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Heilende Hände statt Helmtherapie

Durch spezielle osteopathische Griffe können Verschiebungen wieder gelöst werden.

Die kleine Agnes ist 5 Monate alt, als sich abzeichnet, dass ihr Kopf schief wächst. Mit einer langwierigen Helmtherapie soll die Schädeldeformation korrigiert werden. Die Mutter sucht jedoch eine Alternative und findet sie bei der Leipzigerin Heike Barthel, einer Osteopathin.

„Agnes hatte eine richtige Beule am Kopf. Sie hat sich auch nur auf eine Seite gedreht und wollte die andere gar nicht nutzen“, erzählt ihre Mutter Veronika Weber. Eine Orthopädin hatte schon die Masse für eine Helm-Orthese genommen. „Mich hat das abgeschreckt, schon die Vermessung war eine nervenaufreibende Prozedur, Agnes hat furchtbar geschrien. Sie hätte den Helm ganze 23 Stunden am Tag tragen müssen und das über mehrere Monate“, stöhnt die vierfache Mutter.

Frau Weber suchte nach Alternativen und fand sie bei Heike Barthel. Die gelernte Physiotherapeutin hat eine sechsjährige Zusatzausbildung zur Osteopathin absolviert und behandelt ihre Patienten ausschliesslich mit den Händen. Mit ihren Fingern erspürt und ertastet sie Verschiebungen und Verklebungen im Muskel, Skelett- und Organsystem. „Bei Agnes war die Asymmetrie im Gesicht deutlich zu sehen. Der Schiefstand zog sich aber durch den ganzen Körper und war zum Beispiel auch im Becken zu erspüren.“ Solche Verschiebungen sind bei Babys gar nicht so selten. Zwar ist der Kopf des Babys so ausgebildet, dass er die Kompression im Geburtskanal gut verkraftet. Durch Verzögerungen oder Komplikationen während der Geburt wirken jedoch immense Kräfte auf den Hinterkopf. Dieses Geburtstrauma kann zu Verschiebungen an den Schädelplatten führen. Und die wiederum ziehen dauerhafte Funktionsstörungen nach sich. Bei Agnes kam hinzu, dass sie sich den Platz in Mamas Bauch mit ihrer Zwillingsschwester Almut teilen musste. „Ich vermute, die Verformung hat da ihren Anfang genommen“, sagt Heike Barthel.

Durch spezielle osteopathische Griffe können solche Verschiebungen wieder gelöst werden. Die Babys bemerken das sanfte Ziehen, Drücken und Schieben kaum. „Neugeborene verschlafen die Therapie oft“, lacht Frau Barthel. Eine Behandlung dauert etwa eine halbe Stunde. „In der Regel ist das Problem
nach zwei bis drei Sitzungen gelöst.“ Bei Agnes dauerte es ein bisschen länger, weil sich mit 5 Monaten die Schädelknochen schon ziemlich gefestigt hatten. Heute ist Agnes 3 Jahre alt und von dem schiefen
Kopf ist nichts mehr zu sehen. „Ich bin sehr froh, dass wir diese sanfte Methode ausprobiert haben und uns die Helmtherapie erspart blieb“, sagt Agnes’ Mutter. Auch bei anderen Problemen, die in Zusammenhang mit der Geburt stehen, kann die Osteopathie helfen. „Speikinder zum Beispiel haben
häufig Verspannungen am Mageneingang und am Zwerchfell“, erklärt Frau Barthel. „Bei Neugeborenen, die nicht richtig saugen, kann man am Hinterkopf den Nerv für die Zungenmotorik stimulieren. Und
bei Babys, die sich nicht gerne eine Mütze aufsetzen lassen, können Spannungen im Schädel dahinter stecken.“ Durch spezielle Handgriffe können auch diese Probleme gelöst werden. „Ich würde mir eigentlich wünschen, dass immer auch ein Osteopath auf ein Neugeborenes schaut. Ich glaube, so könnte man viele spätere Haltungsprobleme verhindern.“

In der Regel müssen die Leistungen eines Osteopathen selbst bezahlt werden. Es lohnt sich aber, sich bei der eigenen Krankenkasse nach einer Kostenübernahme zu erkundigen, mitunter gibt es auch individuelle Lösungen. Die Techniker Krankenkasse beispielsweise übernimmt seit diesem Jahr 80 Prozent dieser Behandlungskosten.

Jana Olsen

Therapeutensuche unter: www.osteopathie.de und www.bv-osteopathie.de

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Vor rund 130 Jahren begründete der amerikanische Arzt Andrew Taylor Still die Osteopathie. Machtlos hatte
er mit ansehen müssen, wie vier seiner Kinder erkrankten und starben. Er hatte das Vertrauen in die  Schulmedizin verloren und begründete eine neue Methode der Diagnose und Behandlung. Dabei kommen ausschliesslich die Hände zum Einsatz, um Blockaden zu lösen und die Selbstheilungskräfte zu aktivieren.