Sie sind hier:
  • Home
  • Wissen
  • Verlangen und Belohnung - Die Suchtfalle im Gehirn

Verlangen und Belohnung - Die Suchtfalle im Gehirn

"Wenn du dein Zimmer aufräumst, darfst du dir nachher ein Eis aussuchen." Die Mutter weiß genau, dass dieser kleine "Erziehungstrick" bei ihrem Töchterlein besser funktioniert als wertvolle Überzeugungsarbeit. In Vorfreude auf die Schlemmerei läuft das Aufräumen wie geschmiert. Warum bewirkt dieser pädagogisch zweifelhafte Anreiz mehr Wunder als tausend Worte? von Dirk Heinemann

 

Das kleine Wunder ist biochemischer Natur und vollzieht sich in unseren Köpfen, im Belohnungssystem des Gehirns. Dort finden sich komplexe Strukturen und Nervenverbindungen, die für ganz elementare Gefühle und Reaktionen verantwortlich sind. Dazu gehören zum Beispiel Verlangen, Motivation, Glück und Sehnsucht. In Letzterem wird schon buchstäblich ein Problem deutlich: die Sucht. Denn der ganze "Kopfsalat" birgt auch eine Gefahr: Alles, was uns Freude bereitet, kann auch abhängig machen.

Damit sind nicht nur die üblichen Verdächtigen wie Zigaretten, Alkohol oder sonstige Drogen gemeint. Auch ganz "normale" Begierden, ja sogar Grundbedürfnisse des Lebens sind mögliche Süchtigmacher: Essen und Trinken, Job und Internet, Sport und Spiel. Das wirkt auf den ersten Blick überraschend. Doch wer in der Familie, im Freundes- oder Kollegenkreis ein zweites Mal hinschaut, wird garantiert fündig: der Bekannte, der stundenlang am Computer sitzt; das Nachbarskind, das ständig aufs Handy starrt; die Chefin, die sich pausenlos in die Arbeit stürzt.

All diesem Verlangen liegen natürlicheProzesse zu Grunde. Viele Hirnforschersehen einen Knubbel im vorderen Teilunseres Gehirns als Zentrum des Belohnungssystemsan. Lateinisch wird diesesAreal als Nucleus accumbens bezeichnet.Aber was genau läuft dort ab?

Ein Beispiel: Wenn wir Hunger haben, kommt zugleich Vorfreude auf. Allein der Gedanke ans Essen setzt die Motivation in Gang, uns zu versorgen. Dieser Impuls garantiert seit Menschengedenken, dass wir überleben. Im Ergebnis kümmern wir uns einerseits ums Sattwerden, andererseits beschert uns das auch ein Glücksgefühl. Das heißt: Appetit und Hunger sind nicht nur ein körperliches Signal, sondern mit Vorfreude und Motivation verknüpft. Daraus folgt aktives Handeln, ursprünglich hieß das Erbeuten und Verzehren. Das aber stillt nicht nur den Hunger, sondern löst außerdem Gefühle aus: Freude und Befriedigung.

DIE BELOHNUNGSKETTE
Am Ende steht immer die Belohnung, die uns glücklich macht. An diesem Geschehen im Nucleus accumbens ist ein wichtiger Botenstoff beteiligt, der im Volksmund auch als eines der Glückshormone bekannt ist: Dopamin. Es stimuliert im Gehirn bestimmte Bereiche, die in der Summe dieses Selbsterhaltungsprogramm mit Wohlfühleffekt abspulen.

Kinder und Erwachsene lernen im Laufe ihres Lebens, wie man dieses Belohnungssystem noch intensiver ausreizen kann - im wahrsten Sinne des Wortes. Die Reize, die die Dopaminausschüttung aktivieren, werden einfach häufiger gesetzt - bewusst oder unbewusst. Dadurch wird das Glücksempfinden nicht nur gesteigert, es verselbständigt sich auch. Das Verlangen, sich immer öfter und in immer kürzeren Abständen zu belohnen, nimmt zu. Daraus kann sich eine Abhängigkeit entwickeln. Und die hat viele Gesichter. Ob Handys, Glücksspiele oder Süßigkeiten - alles Mögliche kann im Alltag süchtig machen. Entscheidendes Merkmal für eine krankhafte Veränderung ist das permanente Übermaß jeglichen Konsums oder Verhaltens. An dem Punkt erhöht sich das Risiko, den Weg zur Belohnung anderweitig zu verkürzen - mit Stimulanzien.

