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Mütter und Väter wollen das Beste für ihre Kinder und deren Zukunft. Doch was ist heute das Beste? Viele Eltern glauben, ihre Kinder müssten für bessere Chancen im späteren Berufsleben auch nach einem langen Schultag noch stundenlang büffeln. Da ist der Stress für die ganze Familie schon vorprogrammiert. Und das ist frustrierend für Kinder und Eltern. von Petra Erler

 

Stattdessen: Das richtige Lernen lernen! Denn Lernen sollte vor allem Spaß machen. Aber geht das überhaupt? Ja, meinen Jürgen Möller und Benjamin Schmitt, die Gründer des noch jungen gemeinnützigen Vereins LVB (Lernen Verein Berlin) und vermitteln in lockeren und kostenlosen Schulvorträgen den Eltern neue Strategien. In diesen Vorträgen veranschaulichen sie und ihre Kollegen den Zuhörern auf sehr amüsante Weise, wie das Lernen eigentlich funktioniert. "Das hat nichts mit Intelligenz zu tun", weiß Jürgen Möller, der jahrelang an einer Brennpunktschule tätig war, "vielen Schülerinnen und Schülern fehlen einfach die Grundlagen für richtiges Lernen. Dieses Wissen vermitteln wir mit unseren Vorträgen an Schulen deutschlandweit. Uns geht es darum, den Druck rauszunehmen, die Verunsicherung abzubauen. Wir wenden uns vor allem an die Eltern. Das Bedürfnis nach Hilfe ist riesengroß. Das zeigen die ständig steigenden Anfragen an den Verein."

NUR SPASS BRINGT LEICHTIGKEIT IN DEN LERNALLTAG

Sind die Noten mal nicht so gut, werden die Eltern von der Angst getrieben, dass die Kinder den Anschluss verpassen und sie später dann vielleicht keinen guten Job finden. Für Mütter und Väter ist das sehr wichtig, für die Kinder nicht. "Untersuchungen ergaben, dass Kinder erst im Alter von 15, 16 Jahren ein Bewusstsein dafür entwickeln, wofür Bildung eigentlich wichtig ist", erläutert Möller. Die berühmte Phrase vom 'Lernen fürs Leben' erreicht sie also gar nicht. Kinder leben im Hier und Jetzt. Und es muss jetzt Spaß machen. "Wir geben Tipps und Tricks aus der Praxis, die es Eltern ermöglichen, ihre Kinder mit den richtigen Methoden anzuspornen. Dann stellen sich auch Erfolge ein. Lernerfolg bringt Spaß und Spaß bringt Leichtigkeit in den Lernalltag", weiß Möller aus Erfahrung.

JEDER TYP LERNT ANDERS

Möller und seine Kollegen fragen die Eltern in den Vorträgen als erstes nach dem Lerntyp ihres Kindes. Darüber haben sie in der Regel noch nie nachgedacht. Im Vortrag erfahren sie, dass der Lernstoff vor allem über die Sinnesorgane in unser Gehirn gelangt. Die sind aber bei jedem Kind unterschiedlich stark ausgebildet. Der Lerntyp wird also vom bevorzugten "Lernkanal" bestimmt.

5 TIPPS FÜR STRESSFREIES LERNEN

Gedächtnistraining: Dem Gehirn hilft es zu kategorisieren. Dafür schreibt man den Lernstoff auf kleine Karteikarten und versieht ihn mit einem Smiley. So prägen sich Dinge über einen längeren Zeitraum besser ein.
Die Loci-Methode hilft vor allem, unterschiedliche Dinge zusammenzubringen. Man sucht sich dafür einen Weg aus, den man in- und auswendig kennt. Entlang dieses Weges muss man sich fünf bis zwanzig markante Dinge wie Wecker, Schrank oder Tür merken. Dann stellt man sich vor, auf diesen Dingen klebten Zettelchen, auf denen die Begriffe stehen, die man sich merken will. Indem man in Gedanken den Weg abgeht, erinnert man sich an die Begriffe auf den Zetteln.
Besonders hilfreich: Eselsbrücken. Man darf ruhig auch neue erfinden, am besten gemeinsam mit dem Kind. Vorher-Nachher: Einfach mal einen Gegenstand aus dem Wohnzimmer umstellen oder entfernen. Und dann darf die Familie raten, was fehlt oder wo es sich befand. Und schließlich: digitale Lernangebote nutzen. LernCoachies und Sofatutor zum Beispiel bieten für etwa 15 Euro im Monat werbefreie und geprüfte Lernvideos für alle Klassenstufen und alle Fächer an.

