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Ein Baustein in der Erforschung der Lese-Rechtschreib-Schwäche

Forscher des Leipziger Max-Planck-Instituts konnten zeigen, dass bei Kindern, die später eine Lese-Rechtschreib-Schwäche entwickeln, bereits im Vorschulalter anatomische Unterschiede in den Sprachregionen des Gehirns erkennbar sind. Die Kinderstube hat mit der Leiterin des Duden Instituts für Lerntherapie Dr. Mikaela Blume darüber gesprochen, was die Ergebnisse für die Frühförderung bedeuten. von Tina Pruschmann

 

Ab wie vielen Fehlern - zum Beispiel in der E-Mail, die ich Ihnen geschrieben habe - würden Sie an eine Lese-Rechtschreib-Schwäche denken?
Das ist nicht die richtige Frage. Nicht die Anzahl der Fehler zählt, sondern welcher Art die Fehler sind. Typisch ist eine bestimmte Gruppe von Fehlern, die auf der sogenannten phonematischen Ebene entsteht. Das betrifft zum Beispiel die Wortdurchgliederung und die Kinder sind dann nicht in der Lage, einem gehörten Laut den richtigen geschriebenen Buchstaben zuzuordnen, sie lassen Buchstaben aus oder verdrehen sie. Die phonematische Ebene ist das Fundament, auf dem die Verschriftung aufbaut. Kinder mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche haben in diesem Fundament große Lücken.

Den Forschern des Max-Planck-Instituts zufolge ließe sich mithilfe einer MRT-Untersuchung eine Lese-Rechtschreib-Schwäche bereits im Vorschulalter vorhersagen. Verändern Erkenntnisse wie diese die Ansätze in der Lerntherapie?
Diese neurowissenschaftlichen Forschungsansätze gibt es schon relativ lange. Bereits in den 1980er-Jahren wurden auf Fortbildungen Folien mit Hirnschnitten gezeigt. All diese Forschungsergebnisse sind nur ein Baustein in der Erforschung der Lese-Rechtschreib-Schwäche. Ich plädiere für einen ganzheitlichen Ansatz. Wir haben heute in der ersten Klasse Kinder mit einem Leistungsunterschied von bis zu drei Lernjahren. Die einen können schon lesen, andere die Farben noch nicht richtig zuordnen. Diese Gruppe soll der Grundschullehrer im Gleichschritt das Schreiben, Lesen und Rechnen lehren. Der grundlegende Ansatz sollte sein, dass wir in den Kindergärten das Niveau wieder erreichen, das wir einmal hatten. Die Kindergartenkinder haben bis zur Wende viele Dinge gelernt wie Schneiden, Falzen, Basteln, Kneten, Feinmotorik und Graphomotorik, also Bewegungen, die man zum Schreiben braucht: All das dient der Orientierung im Raum und der am eigenen Körper. Wenn ich Buchstaben unterscheiden will, muss ich das können. Das wird heute nicht mehr so ganz gut verfolgt.

Sie würden also sagen, dass es Basisfähigkeiten für das Lesen und Schreiben gibt, die bei allen Vorschulkindern gezielt entwickelt werden sollten, unabhängig davon, ob sie das Risiko einer Lese-Rechtschreib-Schwäche haben.
Ja. Bereits im Vorschulalter können wir beobachten, wie Kinder mit Formen, Farben, Mengen und Zeichen umgehen und entsprechend üben. Wir haben viel an Vorschulmaterial entwickelt, das aber eingesetzt werden muss. Das passiert, glaube ich, zu wenig.

Sie erwähnten den ganzheitlichen Ansatz. Welche Schwerpunkte hat die Lerntherapie bei einer Lese-Rechtschreib-Schwäche?
Der Therapieplan hängt davon ab, was wir in der Diagnostik festgestellt haben. Zum Beispiel können wir in einem typischen Fall von Lese-Rechtschreib-Schwäche sehen, dass das Kind Wörter nicht vollständig durchgliedern kann und Buchstaben fehlen. Dann ist das A und O erst einmal, das Silbenprinzip und das Erkennen der Selbstlaute zu lernen. Wir fangen mit dem Silbieren von Wörtern an und üben das zum Beispiel über das Schreiten, Klopfen oder Schwingen. Darauf folgt das Üben der Selbstlautstruktur. Das Kind soll also die Selbstlaute pro Silbe benennen können. Wenn ich das Wort Katze sage, dann frage ich das Kind, welchen Selbstlaut es in der ersten Silbe und in der zweiten Silbe hört. Dann werden Silbenbögen gezeichnet und das A und das E eingezeichnet. Wenn ein Kind ähnlich klingende Laute nicht richtig unterscheiden kann - wie B und P, G und K, D und T -, dann üben wir das spielerisch. Eine wichtige Aufgabe in der Lerntherapie ist es, die Kinder zu motivieren, sich den Schwierigkeiten zu stellen und wieder zusehen, dass sie etwas können. Wenn die Körperwahrnehmung gestört oder die Händigkeit unklar ist, braucht es flankierend die Hilfe eines Ergotherapeuten. Und so gibt es auf diesem Weg viele Dinge, die hemmen und erst einmal zur Seite geräumt werden müssen.

Wie ist der Therapieerfolg?
Der ist richtig gut, wenn man gezielt fördert. Das heißt nicht, dass alle 2er- und 1er-Kandidaten werden. Aber es gibt auch Kinder, die den Sprung auf das Gymnasium schaffen.

 

"Der grundlegende Ansatz sollte sein, dass wir in den Kindergärten das Niveau wieder erreichen, das wir einmal hatten", sagt Dr. Mikaela Blume.

Themen im aktuellen Heft sind u.a.:

- Vorsicht vor Fremden im Netz!
- Physik-WM in Peking
- Neurofeedback

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