Das können Alkohol, Partydrogen oder andere Substanzen sein, die ohne aktives Zutun ins Belohnungssystem eingreifen. Viele dieser Stoffe regen ganz unmittelbar die Dopaminproduktion an. Das vordergründig beglückende Belohnungsgefühl stellt sich umgehend ein. Die Gier nach diesem Gefühl stellt das psychische Abhängigkeitspotenzial der Suchtmittel dar, hinzu gesellen sich noch körperliche Suchteffekte und im Weiteren Schädigungen des Organismus, den die Substanzen ebenfalls bewirken. Dieser fatale Mechanismus wird durch Prozesse gesteigert, die im ältesten Teil unseres Gehirns, im Hirnstamm, ablaufen.

GEFÄHRLICHE ÜBERDOSIS GLÜCK
Der Hirnstamm befindet sich am Übergang zwischen Halswirbelsäule und Hinterkopf. Hier werden unter anderem lebenswichtige Grundfunktionen wie Herzschlag, Atmung und Stoffwechsel gesteuert. Das sind automatische Abläufe, die wir nicht oder nur geringfügig durch Willenskraft beeinflussen können. An gleicher Stelle verorten Hirnforscher einen weiteren Teil unseres Belohnungszentrums. Kommen nun bestimmte Drogen ins Spiel (etwa Alkohol, Cannabis oder Kokain), wird hier besonders viel Dopamin produziert. Die Nervenzellen, die das Hormon verarbeiten müssen, sind dann teilweise mit dem 20-Fachen der sonst üblichen Menge konfrontiert. Diese Überdosis kann im Einzelfall zum Tode führen - zum Beispiel dann, wenn dadurch Nervenzellen sterben, die die Atmung regeln. Im Drogenmilieu ist das als "goldener Schuss" bekannt.

Andererseits führt das ständige Hormon-Überangebot zur Verdickung der Zellwände. So entsteht eine Art Schutzmauer. Das bedeutet: Der Belohnungseffekt verliert an Intensität. So ist für den gewünschten Dopamin-Kick noch mehr Nachschub an Drogen erforderlich. Doch irgendwann geht es nicht mehr um Glücksgefühle, sondern um das Abschalten der quälenden Entzugssymptome. Dann hat das Verlangen nach ständiger Belohnung längst das Stadium einer schweren Suchterkrankung mit all ihren Folgen erreicht.

Entscheidend ist, dass alle Drogen Einfluss auf die Schaltzentralen unseres Gehirns haben, die für die Steuerung des Verhaltens zuständig sind. Sie greifen auf das Lernverhalten des Hirns zu und haben deshalb so weitreichende Auswirkungen auf die Persönlichkeit. Genau deshalb lässt sich diese Entwicklung allein durch gute Vorsätze nicht mehr rückgängig machen. Dann sind nach Entzug und Entgiftung langwierige, manchmal lebenslängliche Therapien nötig.

Doch keine Panik: Wenn Eltern ihre Kinder mit einem Eis fürs Zimmer-Aufräumen belohnen, wird damit nicht gleich der Grundstein für eine Suchtkarriere gelegt. Dennoch kann dieses Beispiel verdeutlichen, wie in unseren Köpfen Belohnungsmuster angelegt werden. Wird dieser Automatismus überreizt, kann die Suchtfalle im Gehirn zuschnappen.

 

 

Themen im aktuellen Heft sind u.a.:

- Vorsicht vor Fremden im Netz!
- Physik-WM in Peking
- Neurofeedback

Was meinen Sie?