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Man muss abwägen, ob die Impfung einen Vorteil bringt

Im Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel, dem Paul-Ehrlich-Institut, werden Impfstoffe vor und auch nach der Zulassung umfangreich geprüft und auf ihre Verträglichkeit kontrolliert.

Die Entdeckung der Immunität und die Entwicklung der Impfung zur Vorbeugung gegen Infektionserkrankungen gelten als Meilensteine der Medizingeschichte. Dennoch mehren sich die Vorbehalte gegen die Impfung. Tina Pruschmann hat mit Professor Volker Schuster, dem Leiter der Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Leipzig über Risiken und Nebenwirkungen gesprochen.

Wogegen sind Sie geimpft?
Gegen alles, was empfohlen wird.

Was heißt das?
Dazu gehören die Impfungen im Kindesalter. Im Erwachsenenalter kommen alle zehn Jahre die Impfungen gegen Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten und Polio dazu und die in Sachsen empfohlene jährliche Grippeimpfung.

Bei einem Teil der Impfungen - wie etwa bei der Masern-, Mumps- und Rötelnimpfung- werden abgeschwächte Lebendviren, die sogenannten Impfviren, gespritzt. Besteht bei diesen Impfungen die Gefahr, dass das Kind durch die Impfung erkrankt?
Man kann durch Impfviren ein abgeschwächtes Krankheitsbild bekommen. Impfmasern zum Beispiel können mit Ausschlag, Fieber und Unwohlsein einhergehen. Das war es dann aber auch schon. Nach zehn Tagen sind die Beschwerden vorüber. Die Gefahr, die Erkrankung voll auszubilden, besteht nur bei immungeschwächten Menschen. Solche Patienten dürfen aber nicht geimpft werden.

In den DDR-Impfausweisen der 1980er-Jahre sind Impfungen gegen TBC, Masern, Diphtherie, Keuchhusten, Tetanus und Polio vermerkt. Beim Vergleich mit dem aktuellen Impfkalender fällt auf, dass sich die Impfempfehlungen sehr verändert haben. Woran liegt das?
Die Impfempfehlungen werden angepasst. Man muss immer abwägen, ob die Impfung im Vergleich zum Durchleiden der Erkrankung einen Vorteil bringt. Bei der Tuberkulose zum Beispiel weiß man, dass die Impfung nur unzureichend schützt. Zudem ist die Erkrankung in Deutschland nicht so häufig und sie lässt sich einigermaßen gut behandeln. Deswegen empfiehlt die Ständige Impfkommission des Robert-Koch-Instituts sie heute nicht mehr.

Immer wieder wird über Impfschäden diskutiert. Bevor wir uns dem Thema widmen, eine Frage vorweg: Was ist ein Impfschaden?
Das ist eine schwierige Frage, die unterschiedlich beantwortet wird. Für mich ist ein Impfschaden eine Schädigung, die ursächlich mit einer Impfung in Verbindung steht. Für das Sozialgesetz (§ 109 SGG) reicht jedoch ein zeitlicher Zusammenhang zwischen der Impfung und dem Auftreten einer Erkrankung oder Störung aus, um einen Impfschaden anzuerkennen. Das ist ein Problem, denn im ersten Lebensjahr finden zum einen viele Impfungen statt und zum anderen zeigen sich eine ganze Reihe von Erkrankungen und Entwicklungsstörungen in diesem Alter. Das heißt, es werden Impfschäden anerkannt, die eigentlich keine sind, beziehungsweise bei denen es keine Hinweise auf eine impfbedingte Verursachung gibt. Insgesamt gesehen gibt es über echte Impfschäden keine Daten.

Lassen sich Aussagen darüber treffen, wie hoch das Risiko für Nebenwirkungen ist?
Von einem kurzzeitigen Fieber und einer Schwellung sind 10-20 Prozent der Kinder betroffen. Auch kann es nach einer Rötelnimpfung zu einer vorübergehenden Blutbildveränderung kommen, dann sind Blutplättchen etwas reduziert, ohne dass es eine Bedeutung hat.

