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Zwischen Raufen und Fairplay

Zerrissene Hosen, aufgeschlagene Knie und ab und an ein Wackelzahn – das sei bei Jungen ganz normal, sagt man. „Die können gar nichts dafür, die müssen sich nun mal prügeln!“, wissen wir Väter und denken verklärt an unsere Jungenzeit mit ihren Abenteuern zurück. Tatsächlich ge- hören Rangeleien wohl seit jeher dazu, zum Mann-Werden. Aber bitte mit Stil und Fairness wie unter Gentlemen üblich – und nicht mit Springerstiefeln und Totschlägern. 

Dr. Tobias Deschner ist Verhaltensforscher am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. Aus seinen Studien mit Menschenaffen, vor allem mit Schimpansen weiß er, dass die ‚rough and tumble plays‘ also die ‚Rauf-und-Kampf-Spiele‘ zu den Beschäftigungen Heranwachsender überhaupt gehören. „Stundenlang können Jungtiere mit Rangeleien verbringen. Sie testen dabei ihre körperliche Stärke ohne aber tatsächlich an die Grenzen zu gehen“, weiß der Forscher. Geschrei gibt es erst, wenn ein Tier sich ungerecht behandelt fühlt. Dann greift dessen Mutter ein, und zwar immer zugunsten ihres Kindes, ohne Differenzierung. Das Verhalten der – übrigens vom Aussterben bedrohten – Schimpansen teilt uns viel über unsere eigene Entwicklung mit. „Denn auch für uns Menschen gilt“, sagt Dr. Tobias Deschner „je rauer die Umgebung, desto freier das Aufwachsen, desto perfekter die Mutter-Kind-Bindung.“ Uns Männern war das längst klar: Rangeleien sind eben genetisch bedingt. Wir konnten nie etwas für unsere Wildheit und die zerschundenen Beine. Und jedes blaue Auge wurde nicht nur mit Kämpferstolz ertragen, sondern war auch eine wichtige Lehre für uns. Tatsächlich lernen nicht nur Dr. Deschners Menschenaffen aus dem handgreiflichen Aggressionsspiel. „Diese Gerangel helfen Jungen, ihre Reaktionsschnelligkeit sowie Ausdauer, Konzentration und Wahrnehmung auf spielerische Art zu schulen“, erklärt die Leipziger Diplom-Psychologin Christiane Mrusczok. Außerdem würden soziale Kompetenzen wie Kooperationsfähigkeit und Einfühlungsverm.gen sowie das Rollenverhalten in der Gruppe gefördert. Anders als bei den Affen sieht Christiane Mrusczok bei uns Menschen allerdings die Väter in der Pflicht, wenn die Sprösslinge bei der Balgerei über die Stränge schlagen. „So kann der Junge das Vorbild im Sozialverhalten in seine geschlechtstypische Rolle integrieren“, erklärt die Psychologin. Das heißt, Grenzen und Fairplay müssen erlernt werden! Und genau hier sieht Roman Schulz von der Sächsischen Bildungsagentur eines unserer großen Probleme. „Wir erleben einen enormen Wertewandel. Familien in der klassischen Form gibt es immer weniger. Kinder wachsen oft ohne Vaterfiguren auf. Schulen können die Defizite, die zu Hause entstehen, nicht auffangen.“ Aber nicht nur, dass viele Jungen zu Hause, im Kindergarten und auch an den Grundschulen ohne Vaterfigur auskommen müssen, beklagen Experten, falsche Vorbilder aus den Medien führten zu einem Anstieg der Gewalt bei Kindern. Auf jeden Fall verstärken Medien die Wahrnehmung vom Gewalttätigkeiten in der Öffentlichkeit, glaubt auch Roman Schulz. „Prügeleien hat es auch zu meiner Schul- zeit gegeben“ erzählt er, „aber damals hat niemand darüber auf Facebook berichtet.“ Eine Keilerei ist also ganz normal. Wenn unsere Jungs sich aber dauernd prügeln, ihre Leistungen sinken und sie sich abschotten, dann sollten wir genauer hinsehen. Auch moderne Gewaltformen wie Mobbing und Cybermobbing nehmen immer größeren Raum ein. Hiervon sind auch Mädchen betroffen. „Wir müssen die Kinder stark machen!“ beschreibt Schulz ein wichtiges Ziel. „Kinder müssen sich auch trauen, Hilfe vonLehrern und anderen anzunehmen. Wenn ihr Treiben an die Öffentlichkeit kommt, kriegen die Übeltäter ein Problem.“ Verhaltensforscher Dr. Tobias Deschner hat beobachtet, dass „Kinder heute schnell kriminalisiert werden. Früher waren die Sitten rauer!“ Für uns gilt es also, die Balance zu finden, zwischen archaischem ‚rough and tumble play‘ und dem Fairplay auf allen Ebenen unsererkomplexen Welt. Und als männliches Vorbild für die Jungs stehen wir Väter da besonders in der Pflicht.

Christian Bohlmann

 

 

Themen im aktuellen Heft sind u.a.:

- Wohin mit der Wut?
- Helfende Pfötchen
- Naturerlebnis Wildcamps

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