Sie sind hier:

We are the champions!

Andere Länder – andere Hobbys. In Indien schlagen die Herzen der Jungen nicht für Fußball, sondern für Kricket. Nicht umsonst ist Indien amtierender Kricket- weltmeister. Und bei den Mädchen steht Bollywood-Tanz hoch im Kurs.

Es ist die Nacht vom 2. auf den 3. April 2011 in Neu-Delhi, wir sind zu einer Geburtstags- feier eingeladen. Für den Weg dorthin brau- chen wir sonst eine Dreiviertelstunde, heute schaffen wir ihn in knapp zehn Minuten, denn die Straßen Delhis sind wie ausge- storben: Alle Menschen hängen vor ihren Fernsehern oder am Radio und verfolgen das Endspiel der Kricket-Weltmeisterschaft in Mumbai. Indien spielt gegen Sri Lanka. Kricket, das Baseball stark ähnelt, ist in In- dien nicht nur ein Sport, sondern fast schon eine Religion – so populär wie Fußball in Deutschland oder Football in den USA. In dieser Nacht erfüllt sich alle Hoffnung: In- dien wird Weltmeister – und wir haben unsere liebe Not, durch die feiernden Men- schenmengen und Autokorsos nach Hause zu kommen.

Kricketspieler sind Volkshelden

Die indischen Nationalspieler werden in den kommenden Wochen mit Preisen, Ehrungen und Geld überschüttet, dabei sind sie alle längst zigfache Millionäre und Vorbilder für sämtliche kleine Jungen im Land. Die ken- nen ihre Namen im Schlaf, wissen ganz ge- nau, wer, wann, wie gespielt hat und viele träumen davon, es ihren Idolen irgendwann einmal gleich zu tun. Sobald die Tempera- turen einigermaßen erträglich sind, füllen sich allabendlich die Parks und Hinterhöfe Neu-Delhis mit Jungen, die ihre Holzschlä- ger schwingen. Am Sonntag spielen auf ei- nem vielleicht fußballfeldgroßen Grünstück häufig drei bis vier Gruppen gleichzeitig Kricket, sodass man als Spaziergänger wirk- lich aufpassen muss, nicht vom Bällehagel getroffen zu werden. Viele Nationalspieler stammen wie diese Jungen aus bitterar- men Familien und haben es nur dank ihres Talents, ihrer Disziplin und ihres Fleißes ge- schafft, zu Megastars zu werden.

Traumfabrik Bollywood

Solche märchenhaften Geschichten gibt es in der rauen Wirklichkeit Indiens sonst nur im Kino: Die Streifen aus der „Bollywood“ genannten Filmindustrie in Mumbai (das früher Bombay hieß, daher der Name) wer-
den von allen im Land gesehen und ge- liebt. Ihr Markenzeichen neben der meist kitschigen Liebesgeschichte mit sicherem Happy End sind die diversen Gesangs- und Tanzeinlagen. Die Lieder aus den Filmen werden oft zu Mega-Hits, die jedes Kind kennt und die Mädchen des Landes haben großen Spaß daran, die Tanzszenen aus den Filmen nachzustellen oder sich ihre eigenen Choreographien dazu auszudenken. Jedes Mal, wenn ich das Mädchenheim in Dwarka, einem Vorort von Delhi, besuche,
überraschen mich die Kinder dort mit einem neuen Tanz, den sie einstudiert haben. In dem Heim, das von drei Schwestern gelei- tet wird, sind 35 Mädchen im Alter von 6 bis 16 Jahren untergebracht. Sie kommen
aus unterschiedlichen Volksgruppen, unter- schiedlichen Kasten und Religionen. In der Regel haben sie Schlimmes durchgemacht. Viele haben Vater und Mutter verloren, an- dere wurden aus ihren Familien genommen, weil sie missbraucht oder vernachlässigt wurden. Doch wenn sie gemeinsam tanzen, spielt das alles keine Rolle mehr. Dann sind sie einfach glücklich, freuen sich über das Gelingen von Schrittfolgen, die besonders schwierig waren. Sie kichern über Sequen- zen, in denen sie gewollt lasziv die Hüften schwingen oder lachen, wenn aus einer For- mation plötzlich doch mal ein unübersicht- liches Knäuel wird. In diesen Momenten schert sie ihre schwierige Vergangenheit ebenso wenig wie ihre ungewisse Zukunft. Wenn sie tanzen, sind sie frei.

 

Von Barbara Legner-Meesmann

u.a. mit folgenden Themen:

- Risiko Kinderspeck
- Lese-Rechtschreib-Schwäche
- Plötzlicher Kindstod

Was meinen Sie?