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Neue Schulen braucht das Land

Während das Bewertungssystem über Zensuren weltweit auf dem Prüfstand ist, führen Bundesländer wie Sachsen und Bayern Zensuren ab der zweiten Klasse wieder ein.

Nach dem Krieg gegen England erlebte Dänemark im Jahre 1813 einen Staatsbankrott. Daraufhin ordnete der damalige König Christian VIII. etwas an, was dem Finanzminister den Atem stocken ließ. Trotz des Bankrotts wurden die Ausgaben für Kunst und Bildung erhöht. Als der Finanzminister sein Veto einlegte, entgegnete ihm der König: „Arm und elend sind wir, wenn wir jetzt auch noch dumm werden, können wir aufhören ein Staat zu sein.“

Dieser Bildungsoptimismus hat in Dänemark seither Tradition – bis heute reisen Wissenschaftler, Pädagogen und auch Politiker in dieses kleine skandinavische Land, um zu sehen, wie innovative pädagogische Ansätze erfolgreich umgesetzt und verkrustete Schulstrukturen aus vergangenen Jahrhunderten aufgebrochen und in einer zeitgemäßen Form neu arrangiert werden.

Und Deutschland? Auch hierzulande hat der Begriff der Reformpädagogik seit dem 19. Jahrhundert Einzug in die Erziehungswissenschaften gehalten. Manche der „anderen“ Schulformen sind bis heute vertreten. Am bekanntesten sind sicherlich die Waldorfschulen, die auf den Anthroposophen Rudolf Steiner zurückgehen oder die Montessori-Schulen, deren Konzept des eigenständigen Lernens nach der Devise „Hilf mir, es selbst zu tun“ von der Italienerin Maria Montessori begründet wurde. Selten allerdings gibt es diese Form als weiterführende Schule. Ulrike Kegler jedoch ist Rektorin der Montessori-Oberschule Potsdam. Seit 1993 hat sie an der ehemaligen Karl-Liebknecht-Oberschule ein reformpädagogisches Profil aufgebaut. Über ihr Bild von herkömmlichen Schulen und ihre Vision einer „schönen“ Schule hat sie ein Buch geschrieben („In Zukunft lernen wir anders“).

Viele kennen vielleicht noch die althergebrachte, strenge Aufteilung des Klassenzimmers, die Ulrike Kegler mit einem Kirchenraum vergleicht: Darin sind die Stühle und Bänke der Kinder streng nach vorne ausgerichtet – hin zu einem Tisch, der oft größer als die anderen Tische ist, manchmal steht er auch höher, auf einem Podest – der Lehrertisch, die Kanzel. Dahinter wieder die Tafel, welche fest an der Wand verschraubt ist und in ihrer Dreiteiligkeit an ein Triptychon, den Altaraufsatz der Kirche erinnert. Und diese sakrale Raumaufteilung findet ihre Entsprechung wieder im traditionellen Zeitrhythmus des Schulalltags. Mats Eklund, ehemaliger schwedischer Bildungsdirektor hat den 45-Minutentakt des Unterrichts einmal auf den Betrhythmus der Mönche im Mittelalter zurückgeführt. 45 Minuten beten, eine Viertelstunde Pause, dann wieder 45 Minuten beten.

Das Ergebnis: Kinder und Jugendliche, welche den Großteil ihres Schulalltags statisch sitzend mit Frontalunterricht und klar definierten Hierarchien verbringen. Heutzutage muss die Schulausbildung aber anderen Anforderungen genügen, denn im Alltagsleben gelten längst neue Regeln. Da ist Dynamik gefragt, Gruppenarbeit, vernetztes Denken und Einfühlungsvermögen. Dieser Widerspruch führt zu höchst bedenklichen Ergebnissen bei Schülern und Lehrern: Ein Drittel der 9- bis 14-Jährigen hat große Angst davor, in der Schule zu versagen, Grundschullehrer trauen Kindern mit Namen wie Kevin, Marvin oder Chantal weniger zu, als einem Paul, einem Maximilian oder einer Anna-Lena. Und während das Bewertungssystem über Zensuren weltweit auf dem Prüfstand ist, führen Bundesländer wie Sachsen und Bayern Zensuren ab der zweiten Klasse wieder ein.

