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Sind Hausaufgaben noch zeitgemäß?

Wer die Aufgabe morgens in der Schule schon nicht kapiert hat, wird sie abends auch nicht kapieren.

Am Anfang war die Wut oder „ein gewisser Ärger“, wie es der Dresdener Erziehungswissenschaftler Professor Hans Gängler ein wenig zurückhaltender formuliert. Der Ärger jedenfalls nahm zu, als in Sachsen über Möglichkeiten der Ganztagsbeschulung nachgedacht wurde.

Modelle mit einem nachmittäglichen Zusatzangebot stehen dabei neben „richtigen“ Ganztagsschulen mit einem Unterrichtsplan von 8 bis 17 Uhr. Eine Reform also, die in die Zukunft weisen soll. Doch die Reform wollte eines nicht aufgeben: die Hausaufgaben. „Die Schulen nehmen die Kinder voll in Beschlag; erst gehen sie von 8 bis 17 Uhr in die Schule, dann kommen sie nach Hause und sollen noch mindestens
eine Stunde Hausaufgaben machen. Mit diesem Arbeitspensum würde jeder Arbeiter sofort zur Gewerkschaft gehen und sich über ausbeuterische Verhältnisse beschweren“, moniert Gängler. Da die Erziehungswissenschaftler der TU Dresden gerade an einer Studie arbeiten, die den Umwandlungsprozess über mehrere Jahre begleiten soll, gerät auch das Thema Hausaufgaben in den Fokus.

Dabei zeigte sich laut Gängler: „Wer die Aufgabe morgens in der Schule schon nicht kapiert hat, wird sie abends auch nicht kapieren.“ Nach wie vor spielt der soziale Hintergrund eine starke Rolle bei den Leistungen der Schüler. Das heißt: Leistungsstarke Schüler kommen in der Regel aus sozial starken Familien. Und Hausaufgaben verstärken nicht nur die bestehenden Leistungsunterschiede, sie verstärken auch das alte Gefüge der sozialen Herkunft. Denn die leistungsstarken, gut behüteten und vernetzten Schüler haben wiederum Eltern oder Großeltern, die sich Zeit nehmen und wenn nötig bei den Hausaufgaben helfen. Die sozial schwachen Schüler finden diese Unterstützung selten. Doch daraus abzuleiten: Hausaufgaben sind in der Ganztagsschule nicht mehr zeitgemäß, schreckt die Pädagogen auf. „Als die ersten Ergebnisse publiziert wurden, habe ich von Direktoren, Schülern und vielen aus der Lehrerschaft unzählige Mails bekommen. Das war enorm“, wundert sich Professor Gängler noch heute. Dabei waren die Reaktionen je nach Schultyp extrem unterschiedlich. Direktoren von Gymnasien sagten: „Wir haben so viel Stoff zu vermitteln, wir müssen Hausaufgaben geben, sonst schaffen wir den Lehrplan nicht.“ An Mittelschulen reagierte man schon pragmatischer. Dort hieß es, man würde die Hausaufgaben an praktische Übungen binden. Als es an einer der Schulen beispielsweise um die Erneuerung der Holztäfelung ging, bekamen die Schüler die Hausaufgabe, die dafür benötigte Holzmenge, den Zuschnitt und die Statik der Konstruktion zu berechnen. Dabei arbeiteten verschiedene Fächer zusammen und die Schüler waren hoch motiviert bei der Sache. Von den Grundschulen kam als Rückmeldung: „Hausaufgaben geben wir schon lange nicht mehr auf, wir geben unseren Kindern Übungen für den Alltag mit. Denn Fertigkeiten der Grundschule lassen sich bestens unterwegs anwenden. Lesen und Rechnen kann man praktisch überall üben – im Supermarkt, beim Gemüsehändler oder im Eisladen.“

Professor Gängler wurde sogar vom Lehrerkollegium des Gymnasiums seiner Tochter eingeladen, die dort in die 10. Klasse geht. Und auch diese Pädagogen konnte der Experte zum Umdenken bewegen, freut er sich: „Sie verzichten zwar nicht völlig auf Hausaufgaben, doch die Art der Aufgaben hat sich seitdem verändert. Die reinen Übungsaufgaben werden im Unterricht gemacht, die etwas freieren Arbeiten als Hausaufgaben gegeben.“

Andere Schulen haben mittlerweile ebenfalls neue Konzepte entwickelt. Statt Hausaufgaben gibt es jeden Tag in der 1. Stunde Übungen in den Hauptfächern. Das hilft den Schülern, die es beim ersten Mal noch nicht verstanden haben und entlastet die Familien zu Hause.

Doch die Klagen über Hausaufgaben sind alt. Schon 1853 heißt es in der Pädagogischen Revue zum Thema „Die häuslichen Aufgaben“: „Schüler, Lehrer, Eltern, Aufseher und Nachhel fer, alle seufzen gleicherweise bei diesem Thema; ja selbst politische Zeitungen bemerken es lobend, wenn eine Schule diese häuslichen Aufgaben beschränkt. Sie sind allen eine Plage, wie die Fliegen in den Sommermonaten.“ Umso dringlicher sollte die moderne Ganztagsschule neue Lernkonzepte entwickeln und dazu gehört möglicherweise auch, auf Hausaufgaben zu verzichten.

Claudia Hempel

Themen im aktuellen Heft sind u.a.:

- Wohin mit der Wut?
- Helfende Pfötchen
- Naturerlebnis Wildcamps

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