Sie sind hier:

Lesen: Fünf Minuten sind besser als nix

Schule allein reicht nicht, um flüssig lesen zu lernen. Doch schon fünf Minuten Lesetraining am Tag helfen Erstklässlern sich zu verbessern, empfiehlt Dr. Sascha Schroeder. Er ist Experte für Leseentwicklung von Kindern und leitet am Max-Planck-Institut Berlin die Forschungsgruppe REaD (Reading Education and Development). Im Interview gibt er weitere Tipps. 

 

Als Erwachsener hat man oft das Gefühl verloren, wie kompliziert das Lesenlernen ist. Was bereitet den Kindern die größten Schwierigkeiten? 

 

Oh, da gibt es jede Menge. Kinder können mit Schuleintritt fast so flüssig sprechen wie Erwachsene. Doch gesprochene Sprache funktioniert anders als Schriftsprache. Schriftlich ist plötzlich das Auge die „Zentrale“ und nicht mehr das Gehör. Zudem ist es für ein Kind nicht leicht zu verstehen, warum ein P und ein R fast gleich aussehen, aber für völlig andere Laute stehen. Oder dass das R in „Vater“ beispielsweise ganz anders klingt als in „Rolle“. Auch das Zusammenlauten der Buchstaben ist anfangs schwierig. Oft hat das Kind am Ende des Wortes den Anfang vergessen, oder später dann den Anfang des Satzes. Kinder müssen das erst lernen, das braucht Zeit.

 

Lesen heißt nicht automatisch verstehen. Macht Übung den Meister?

 

Unbedingt. Das ist sogar wissenschaftlich nachgewiesen. Je flüssiger jemand liest, desto besser versteht er den Text. Es gibt übrigens einen einfachen Test, um Fortschritte bei Erst- oder Zweitklässlern zu dokumentieren. Zählen Sie, wie viele Wörter Ihr Kind in einer Minute liest. Wenn Sie das einmal im Monat machen, können Sie gut sehen, welche Fortschritte es erreicht hat. 

 

Wie können Eltern ihr Kind beim Lesenlernen unterstützen?

 

Zunächst einmal sollte man den Satz „Wir müssen noch lesen üben!“ aus seinem Sprachgebrauch streichen. Lesen muss Spaß machen. Gerade in der 1. Klasse ist das meiner Erfahrung nach gegeben. Kinder wollen Lesen lernen. Denn Lesen macht unabhängig von den Eltern. Kinder können sich selbstständig Wissen anlesen. Mein Mantra in Bezug auf das Lesen: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Es muss gar nicht viel sein. Fünf Minuten am Tag, das ist okay, es darf natürlich auch mehr sein. Wichtig ist: Der Text sollte ein bisschen schwieriger sein als der aktuelle Wissensstand des Kindes. Das erhält die Spannung und sichert den Fortschritt. Inhaltlich gibt es heute Lesestoff für alle Interessen. Für manche sind Comics ein guter Einstieg. Auch eine Motorradzeitschrift ist super. Wenn das Kind an die Infos will, wird es anfangen zu lesen.

 

E-Books und Apps liegen im Trend. Können sie beim Lesenlernen helfen?

 

Nicht generell, aber sie haben ein hohes Potenzial. Apps, E-Books und kindgerechte Websites lassen die Kinder eher beiläufig lesen. Der Spiel- und Wettbewerbsgedanke steht hier im Vordergrund. Das ist immer eine gute Motivation. Aus Studien wissen wir, dass vor allem Kinder, bei denen zu Hause nie vorgelesen wird, von diesen interaktiven Hilfen profitieren. Problematisch ist hier die – je nach Programm  unterschiedlich große – Verführung, den einfachsten Weg zu wählen, sich also beispielsweise ständig vorlesen zu lassen, anstatt selbst zu lesen. 

 

Es gibt unterschiedliche Methoden, nach denen Lehrer unterrichten. Das klassische Fibelmodell und das Modell nach Dr. Reichen beispielsweise (siehe Kasten). Ist es für Eltern wichtig zu wissen, nach welcher Methode die Kinder lesen lernen?

 

Es ist immer gut, wenn Eltern wissen, wie ihr Kind lernt. Zwischen den beiden genannten Methoden gibt es zwei Hauptunterschiede. Sie betreffen die Eigeninitiative des Schülers und die Wertung der Rechtschreibung. Man kann nicht sagen, das eine oder das andere Konzept sei besser. Aber man kann sagen, dass Schüler von den Methoden unterschiedlich profitieren. Stärkere Schüler machen schneller Fortschritte, wenn sie mehr Freiheiten haben, wie sie das Dr.-Reichen-Modell bietet. Schwächere Schüler überfordert das eher. Sie brauchen mehr Struktur und Vorgaben, wie sie das klassische Fibelmodell bietet. Ergeben sich da Schwierigkeiten, ist auch die Hilfe der Eltern gefordert. Man sollte aber dem Lehrer vertrauen und bei Schwierigkeiten den Dialog suchen. 

 

von Jana Olsen

 

 

 


 

 

Themen im aktuellen Heft sind u.a.:

- Wohin mit der Wut?
- Helfende Pfötchen
- Naturerlebnis Wildcamps

Was meinen Sie?