 

Umso hoffnungsvoller stimmen dann Modelle, mit denen engagierte Pädagogen wie Ulrike Kegler versuchen, Schule modern zu gestalten. In ihrem Buch beschreibt sie, wie aus einer ganz normalen
DDR-Plattenbauschule in Potsdam eine experimentierfreudige Laborschule wurde. Der Weg dahin war nicht leicht. Lehrer kündigten, Eltern meldeten ihre Kinder wieder ab, als die geburtenschwachen Jahrgänge kamen, drohte gar die Schließung der Schule. Nur der Beharrlichkeit von Ulrike Kegler und ein paar enger Mitstreiter ist es zu verdanken, dass mittlerweile Eltern von Berlin nach Potsdam ziehen, damit ihr Kind an diese Schule gehen kann. Und nun ist diese Einrichtung nicht nur auf Erfolgs-, sondern auch auf Expansionskurs. Ein drei Hektar großes Gelände nördlich von Potsdam – ehemaliges Feriendomizil verdienter Stasimitarbeiter und ihrer Familien – wird das neue Schulgelände. Dieses sollen die Schüler selbst gestalten. Geplant sind ein Bauernhof und Selbstversorgung. Dazu wird gerade der brandenburgische Lehrplan auf das Projekt mit dem Namen Landbaucurriculum abgestimmt. Beispiel Mathematik: Grundrechenarten, Flächen-, Kreis- und Volumenberechnung, Prozent- und Dezimalrechnung werden in der Praxis angewandt – beim Stallbau, bei der Landvermessung, beim Planen des Budgets. Die Möglichkeiten sind vielfältig, die Vernetzung findet ganz praktisch statt.

Doch nicht jede Schule kann gleich drei Hektar Land pachten. Umso wichtiger sind Modellversuche in bestehenden Strukturen. Wie zum Beispiel in Hoyerswerda die Kulturschule. Auf Initiative des sächsischen Bildungsministeriums verfolgt man auch hier einen neuen Ansatz. Das Lessing-Gymnasium und die Kulturfabrik sind eine fruchtbare Partnerschaft eingegangen – nun findet Unterricht auch altersgemischt, jenseits des Schulgebäudes und einer 45-Minuten-Taktung statt. Ganztagsschule, in der Fächer wie Spickzettel & Co, Richtiges Faulenzen und Körpersprache auf dem Plan stehen.

Uwe Proksch, Geschäftsführer der Kulturfabrik und so etwas wie einer der Projektkoordinatoren, staunt, wie wenig es doch bedarf, um ein Lernklima nachhaltig zu verändern: „Die Schüler bringen viele Ideen mit ein, sodass auch die Lehrer ständig lernen. Und dadurch, dass wir die Klassenstrukturen aufgebrochen haben, entsteht auch ein ganz neues Wir-Gefühl, dass sich jetzt auf die ganze Schule und nicht nur auf einzelne Klassen bezieht.“ Wichtig auch hier, dass von Anfang an die Direktorin hundertprozentig hinter dem Experiment stand. Zwölf Lehrerinnen und Lehrer waren von Anfang an dabei, mittlerweile sind es zwanzig. Schmunzelnd fügt Uwe Proksch hinzu: „Aber an der Schule sind insgesamt sechzig – die restlichen vierzig brauchen wir auch noch!“ Und auch ein Film ist mittlerweile über das Projekt entstanden. Als der an einer anderen Schule gezeigt wurde, gab es einen Schüler, der ungläubig fragte: „Ist das an einer deutschen Schule?“

Ja, auch an einer deutschen Schule sind neue Lernkonzepte möglich – Potsdam und Hoyerswerda zeigen, wie eine staatliche Schule sein könnte. So, wie das Leben: partnerschaftlich, kreativ und überraschend.

Claudia Hempel

u.a. mit folgenden Themen:

- Risiko Kinderspeck
- Lese-Rechtschreib-Schwäche
- Plötzlicher Kindstod

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Lese-Tipp

Kegler, Ulrike: In Zukunft lernen wir anders
Verlag: Beltz
ISBN: 3407858787
256 Seiten, Preis: 19,95 Euro