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Der Lohn des Verzichts

I want it all, and I want it now. Ich will alles und ich will es jetzt, sang Freddy Mercury bereits 1989. Schenkt man der psychologischen Wissenschaft Glauben, führt dieser Ansatz allerdings nicht unbedingt zu mehr Gesundheit und auch nicht zu größerem gesellschaftlichen Erfolg. von Tina Pruschmann

Die wahre Stärke liege stattdessen in der Fähigkeit, Versuchungen widerstehen zu können. Untermauert wird die These gern mit den Marshmallow-Experimenten des amerikanischen Psychologen Walter Mischel. Er entwickelte sie in den Jahren 1968 bis 1974 in der Kindertagesstätte der Stanford University. Der Versuchsaufbau folgt einem immer gleichen Schema. Zunächst muss der Versuchsleiter das Vertrauen der Kinder gewinnen. Dieser erste Schritt ist wichtig, denn eine Verwertbarkeit der Ergebnisse setzt voraus, dass die Kinder glauben, was der Versuchsleiter ihnen sagt. Als nächstes dürfen sich die Kinder eine Süßigkeit aussuchen und werden gefragt, ob sie davon ein oder zwei Stück möchten. Wollen sie zum Beispiel zwei Marshmallows, müssen sie eine Entscheidung treffen: Eins können sie sofort haben; wenn sie mit dem Aufessen aber warten, bis der Versuchsleiter wieder zurückkommt, bekommen sie zwei.

Die Forscher interessierte, ob und wie die Kinder es schaffen, zugunsten eines zweiten Ziels auf die sofortige Belohnung zu verzichten. Bekannt geworden sind vor allem die Ergebnisse der Langzeituntersuchung. Sie zeigen, dass Kinder, die auf eine Belohnung warten konnten, im Durchschnitt ein höheres Bildungsniveau erreichten, Drogen mieden und einen geringeren Body-Mass-Index hatten.

 

Auch Professor Dr. Dr. Stefan Brunnhuber, Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Klinik für Integrative Psychiatrie im Diakoniewerk Zschadraß, sieht in der Arbeit mit seinen Patienten den Zusammenhang zwischen Impulskontrolle, Gesundheit und gesellschaftlichem Erfolg und ergänzt: "Menschen mit einer guten Impulskontrolle haben eine höhere Resilienz, das heißt eine bessere Fähigkeit, auf Stressfaktoren gesünder zu reagieren als Menschen mit niedriger Impulskontrolle. "Doch der spätere gesellschaftliche Erfolg war nicht das Einzige, was Walter Mischel interessierte. Die Marshmallow-Studien geben auch Aufschluss darüber, was ein Kind braucht, um auf die zweite Süßigkeit zu warten. Auf den Filmaufnahmen der Experimente ist zu sehen, wie die Kinder versuchen, sich abzulenken: Sie sprechen mit sich, singen, versuchen zu schlafen, spielen Klavier auf ihren Zehen.

 

"Kindern, denen es gelingt, sich einen zukünftigen Zustand wie zum Beispiel eine zweite, spätere Belohnung vorzustellen, können sich ablenken und das momentane Bedürfnis aufschieben, statt reflexartig auf einen Reiz zureagieren", sagt Stefan Brunnhuber.

 

Die Fähigkeit, das eigene Verhalten unter Berücksichtigung der Umweltbedingungen steuern zu können, heißt Exekutivfunktion. Die Exekutivfunktionen sind im präfrontalen Cortex, das heißt, in einem Teil der Großhirnrinde, verortet und weder vom Intelligenzquotienten noch von der Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht abhängig. Der Psychiater betont, dass neben einem genetischen Anteil vor allem die Erziehung einen großen Einfluss hat. Ihm zufolge sind dafür Anleitungen wichtig; die sind in einer durch digitale Medien potenziell reizüberfluteten Welt umso wesentlicher, denn Kinder können noch nicht zwischen wichtigen und unwichtigen Reizen unterscheiden.

Stefan Brunnhuber verdeutlicht das an einer einfachen Übung, die den Kindern hilft, sich zu fokussieren und Impulse zu kontrollieren: "Bitten Sie Kinder, eine Minute lang auf eine Kerze zu schauen, die in der Mitte eines Stuhlkreises steht, ohne zu sprechen oder sich zu bewegen. Allein das kann eine ganze Schulstunde atmosphärisch verändern."

 

SO WIRD SELBSTBEHERRSCHUNG LERNBAR

Verlässlichkeit: Kinder brauchen die innere Sicherheit, dass es sich lohnt, auf die Zukunft zu vertrauen. Reizarme Umgebung: Kinder sollten vor einem unkontrollierten Gebrauch digitaler Medien und damit vor Reizüberflutung geschützt werden. Müssen Informationen parallel verarbeitet werden, führt dies immer zu einem Leistungsabfall.
Plan für Wochenziele und Belohnungen: Zum Beispiel das Zimmer aufräumen und dann gemeinsam in den Zoo gehen. Kinder werden sich ihrer Ziele bewusst und erfahren, dass es sich lohnt, Unlust zu überwinden.
Alltagspraxis: In vielen Alltagsritualen stecken wertvolle Verzögerungserfahrungen wie zum Beispiel, am Tisch einen Augenblick zu warten, bevor die Familie anfängt zu essen.

 

 

 

 

 

Themen im aktuellen Heft sind u.a.:

- Vorsicht vor Fremden im Netz!
- Physik-WM in Peking
- Neurofeedback

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