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Stillsitzen: Schule von gestern

Der Oberkörper darf nur sehr wenig nach vorn geneigt und keinesfalls an die Tischkante angelehnt sein. Der Kopf muss gerade gehalten werden, sodass das Kinn die Brust nicht berührt. Die Schultern müssen sich in gleichlaufender Richtung mit der Tischkante befinden und der linke Vorderarm soll ganz, der rechte wenigstens mit seiner vorderen Hälfte auf der Tischplatte liegen.

Die vorangestellten Anordnungen aus dem Jahr 1886 zur richtigen Haltung beim Schreiben geben wieder, wie damals nach Auffassung staatlicher Stellen für Gesundheit und Disziplin der Schüler zu sorgen sei. Katrin Wagner, Schulleiterin in Döbeln, muss schmunzeln, wenn sie solche Sätze aus einem vergangenen Jahrhundert liest. In „ihrer“ Mittelschule „Am Holländer“ dürfen Schüler im Klassenzimmer rennen, beim Schreiben auf dem Stuhl knien und wer will, kann den Stuhl auch gegen einen Sitzball tauschen.

 

Sportliche Einlagen

Die Pädagogen des 19. Jahrhunderts stünden sicherlich mit offenen Mündern im Klassenzimmer. Was damals als Disziplinierungsmaßnahme und Standard galt, nämlich das absolute Stillsitzen im Unterricht, ist derzeit im Wandel begriffen. Sicher, noch immer sitzen die meisten sächsischen Schüler und Schülerinnen im Frontalunterricht im Klassenraum, doch einige Schulen testen neue Konzepte, erproben innovative Formen des Lernens und brechen alte Regeln. Unter ihnen die Döbelner Mittelschule, wo Jungen und Mädchen sich während des Unterrichts in den Ecken versammeln, Bälle werfen, Stühle tauschen und in den Pausen Tischtennis spielen, die Turnhalle mit sämtlichen Sportgeräten nutzen oder die Spielkiste im Hof plündern.

 

Denken mit Körpereinsatz

Um diese Bewegungseinheiten in den Unterricht zu integrieren, hat Katrin Wagner die engen 45-minütigen Unterrichtsstunden zu Anderthalb-Stunden-Blöcken zusammengefasst. Ziel ist es, Bewegung und Lernen enger miteinander zu verknüpfen. Lernen Kinder anders, wenn sie sich bewegen? Katrin Wagner schweigt und denkt lange über eine Antwort nach. Sie selbst unterrichtet Mathematik. Ob jetzt alle besser rechnen können? Sicherlich nicht, aber: „Die Kinder vergessen, dass sie denken, wenn sie sich bewegen – das ist vielleicht der größte Unterschied. Es kommt eher von innen heraus.“ Mit dieser Beobachtung befindet sich die Pädagogin in bester Gesellschaft mit Lernforschern und Psychologen. Diese haben nämlich in verschiedenen Studien herausgefunden, dass beim Denken, Rechnen oder Schreiben genau die Areale im Gehirn aktiv sind, die auch für Bewegung zuständig sind. Intuitiv machen Erstklässler also das Richtige, wenn sie beim Zählen die Finger benutzen. Zudem haben Studien gezeigt: Wer ein ausgeprägtes Gefühl in den Fingern hat, kann später auch besser mit Zahlen umgehen. Durch die Bewegung verbinden sich Nervenzellen im Gehirn, die darüber entscheiden, ob wir schnelle oder langsame Denker sind, uns mit Lösungsansätzen schwertun oder leichter. Schon unsere Sprache legt diesen Zusammenhang nahe – wer „greift“ wird besser „begreifen“, wer „fasst“ wird mehr „erfassen“.

 

Schritt für Schritt zu neuen Zielen

Noch befinden sich die neuen Ansätze in einem Erprobungsstadium, denn auch Katrin Wagner ist klar, wenn es in der Schule bewegter zugeht, braucht es nicht nur andere Unterrichtseinheiten, sondern auch andere Sitzmöbel oder eine andere räumliche Aufteilung des Klassenzimmers. Dafür aber fehlt momentan noch das Geld. „Doch man muss das Rad nicht immer neu erfinden, es reichen auch kleine Dinge, um den Unterricht bewegt zu gestalten. Dann teilt eben nicht der Lehrer die Aufgabenzettel aus, sondern die Schüler holen sie sich vom Pult.“ Und die Lehrenden? Wann bewegen die sich? Die Schulleiterin lacht: „Wir haben angefangen, unsere Versammlungen vom Erdgeschoss in den ersten Stock zu legen. Dazu muss man hier erst einmal vier Ebenen überwinden. Manche stöhnen. Die meisten finden es aber gut.“

 

Infos und Kontakt

Die Döbelner Mittelschule „Am Holländer“ trägt das Zertifikat „Bewegte Schule“. Jede Schule kann sich vom 1. März bis zum 15. April für dieses Zertifikat bewerben. Begleitet wird diese Initiative von der Universität Leipzig und der Unfallkasse Sachsen. 

Nähere Informationen unter: www.bewegte-schule-und-kita.de

 

von Claudia Hempel


 

 

Themen im aktuellen Heft sind u.a.:

- Wohin mit der Wut?
- Helfende Pfötchen
- Naturerlebnis Wildcamps

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