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Lady Mary Wortley Montagu mit ihrem Sohn, Edward Wortley Montagu – eine wirklich ungewöhnliche Frau. Umfassend gebildet, weltoffen und selbstbewusst. Durch ihre Briefe und Gedichte machte sie sich auch einen Namen als Schriftstellerin.

Wer glaubt, Impfungen seien eine Erfindung des 20. Jahrhunderts, der irrt. In Europa reicht die Geschichte des Impfens vielmehr bis in das frühe 18. Jahrhundert und zu Lady Mary Wortley Montagu (1689 - 1762) zurück. Im Alter von 24 Jahren verlor sie ihren einzigen Bruder an Pocken. Mit 26 Jahren erkrankte sie selbst an der verheerenden Seuche. von Barbara Legner-Meesmann

Die Pocken waren damals die am weitesten verbreitete Infektionskrankheit - noch vor Pest, Lepra und Syphilis. Vor allem Kinder fielen ihr zum Opfer. Seit Jahrhunderten suchten die Pocken immer wieder ganze Landstriche Europas heim. Der Begriff Pocken geht auf das altgermanische Wort "pocca" für Beutel oder Tasche zurück und verweist auf die typischen Pusteln der Pockenerkrankung. Als ihr Mann 1716, ein Jahr nach ihrer Pockenerkrankung, Botschafter der englischen Krone in Istanbul wurde, begleitete Lady Montagu ihn ins Osmanische Reich. In der Türkei wurde sie Zeugin eines scheinbar unglaublichen Vorgangs: Osmanische Ärzte verabreichten Kindern Pockenviren und immunisierten sie so gegen die Krankheit. Überzeugt durch die Erfahrung der türkischen Ärzte und geprägt von ihren eigenen schlimmen Erfahrungen mit den Pocken, ließ Lady Montagu auch ihre Kinder von den osmanischen Ärzten impfen.

 

ARROGANTE ÄRZTE UND EINE HARTNÄCKIGE LADY

Zurück in England setzte sie sich für eine Einführung der Pockenimpfung ein, doch sie stieß bei der Ärzteschaft nur auf Hohn und Unverständnis. Lady Montagu blieb hartnäckig und überzeugte König Georg I., das Verfahren ausprobieren zu lassen. Waisen und Verbrecher mussten als Versuchskaninchen herhalten. Immerhin: Das Experiment überzeugte den König. Er ließ seinen Enkel ebenfalls impfen. Danach breitete sich das Verfahren in England und dem übrigen Europa langsam aus. Die Behandlung war jedoch sehr riskant, da auch immer wieder schwere Pockenerkrankungen auftraten.

 

JENNER UND SEIN GEWAGTES EXPERIMENT

Den entscheidenden Durchbruch erzielte schließlich der englische Landarzt Edward Jenner (1749 - 1823). Er hatte von Lady Montagus Impfungen gehört, aber auch von den hohen Risiken. Zugleich wusste er aus eigener Erfahrung, dass Menschen gegen die Pocken immun sind, wenn sie zuvor die harmlosen Kuhpocken hatten. 

1796 zog er die logische Konsequenz: Er impfte einen Jungen mit dem Pustelsekret einer an Kuhpocken erkrankten Magd und infizierte ihn sechs Wochen später mit echten Pocken. Das gewagte Experiment gelang. Jenner konnte somit beweisen, dass die Impfung mit Kuhpocken einen wirksamen Schutz gegen die echten Pocken darstellte.

 

STREIT VON ANFANG AN

Trotz seines Erfolges konnte Edward Jenner seine Ärztekollegen und vor allem auch die Kirche zunächst nicht vom Sinn großflächiger Impfungen mit den Kuhpockenerregern überzeugen. Doch aufgrund des durchschlagenden Erfolgs seiner Herangehensweise und des offensichtlichen Nutzens setzte sich die Pockenimpfung mehr und mehr durch. 1807 gab es in Bayern und Hessen bereits staatliche Zwangsimpfaktionen gegen die Pocken. 1874 wurde die Pockenimpfpflicht im Deutschen Reich eingeführt. Etwas mehr als 100 Jahre später, 1980, erklärte die Weltgesundheitsorganisation WHO die Welt für pockenfrei.

 

 

MIT NADEL UND EITER - IMPFAKTION IN KONSTANTINOPEL

Auch in Konstantinopel wütet regelmäßig die Pest. Der osmanische Sultan Achmed III. sucht nach Auswegen. Schon länger haben Reisende aus Asien von einer neuen Methode aus China berichtet, wo einige Ärzte ihren gesunden Patienten Krustenstücke von nur leicht erkrankten Pockenpatienten verabreichen - und diese blieben dann nach einer kurzen, aber leichten Erkrankung von den tödlichen "Blattern" verschont. Der Sultan beschließt daraufhin, diese Methode in seiner Stadt zu testen. So unternimmt er 1714 den ersten großangelegten Impfversuch der Geschichte. An die 40.000 Menschen werden in Konstantinopel auf diese Weise immunisiert.

 

 

u.a. mit folgenden Themen:

- Risiko Kinderspeck
- Lese-Rechtschreib-Schwäche
- Plötzlicher Kindstod

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