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Mehr Männer in die Kitas

Darüber, dass die Idee klug ist, Männer in die Kitas zu bekommen, herrscht jedenfalls überall Einigkeit.

Es war einmal eine Familienministerin, die hatte eine wunderbare Idee. Sie wollte, dass schon die Jüngsten im Lande auch von Männern erzogen werden. „Männer in die Kitas“ war ihr Credo. Klingt klug. Klingt sinnvoll. Klingt nach einer tollen Idee. Und wo ist das Problem?

Eine Familienministerin kann ja nicht einfach eine tolle Idee formulieren und dann sofort ganz viel Geld an alle Kindergärten im Land verteilen. Erst einmal muss eine Studie gemacht werden. Die Studie soll klären, ob andere auch wollen, dass mehr Männer als Erzieher in den Kindertagesstätten arbeiten. Die Studie soll erfragen, was Eltern, Grosseltern und Erzieherinnen darüber denken, wenn in so einer Frauendomäne plötzlich ein Mann auftaucht. Also ward eine Studie gemacht und man kam zu folgendem Ergebnis: Alle wollen Männer in den Kitas, doch leider wollen die Männer nicht hin. Denn Männer wollen lieber Automechaniker, Werkzeugmacher oder LKW-Fahrer werden.

Gut. Wenn das so ist, dachte sich die Familienministerin, müssen wir erst einmal ganz viel Geld dafür ausgeben, den Männern die Vorzüge des Erzieherberufs schmackhaft zu machen. Eine Werbekampagne muss gestartet, Plakate gedruckt, Zeitungsannoncen veröffentlicht und in den Schulen dafür geworben werden.

In jedem Bundesland werden dafür Partner gesucht. In Sachsen fand man den Paritätischen Wohlfahrtsverband als Partner. Weil der also die Idee auch toll fand, wollte er alles dafür tun, dass in den Kindertagesstätten mehr Männer als Erzieher arbeiten. Dafür brauchte er einen Werbeträger, am besten einen jungen Mann, der bereits als Erzieher in einer Kindertagesstätte arbeitet.

Dieser junge Mann war schnell gefunden: Christian Kreyssel aus Schwarzenberg. Er ist dort einer von mittlerweile drei männlichen Erziehern in der Kita Heide. Er ist Vater einer anderthalbjährigen Tochter und arbeitet seit Oktober 2009 in der Kindertagesstätte. Dort betreut er die Vorschulkinder und nachmittags noch ein paar Hortkinder, die nach der Schule in die Kita kommen. Geliebt wird er von allen: von den Kindern, den Kolleginnen und den Eltern. Ob es einen Unterschied macht, dass er ein Mann ist? „Für die Kinder nicht, denen ist es egal, ob sie mit ihrem Problem zu einem Mann oder einer Frau gehen“, meint Christian Kreyssel, „Hauptsache, da ist ein Erwachsener, der ihnen hilft, ein Problem zu lösen.“ Und für die Eltern? „Das schon eher. Ich merke, dass die Väter öfter zu mir kommen und mich ansprechen. Zum Beispiel neulich, da fragte mich ein Vater, wie er denn seinen Sohn dazu bringen könne, am Nachmittag noch die Hausaufgaben zu machen.“ Der Sohnemann wollte lieber den ganzen Nachmittag Fussball spielen. In solchen Fällen kann Christian Kreyssel Rat geben – pädagogisch fundierten Rat, denn er hat nun mittlerweile einen Abschluss als Erzieher in der Kindertagesstätte. Einen Abschluss, der auch in Sachsen anerkannt ist. Denn das ist nicht so selbstverständlich. Jedes Bundesland hat andere Regularien und Gesetze, es entscheidet selbst, welche Abschlüsse anerkannt werden und wie die Ausbildung konkret auszusehen hat. Das bekam Christian Kreyssel am eigenen Leib zu spüren. Denn seine berufliche Biografie lief nicht so vorschriftsgemäss, wie man das am grünen Tisch festgelegt hatte.

