduzierenden Zellen als Feinde an und attackiert sie mit Antikörpern, bis sie ausgeschaltet werden. Welche Antikörper das sind, kann mit einem Test geklärt werden. Sie weisen darauf hin, dass im Körper eine Autoimmunreaktion stattgefunden hat.

Im Fall des oben geschilderten Falls des 19-Jährigen allerdings waren alle Testergebnisse negativ.

Weder herkömmliche noch seltene Antikörper, die auf einen Typ-1-Diabetes hinweisen, wurden gefunden. Auch Kollegen aus Dresden und München, die zu Rate gezogen wurden, konnten keine Antikörper nachweisen. Parallel dazu haben die Ärzte in Kiel bestimmte sogenannte HLA-Faktoren bestimmt. Die zeigen, ob es eine genetische Veranlagung gibt. Die Antwort war in diesem Falle nein.

Gab es also vielleicht gar keine Autoimmunreaktion? Hatte stattdessen womöglich ein anderer Erreger die Zellen der Bauchspeicheldrüse attackiert, möglicherweise das SARS-CoV-2-Virus? Der junge Mann hatte sich wenige Wochen zuvor bei seinen Eltern damit angesteckt, ohne selbst zu erkranken. Er war lediglich Virus-Träger.

Bekannt ist, dass das Coronavirus einen Rezeptor benutzt, um in menschliche Zellen einzudringen. Dieser ACE2-Rezeptor ist auch in der Bauchspeicheldrüse zu finden. Die Zellen sind jedoch für eine Biopsie schwierig zu erreichen, ein solcher Eingriff wäre für den Patienten zu gefährlich. So bleibt der Beweis eines ursächlichen Zusammenhangs gegenwärtig offen. Daher versuchen Wissenschaftler, auf anderen Wegen Klarheit zu bekommen, unter anderem mit einer großen Studie, an der Professor Ezio Bonifacio von der Uniklinik Dresden federführend mitarbeitet.

Eine Studie wertet erstmals Daten von über einer Million Kindern aus
Ob es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen einer Corona-Infektion und einem dadurch verursachten Ausbruch von Diabetes Typ 1 gibt, das untersuchen derzeit Forschungsteams  der TU Dresden und des Helmholtz Zentrums München. Kooperationspartner für diese groß angelegte Studie ist die Kassenärztliche Vereinigung Bayern (KVB) – sie lieferte den Datensatz von 1,1 Millionen Kindern, die zwischen 2010 und 2018 geboren wurden.
Anhand der Daten der KVB wurde Folgendes festgestellt: Im Zeitraum 2020 bis 2021 gab es in der Gruppe der 2- bis 12-Jährigen einen Anstieg um 50 Prozent gegenüber dem Zeitraum 2018 bis 2019.
Ein ähnlicher Anstieg ist auch in anderen Regionen Deutschlands zu beobachten, ebenso in anderen Ländern. Allerdings wurde bei den Neuerkrankungen bislang nicht untersucht, ob die Betroffenen im Vorfeld eine SARS-CoV-2-Infektion durchgemacht hatten. Diesen Aspekt haben die Forschenden in Dresden und München bei der Auswertung der Daten der KVB nun berücksichtigt. Sie untersuchten die Korrelation zwischen dem Auftreten von Diabetes Typ 1 und einer vorausgegangenen Infektion mit SARS-CoV-2.


Coronavirus – Ursache oder Wirkung?

Kinder, bei denen im Zeitraum 2020 bis 2021 Covid-19 diagnostiziert wurde, hatten auch ein erhöhtes Risiko, einen Typ-1-Diabetes zu entwickeln. Im Vergleich zu Kindern ohne Infektion war das Risiko um 57 Prozent erhöht.

Trotz dieser Zahlen bleiben die Forschenden bei der Interpretation vorsichtig. Zu viele Unbekannte sind im Spiel. Momentan, erläutert Professor Ezio Bonifacio von der TU Dresden und Letztautor der Studie, „könnte das Virus entweder die dem Typ-1-Diabetes zugrundeliegende Entstehung der Autoimmunität begünstigen oder eine bereits bestehende Autoimmunität verstärken und so die Zerstörung der insulinproduzierenden Beta-Zellen beschleunigen“.

Oder es ist, wie im Falle des 19-jährigen Patienten aus Kiel, gar keine Autoimmunreaktion nachweisbar, und der Angriff der Coronaviren erfolgt auf anderem Wege.

Kleiner Hoffnungsschimmer

Seit seinem Krankenhausaufenthalt ist der junge Mann insulinpflichtig. Voraussichtlich für den Rest seines Lebens. Eine Hoffnung gibt es noch. Wenn das Immunsystem bei einem normalen Diabetes Typ 1 die insulinproduzierenden Zellen attackiert, werden diese am Ende zerstört. Das heißt, die Bauchspeicheldrüse ist überhaupt nicht mehr in der Lage, Insulin zu produzieren. Wenn aber die Coronaviren die Zellen so angreifen, dass sie nicht gänzlich ausgeschaltet werden, sondern nur massiv geschädigt sind, bestünde eine kleine Chance, dass sie sich eines Tages regenerieren und die Bauchspeicheldrüse wieder Insulin produziert.

Diese Überlegung ist allerdings rein hypothetisch, sie kann sich bislang auf keinerlei Anhaltspunkte stützen. Um belastbare Aussagen zu erhalten, sind weitere Studien notwendig. Eine davon beschäftigt sich jetzt mit der Frage, ob eine Corona-Impfung den unheilvollen Prozess stoppen oder verhindern kann.

Ähnliche Beiträge, die Sie auch interessieren könnten