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Lesen lernen durch Automatisieren

Kurz nach dem ersten Pisa-Schock im Jahr 2000 haben die Münchner Psychologen Dr. Fritz Jansen und Uta Streit ein neues Modell zum Lesenlernen vorgestellt: das Konzept IntraActPlus. Die beiden haben es in über zwanzig Jahren und nach Auswertung vieler Bildungsstudien erarbeitet. Es setzt auf einen klar gegliederten Wissensaufbau in kleinen logischen Schritten und vor allem auf sehr viel Wiederholung. von Barbara Legner-Meesmann

Klingt nach sturem Auswendiglernen. Aber mal ehrlich, auch das Einmaleins muss man pauken, damit es irgendwann blitzschnell abrufbar ist.

Laut Jansen und Streit beruht ihr Modell auf zwei Grundannahmen: Erstens muss der Lehrer eine gute Beziehung zur Klasse haben und zweitens sind nur solche Kinder gute Leser, bei denen jeder Leselernschritt - vom Erkennen der Buchstaben bis zum Zusammenziehen von Silben - allmählich aus dem Kurzzeitgedächtnis ins Langzeitgedächtnis verschoben und dort verankert wird. Das ermöglicht mit der Zeit zügiges, müheloses und nahezu fehlerfreies Lesen. Denn im Langzeitgedächtnis können Informationen bis zu tausendmal schneller abgerufen werden als aus dem Kurzzeitgedächtnis. Der Weg dorthin? Vor allem üben, üben und nochmals üben. Oder, wie die Autoren es nennen: automatisieren.


Ohne Fibel, Bildchen oder Anlauttabelle

Das Automatisieren erlernen die Kinder, indem sie zunächst lernen, Buchstaben sicher zu erkennen, dann Silben zu lesen und schließlich diese zusammenzuziehen. Keinerlei Bilder sollen die Augen von der Leserichtung ablenken. Das üben die Schüler, indem sie mit selbstgebastelten Schablonen alles bis auf den jeweiligen Buchstaben zudecken. Manchmal ist auch ein Mitschüler Lernpartner, dem lesen sie dann vor. Im zweiten Schritt lesen die Kinder Silben. Buchstaben und Silben wiederholen die Lernanfänger solange, bis sie richtig sitzen, ohne klassische Fibel und ohne Geschichten.

Im IntraActPlus-Konzept wird der Focus zunächst auf das Lesen gelegt. Denn, so meinen Jansen und Streit: Das Lesen bahnt das richtige Schreiben an. Das Lesen muss so gelernt werden, dass die Kinder wirklich jeden einzelnen Buchstaben wahrnehmen und verarbeiten. So soll auch verhindert werden, dass die Schüler nur die ersten Buchstaben eines Wortes entziffern und den Rest erraten. Nur so seien sie später auch in der Rechtschreibung sicher. Mit den üblichen Lehrmitteln gehen Jansen und Streit scharf ins Gericht: Bei Anlauttabellen mit Bildern würden sich die Kinder die Bilder merken und nicht den Anlaut. Oft würden zudem wegen eines lustigen Eindrucks Buchstaben gedreht oder verziert, was die Kinder nur verwirre.

Konzepte wie das Schreiben nach Gehör halten die beiden Autoren für einen schlimmen Irrweg, denn die Kinder prägten sich so auch Fehler ein, die später nur mühsam wieder aus dem Gedächtnis radiert werden könnten.


Pro und Contra

Unter Pädagogen ist das IntraActPlus-Modell nicht unumstritten. Der Siegener Professor Hans Brügelmann kritisiert es in einem Gutachten für das Brandenburger Landesinstitut für Schule und Medien scharf als veraltet. Es schreibe für alle Kinder den gleichen Lernweg vor und es sei demotivierend für die Schüler, dass sie erst sinnlose Silben lesen lernten. Über das Lesen von Wörtern hätten sie gleich von Anfang an Bestätigung von außen und ihre Leseneugier würde automatisch geweckt.

Viele Lehrer, Eltern, aber auch Therapeuten, die Lern- und Leistungsstörungen behandeln, sind von der Methode jedoch angetan.

Themen im aktuellen Heft sind u.a.:

- Wohin mit der Wut?
- Helfende Pfötchen
- Naturerlebnis Wildcamps

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