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Ess-Störung per Netz serviert

Es gibt erschreckende Zahlen zur Selbstwahrnehmung von Mädchen und jungen Frauen: Nur vier von hundert empfinden sich als schön. Schon seitvielen Jahren gibt es einen Selbstoptimierungswahn, der auch vor kleinen Mädchen nicht haltmacht.  Von Eva Jobst

So diskutieren schon Fünfjährige über ihre Figur, Schülerinnen gehen nicht zum Sport, weil sie sich fett finden und Zwölfjährige wollen ein Brasilian Waxing, die Entfernung der Haare im Intimbereich, so die britische Psychoanalytikerin Susie Orbach. Eine große Rolle spielen dabei die medial verbreiteten „Vorbilder“: In den 60er-Jahren das Magermodel Twiggy, in den 80ern Models wie Campbell oder Crawford mit Mode in Größe 30 bis 32. Längst haben Fernsehsendungen, in denen superschlanke Topmodels gesucht werden, das Quotenpotenzial entdeckt und prägen auf ihre Weise das Bild der „idealen Frau“.

INSTAREXIE – DIE MAGERSUCHT AUS DEM NETZ

Seit etwa zehn Jahren sind im Internet sogenannte Influencerinnen dazu gekommen. Im Lifestylebereich sind das überwiegend Frauen, die via Youtube oder Instagram anderen ihr Schönheitsbild vermitteln. In der Regel sind sie jung, makellos und zumeist sehr schlank. Für viele junge Mädchen sind sie zum Vorbild geworden.
Sie kopieren den Lebensstil ihrer Idole, treiben übermäßig Sport – und essen nur noch wenig. Das Ergebnis kann eine Ess-Störung bis hin zur Magersucht sein.
Fachleute haben dafür sogar schon einen Begriff geprägt: „Instarexie“ – eine Wortneuschöpfung aus Instagram und Anorexie (Magersucht). Instagram wirkt dabei als Multiplikator. Denn diejenigen, die sich auf ein fragwürdiges Idealgewicht herunterhungern, teilen dort Fotos von sich selbst, um ihre vermeintlichen Erfolge anderen zu zeigen und werden damit wiederum zum Vorbild. Ein Teufelskreis mit Folgen. Das Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen sowie die Hochschule Landshut haben eine Studie mit 143 Menschen durchgeführt, die an einer Ess-Störung leiden, 138 davon waren Mädchen und Frauen.
Drei Viertel von ihnen sind auf Instagram aktiv und verfolgen dort die professionell gemachten Bilder ihrer Idole, die mit ihren eigenen nicht mithalten können. Und so geht das Hungern weiter. „Ich verglich die Mengen und Kalorien, die sie essen, mit meinen und dachte, dass so wenig Essen und Kalorien normal und gesund sind“, sagt eine Teilnehmerin der Studie.

WARNSIGNALE ERKENNEN

Martina Hartlage von der Beratungsstelle Dick & Dünn e.V. in Berlin begleitet junge Leute, die unter Ess-Störungen leiden und Instagram nutzen. „Kinder und Jugendliche, die sich in einer unsicheren Lebensphase befinden, finden hier scheinbar Halt und Orientierung gebende Regeln. Aber nur scheinbar, denn diese Regeln zu befolgen ist nichts anderes, als Anleitungen zum Suizid zu befolgen.“
Bei vielen jungen Mädchen bleibt die Instarexie zunächst unerkannt. Die übermäßige Nutzung von Instagram gepaart mit schnellem Gewichtsverlust, der Verweigerung gemeinsamer Mahlzeiten und die Angst vorm Dickerwerden trotz bereits bestehendem Untergewicht sind die wichtigsten Warnsignale. Für Eltern heißt das: Sie müssen ihre Kinder wertschätzend und sensibel begleiten. Vielleicht hilft es auch, gemeinsam im Netz nach neuen Vorbildern zu suchen. Denn es gibt positive
Beispiele bei Instagram, betont Professorin Eva Wunderer, die die Landshuter Studie wissenschaftlich begleitete. Dort findet man auch Influencerinnen, die das Schönheitsideal anders definieren und sagen:

So wie du bist, bist du richtig!

Themen im aktuellen Heft sind u.a.:

- Wohin mit der Wut?
- Helfende Pfötchen
- Naturerlebnis Wildcamps

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