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Internetmobbing – Jugendliche oft schutzlos ausgeliefert

Eine typische Auseinandersetzung, die in Familien so oder ähnlich ablaufen kann. Der Vater erwischt Sven beim Internetmobbing und ist entsetzt. Die Stra- fe folgt auf dem Fuße. Reagiert er richtig, wenn er Sven den Laptop entzieht? Sollte er mehr Verständnis zeigen? Wir haben die Psychologin Angela Howard von der Evangelischen Beratungsstelle für Ehe-, Lebens-, und Familienfragen (Diakonisches Werk, Stadtmission Dresden e.V.) um ihre Meinung gebeten.

Mobbing im Internet – welche Rolle spielt dies nach Ihrer Erfahrung im Leben der Jugendlichen?

Aktuelle Studien gehen etwa von einem Drittel der Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus, die bereits von Mobbing im Internet betroffen waren. Aber wo ist die Grenze zwischen Mobbing und ei- nem flapsigen Umgangston zwischen Jugendlichen? Mobbing be- ginnt da, wo diffamiert, belästigt, bedrängt oder genötigt wird. In der Phase der Pubertät sind Heranwachsende ganz besonders emp- findsam gegenüber solchen Verletzungen.

Welche Folgen kann ein solches Mobbing für den Betroffenen haben?

Gerade weil die Jugendlichen in ihrem Selbstbild noch nicht gefes- tigt sind, können die Folgen schwerwiegend sein. Sie reichen von sozialer Isolation und Stress, psychischen Problemen wie Angst und Depressivität bis hin zum Suizid. Solchen Angriffen im Internet sind Jugendliche oft schutzlos ausgeliefert. Weil sie sich schämen, spre- chen sie in der Familie nicht darüber.

Wie bewerten Sie die Reaktion des Vaters – ist er zu kompromisslos?

Der Vater hat durch Zufall das Foto gesehen und folgte seinem Ge- fühl, dass da etwas nicht stimmt. Gut, dass er sich hier nicht be- schwichtigen oder abweisen lässt! Er hört Sven aber zu wenig zu und versteht ihn deshalb auch nicht. Ich habe auch Zweifel an seiner Lösung: Sven könnte jetzt versuchen, den Laptop heimlich zu benut- zen, oder er surft bei einem Freund. In beiden Fällen erfahren die Eltern dann gar nicht mehr, was Sven am Computer macht.

Was kann der Vater tun, damit sich Sven im Netz fair verhält? Faires Verhalten lernen Kinder von den Eltern. Die Bewertungen des Vaters („dämlich“, „fies“, „hinterhältig“) sind verletzend für Sven und damit kein gutes Vorbild. Der Vater sollte Sven sagen, dass er erschrocken, entsetzt oder wütend über das Verhalten seines Soh- nes ist. Und er sollte ihm beschreiben, warum. Im Netz bekommt

Sven ja keine direkte Rückmeldung zu dem, was er tut. Er erlebt also nicht, wie schlimm das für das Mädchen ist. In der Realität würde Sven schon an der Reaktion erkennen können, welche Folgen sein Verhalten hat. Darüber könnte der Vater in Ruhe mit Sven sprechen, ihn fragen: Was würde eine ähnliche Situation für dich bedeuten? Er kann Folgen klar machen: Das Netz „vergisst“ nichts, das Foto ist eine bleibende Beschämung für das Mädchen.

Sven hat Angst, selbst gemobbt zu werden, wenn er sich her- aushält. Wie könnte der Vater dieser Angst begegnen?

Fragen und Zuhören! Er könnte sich dafür interessieren, was das Mädchen schreibt, wer den Sohn fertig macht und warum er das denkt. Die Angst, selbst gemobbt zu werden, ist tatsächlich öfter eine Ursache: Beim Mobbing wollen die Täter zur Gruppe der ver- meintlich „Starken“ gehören. Wenn der Vater erfährt, dass Sven ge- mobbt wird, heißt das: Sein Sohn braucht Hilfe!

Was sollte man als Eltern eines Mobbing-Opfers unternehmen?

Wichtig ist, das Kind zu stärken. Kinder suchen die Schuld oft bei sich, zum Beispiel: Ich werde gemobbt, weil ich zu dick bin. Hier müssen Eltern klar sagen: Du bist nicht schuld! Beim Seitenbetrei- ber kann man beleidigende oder unethische Darstellungen melden und eine Löschung beantragen. In Fällen schweren Mobbings kann eine polizeiliche Anzeige sinnvoll sein. Vielleicht lässt sich auch in Svens Klasse organisieren, dass jemand mit den jungen Leuten über Regeln im Internet spricht und Risiken klar macht.

Karl E. Dambach:

„Wenn Schüler im Internet mobben“

Verlag: Reinhard

ISBN 3497022098, 122 Seiten, Preis: 14,90 Euro.

Wenn Sie bemerken, dass Ihr Kind sich zurückzieht, bedrückt oder sonst verändert wirkt, zum Beispiel nicht mehr in die Schule gehen will, fragen Sie nach. Sprechen Sie Befürchtungen konkret an.

Sollten Sie Hinweise finden, dass Mobbing stattfindet, braucht das Kind unbedingt Hilfe. Werden Sie aktiv und besprechen Sie mit Ihrem Kind die Schritte.

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