Eine andere Befürchtung ist, dass Mehrfachimpfungen für die Kinder eine zu große Belastung sind. So wird davon gesprochen, dass eine 6-fach-Impfung im übertragenen Sinn so wäre, als müsse das Kind sechs Sprachen auf einmal lernen.
Bei jedem Atemzug inhalieren wir Milliarden verschiedener Bakterien ein. Das Immunsystem wird ständig bombardiert. Im Vergleich dazu sind sechs verschiedene Antigene in einer Spritze "nichts". Der Vergleich mit dem Sprachenlernen ist plakativ, aber wir dürfen den Kindern ruhig etwas mehr zutrauen.

Kinder unter einem Jahr werden auch gegen Hepatitis B geimpft. Das ist eine Erkrankung, die über Blut und Körpersekrete übertragen wird. Zu den Risikogruppen zählen unter anderem medizinisches Personal, Tätowierte und Drogenabhängige. Warum werden Babys dagegen geimpft?
Darüber kann man in der Tat diskutieren und das wird auch gemacht. Die Impfung wird vor dem Hintergrund empfohlen, dass das Kind dann geschützt ist, auch für später. Viele Impfungen werden später nicht gegeben, weil man sie vergisst. Aber es ist in der Tat so, dass eine Neuinfektion mit Hepatitis B im ersten Lebensjahr praktisch nicht vorkommt, es sei denn das Kind steckt sich an einer Infusion an - zum Beispiel in einem Land ohne Hygienestandards. Meines Erachtens spricht nichts dagegen, die Hepatitis-B-Impfung zu geben. Aber es gibt auch den 5-fach-Impfstoff ohne Hepatitis B.

Ein immer wieder von Impfkritikern vorgebrachter Einwand ist, dass die Masernimpfung Autismus auslöse - eine komplexe neurologische Entwicklungsstörung. Was ist dran an dem Vorwurf?
Zunächst ist zu sagen, dass man die Ursache für den Autismus in vielen Fällen nicht kennt. Man vermutet, dass die Erkrankung zum Teil genetisch bedingt ist. Einen Zusammenhang zwischen Impfung und Autismus herzustellen, war aber immer schon ein Dorado für Impfgegner. Inzwischen haben mehrere Studien klar zeigen können, dass es keinen Zusammenhang zwischen Masernimpfung und Autismus gibt.

Immer wieder wird über Quecksilber und Aluminium in Impfstoffen diskutiert. Wie sicher sind die Impfstoffe?
Generell gehören Impfstoffe zu den am besten kontrollierten Substanzen. In Deutschland sind Impfungen quecksilberfrei. Aluminium ist zum Teil noch drin. Es dient als Wirkverstärker und steigert die Aktivität der Immunzellen. Darauf kann man nicht ganz verzichten. Die Mengen sind aber wesentlich geringer, als das, was man im täglichen Leben aufnimmt, zum Beispiel, wenn man eine Pizza aus einer Pappschachtel isst, deren Deckel aluminiumbeschichtet ist. Es gibt keinen Hinweis auf eine Schädigung durch den Aluminiumanteil im Impfstoff.

Eine letzte Frage, die ebenfalls oft diskutiert wird: Gibt es einen Zusammenhang von Impfungen und dem Auftreten von Allergien?
Das ist widerlegt worden. Die Münchner Forscherin Erika von Mutius hat diesen Zusammenhang anhand eines Vergleichs der DDR-Bevölkerung und der Bevölkerung der alten Bundesländer untersucht. Da die Durchimpfungsrate in der DDR höher war als in der alten BRD, hätte die Allergierate in der DDR-Bevölkerung höher sein müssen. Das Gegenteil war der Fall! Und die Allergierate hätte in den neuen Bundesländern nach der Wende sinken müssen, weil auch die Durchimpfungsrate niedriger geworden ist. Auch das ist nicht passiert. Die Allergierate in den neuen Bundesländern stieg nach der Wende rasch auf Westniveau.

Vielen Dank für das Gespräch!

Themen im aktuellen Heft sind u.a.:

- Vorsicht vor Fremden im Netz!
- Physik-WM in Peking
- Neurofeedback

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