Nach dem Abitur wollte Christian Kreyssel erst einmal eine Lehre als Werkzeugmechaniker machen. Bei seinem Onkel in der Werkstatt hatte er gesehen, was dahinter steckt und Lust bekommen, es ebenso zu machen. Doch schon im dritten Lehrjahr wusste er: „Das ist nicht das, was ich eigentlich tun will. Meine Berufswahl war falsch. Ich will eigentlich mit Kindern arbeiten.“ Trotzdem machte er erst einmal den Abschluss als Werkzeugmechaniker. Parallel dazu hat er als Übungsleiter für junge Biathleten gearbeitet, das waren Kinder zwischen 7 und 14 Jahren und Christian Kreyssel hat gemerkt: „Das ist es – etwas mit Kindern machen, aber nicht Lehrer sein!“ Also bewirbt sich der damals 21-Jährige an der Universität Erfurt und macht dort seinen Bachelor-Abschluss in Erziehungswissenschaft und Bewegungspädagogik. Das ist ein neuer, international anerkannter Abschluss.

Mit dem noch fast druckfrischen Diplom in der Tasche bewirbt er sich in seiner Heimatstadt Schwarzenberg als Erzieher für die Kita. Er beginnt dort ein zweimonatiges unbezahltes Praktikum und soll anschliessend einen zunächst auf ein Jahr befristeten Arbeitsvertrag erhalten. Doch bei der Prüfung
der Unterlagen fällt auf: Der Bachelor-Abschluss ist zwar international anerkannt, doch leider nicht in Sachsen. Denn Sachsen hat seine eigenen Regeln, Richtlinien und Kriterien für einen Abschluss als Erzieher in einer Kindertagesstätte. Christian Kreyssel bekommt ein Ultimatum gestellt. In einem
halben Jahr kann er den Abschluss nachholen. Als externer Schüler sozusagen, in Sachsen nennt man das „Schulfremdenprüfung“ – allerdings wird nichts, aber auch gar nichts aus seinem Studium in Erfurt
anerkannt. Das bedeutet: innerhalb eines halben Jahres 19 Prüfungen ablegen. Christian Kreyssel lässt sich darauf ein, besteht alle Prüfungen und arbeitet seitdem in dieser Kita. Der heute 27-Jährige ist einer, der nicht viel klagt. So seien nun mal die Gesetze, sagt er gelassen, da könne man nichts machen.
Doch für den Paritätischen Wohlfahrtsverband tut sich in diesem Gerangel um Hoheiten und Kompetenzen eine grosse Verständnislücke auf. Da sollen junge Männer für den Beruf geworben werden. Es sollen ganz ausdrücklich auch solche Männer wie Christian Kreyssel geworben werden, nämlich die, denen erst später einfällt, dass sie eigentlich gern mit Kindern arbeiten. Und dann solche Unwägbarkeiten!

Die Diskrepanz könnte in Sachsen gar nicht grösser sein. Die Studie der Familienministerin, welche doch das Ergebnis erbrachte, dass sich Männer kaum für den Beruf des Erziehers interessieren, trifft nämlich auf die sächsischen Gegebenheiten gar nicht zu. Denn während der Paritätische Wohlfahrtsverband in Sachsen noch überlegte, wie man erfolgreich für diesen Beruf werben könnte, meldeten sich schon ganz viele junge Männer und wollten gern Erzieher werden. Es herrscht also kein Mangel an Interessenten, sondern an behördlicher Flexibilität. Wie löst man dieses Dilemma? Darüber, dass die Idee klug ist, Männer in die Kitas zu bekommen, herrscht jedenfalls überall Einigkeit. Und Christian Kreyssel möchte seinen Beruf schon darum nicht mehr missen, weil er dort auch Dinge lernt, die ihm bei Müttern höchsten Respekt einbringen – Dinge wie Zöpfeflechten etwa!

Könnte man doch das Zöpfeflechten auch Politikern und Beamten beibringen! Denn was ist es anderes, als drei einzelne Stränge sinnvoll miteinander zu verbinden? In diesem Fall: die interessierten Männer, die sächsische Ausbildungsordnung und das Geld vom Bundesfamilienministerium.

Claudia Hempel

u.a. mit folgenden Themen:

- Risiko Straßenverkehr
- Wickel wirken Wunder
- Babys - klug im Schlaf

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Wissen extra

Für Männer, die sich für die Arbeit in Kindertagesstätten interessieren, gibt es seit März 2012 ein neues Serviceportal für Quereinsteiger. Auf www.koordination-maennerinkitas.de finden sie für jedes Bundesland Informationen zu Ausbildungsmöglichkeiten und Ansprechpartnern. Im vergangenen Jahr haben sich allein beim Familienministerium mehr als 650 Männer nach Möglichkeiten eines Quereinstiegs erkundigt. Bislang machen Männer bundesweit nur rund 2,7 Prozent der Fachkräfte aus.