MAXIMAL EINE STUNDE HAUSAUFGABEN

Auch auf den richtigen Zeitpunkt kommt es an. Jedes Kind hat seinen eigenen Rhythmus. Das eine hat nach dem Mittagessen ein Tief, während das andere vor Energie platzt und sich erst mal austoben muss. Klar, dass es bestenfalls Frust bringt, gerade dann lernen zu sollen.

"Schülern dabei zu helfen, ihren Lerntyp zu finden und dadurch Potenziale zu wecken, ist die Antriebsfeder in meiner täglichen Arbeit." Jürgen Möller

 

Ebenso wichtig ist ein fester Lernplatz. Er signalisiert: Hier wird gelernt. Mehr als eine Stunde sollten die Hausaufgaben nicht in Anspruch nehmen. Ablenkungen sind daher tabu. Da kann ein Vertrag helfen - so richtig mit Unterschrift und Stempel und einem Exemplar für jeden. Er kann drei Regeln für das Lernen enthalten und drei für das Elternverhalten. Beispielsweise darf bei den Hausaufgaben kein Handy auf dem Schreibtisch liegen. Umgekehrt darf das Kind beim Lernen nicht ständig von den Eltern gestört werden. Wenn beide Seiten sich an den "Vertrag" halten, erfährt das Kind Respekt und wird sich seinerseits an die Vereinbarungen halten. Nach dem Lernen sind dann erst mal zwanzig Minuten Pause mit Entspannung oder Bewegung dran, ehe Fernsehen oder Computer erlaubt sind. Gleich nach dem Lernen den Fernseher anzuschalten oder am Computer zu spielen, verdrängt das Gelernte nämlich wieder, es wird sozusagen "überschrieben".

WIR WAREN ALLE MAL SCHÜLER

Zeigen Sie Ihrem Kind doch mal Ihre Zeugnisse! Viele Erwachsene haben vergessen, was es bedeutet, Schüler zu sein, welche Streitereien man mit den eigenen Eltern hatte. Versuchen Sie, die Position Ihrer Kinder einzunehmen. Stellen Sie sich vor, Sie müssten vor dreißig Leuten einen Vortrag halten oder Fragen beantworten. Sie werden kritisiert oder können nicht antworten. Sie werden beurteilt. Das ist Stress pur. Schüler müssen das in der Regel acht Stunden am Tag aushalten. Da braucht man schon öfter mal Ermunterung.
Für den einen ist mehr Geduld beim Lernen erforderlich und für den anderen ist mehr Lob eine Motivation. Gerade in der Grundschule sollte man die Kinder ganz viel loben. Und Belohnungen sollten immer im direkten Zusammenhang mit einer Anstrengung stehen, also unmittelbar erfolgen. "Schenken Sie Zeit anstelle von materiellen Dingen", plädiert der engagierte Pädagoge. "Spielen Sie zusammen Fußball oder unternehmen Sie was Schönes".
Neurologisch gesehen will jedes Kind lernen und zwar aus Spaß und Freude, ohne Druck. Deshalb ist gerade in der Grundschulzeit Gelassenheit gefragt, denn verzögerte Lernerfolge sind völlig normal. Das Gehirn entwickelt sich laufend und Fachwissen kann innerhalb von Wochen aufgeholt werden.

DIE SCHULE AUCH MAL DRAUSSEN LASSEN

Kinder sind zu Hause in erster Linie Kinder und keine Schüler. Das Familienleben wird oftmals zu sehr vom Thema Schule geprägt. Das hat Konsequenzen für den Familienalltag. Eltern sollten daher Freiräume schaffen, in denen Schule wirklich keine Rolle spielt. Zum Beispiel bei gemeinsamen Mahlzeiten. "Das Kind darf keine Angst haben, dass hier gleich wieder über Mathe gesprochen und es abgefragt wird. Das Kind wird dann die Mahlzeiten nicht mehr als befriedigend empfinden und dichtmachen", gibt Jürgen Möller noch mit auf den Weg.

 

Jährlich geben Eltern 900 Millionen Euro für die Nachhilfe ihrer Kinder aus. Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2016 nimmt mehr als jeder Dritte auch bei befriedigenden bis sehr guten Leistungen zusätzliche Förderung in Anspruch.

 

 

 

Themen im aktuellen Heft sind u.a.:

- Wohin mit der Wut?
- Helfende Pfötchen
- Naturerlebnis Wildcamps

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