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Plüschtiere statt Laptops

Seit sechs Jahren lädt die TU Chemnitz Kinder zum Studieren ein. Wie die Großen bekommen die 7- bis 12-Jährigen Studienausweis und 
Studienbuch. Bei der letzten Kinder-Uni-
Vorlesung im Wintersemester ging es um 
Naturschutz und Artenvielfalt.

Auf den Tischen liegen Plüschtiere und Lutscher statt Laptop und Kaffeebecher. Anja Schanze, Kinder-Uni-Organisatorin, greift zum Mikrofon und erteilt die erste Lektion: „Klopft mal alle kräftig auf den Tisch! Das macht man an der Uni so, wenn einem was gefällt.“ Sofort hauen Hunderte kleine Hände auf die Tische. Bei den Mini-Studenten geht es deutlich bewegter zu als bei den Großen. Der Klappmechanismus der Kipptische muss immer wieder überprüft werden. Zu kurze Beine baumeln in der Luft und donnern gegen die Vorderreihen. Dozent Ulrich Schuster vom Botanischen Garten Chemnitz berichtet heute über die unglaubliche Artenvielfalt von Flora und Fauna. Jedes neue Tier auf der großen Hörsaal-Leinwand wird von lauten „Ahs“ und „Ohs“ begleitet. Bei der Tarantel geht ein Raunen durch die Reihen, mehrere „Igitts“ sind zu vernehmen. Doch Schuster findet die Spinne hübsch und bittet die Kinder: „Vor jedem Tier sollte man Achtung haben“.

Sobald Ulrich Schuster eine Frage stellt, schnellen zahlreiche Arme nach oben. Und die Kinder wissen viel. Mehr als ihnen die meisten Erwachsenen zutrauen würden. So benennen die kleinen Studenten problemlos die größte Papageienart der Welt, den Hyazinth-Ara, und kennen auch den kleinsten Vogel der Welt, den Kolibri. Als Schuster ein Foto vom Bass Rock in Schottland zeigt und fragt: „Weiß jemand wie der Meeresvogel heißt, der hier brütet?“, ziehen viele Eltern die Stirn kraus. „Basstölpel“ kommt die richtige Antwort von einem Knirps aus der achten Reihe. Die Erwachsenen nicken respektvoll. „Die Kinder suchen sich die Vorlesungen gezielt nach ihren Interessen aus. Und sie saugen das Wissen unserer Dozenten auf wie ein Schwamm“, weiß Kinder-Uni-Organisatorin Anja Schanze. „Bei so viel Begeisterung könnte man als Erwachsener fast neidisch werden.“

Nach der einstündigen Vorlesung donnert ein langes Klopfkonzert durch den Saal. Dozent Schuster wird dicht umlagert. „Wie hieß noch mal der kleinste Baum der Welt?“, will ein Mädchen wissen. „Krautweide“, antwortet der Naturschützer und schreibt fleißig Autogramme. Viele Kinder sind nicht zum ersten Mal hier, sie haben schon mehr als zehn, zwölf Unterschriften in ihrem Studienbuch gesammelt. Draußen vor der Hörsaaltür wird die Vorlesung ausgewertet. Sophie fand es „toll!“ und ist schwer beeindruckt, „dass die Riesenseerose so große Blätter hat. Da können sich Kinder drauf setzen ohne unterzugehen.“ Paul hat vergessen, wie die leuchtende Eidechse hieß, die bei uns vom Aussterben bedroht ist. „Smaragdeidechse“, hat sich sein Bruder Anton gemerkt.

Etwa siebenmal im Jahr bietet die Kinder-Uni Chemnitz Vorlesungen an. Chemische und physikalische Experimente sind der Renner. „Wenn es pufft und kracht, platzt der Hörsaal aus allen Nähten. 706 Kinder passen hier rein“, berichtet Anja Schanze. „Es kam schon vor, dass die Eltern in einem zweiten Hörsaal warten mussten, weil alle Plätze belegt waren.“ Eine Anmeldung ist nicht erforderlich, der Eintritt ist frei. Für Hörgeschädigte wird spezielle Technik ausgeteilt.

Im kommenden Sommersemester können sich die Kinder auf die Themen Medizin und Roboter freuen.

von Jana Olsen

Themen im aktuellen Heft sind u.a.:

- Vorsicht vor Fremden im Netz!
- Physik-WM in Peking
- Neurofeedback

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