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Der finnische Notenschlüssel

Jürgen Magister im Gespräch mit Alice Bach

Finnland hat nicht nur die tüchtigsten Pennäler, sondern auch viele weltweit erfolgreiche Musiker. Ob Jazz, Pop, Folk oder Klassik – unter den nordischen Ländern liegt Finnland bei der Förderung musikalischer Talente, auch der Amateure, eindeutig an der Spitze. Alice Bach, Studentin der Hochschule für Musik Dresden, absolvierte ein Praktikum an einer musikorientierten Grundschule in Helsinki. Jürgen Magister hat sie zu ihren Erfahrungen mit der finnischen Musikerziehung befragt.

Was ist das Besondere an der Schule, die sie kennengelernt haben? 

Ich war am „East Helsinki Music Institute“. Hinter dem wissenschaftlich klingenden Namen verbirgt sich eine ganz normale allgemein- bildende Grundschule mit musikalischem Zweig, wo jedes Kind ein Instrument spielt, meist ein Streichinstrument, aber auch Flö- te oder Klavier. Das Besondere ist, dass der Musikunterricht in den normalen Unterricht integriert ist. Das heißt, viele Schüler haben auch vormittags Instrumentalunterricht – zwischen den anderen Schulfächern. Es gibt Einzelunterricht, Gruppenunterricht und Ensemblespiel. Die Schule arbeitet mit einer neuen Methodik: Colourstrings. Deswegen war ich dort. Als künftige Geigenlehrerin wollte ich sie sozusagen an der Quelle studieren.

Was bedeutet Colourstrings? 

Jeder Geigensaite wird eine bestimmte Farbe zugeordnet, und auch den Fingern, die das Kind auf der Saite benutzt. Dadurch eignet sich die Methode auch für Vorschulkinder, die noch nicht lesen und schreiben können. Die Methode wurde von Géza Szilvay, dem Rektor der Schule, entwickelt. Sie ist international bekannt und ich finde sie sehr gut.

Macht sich das am Erfolg bei den Schülern bemerkbar? 

Unter den Schülern gibt es nicht nur einige wenige Könner. Die sind alle richtig gut. Nicht nur in der Bogen- und Fingertechnik. Erstaunlich auch, wie gut die Musik bereits gestaltet wird. Das ist dem großen Engagement der Lehrer zu verdanken. Bei der Streichorchesterprobe zum Beispiel dirigiert vorn ein Lehrer und darüber hinaus – das ist ganz süß – sitzen rundherum noch alle anderen Instrumentalpädagogen und beobachten ihre Schützlinge. Und wenn sie sehen, ein Kind hält die Geige falsch, irgendetwas stimmt nicht, gehen sie sofort hin und korrigieren es. Man arbeitet dort also extrem genau.

Müssen die Kinder viel in der Freizeit üben? 

Das habe ich mich auch gefragt. Ich dachte, hinter der Qualität steckt ein hohes Pensum. Aber eine Lehrerin sagte mir, die meisten üben pro Tag eine Viertelstunde nach dem Unterricht. Ich hätte mit dem Vierfachen gerechnet! Der schnelle Erfolg hat damit zu tun, dass sich die Kinder In der Schule schon jeden Tag mindestens eine Dreiviertelstunde mit ihrem Instrument beschäftigen und zwar unter Aufsicht eines erfahrenen Pädagogen, der sofort korrigiert, wenn etwas nicht stimmt. In Deutschland hingegen bekommt das Kind einmal pro Woche Unterricht und dann übt es allein. So schleifen sich leicht Fehler ein und es ist sehr mühsam, sie wieder auszubügeln.

Wie wird der aufwendige Musikunterricht an dem Institut finanziert? 

Einen großen Teil trägt die Stadt Helsinki. Aber auch in Finnland herrscht eine Wahnsinns- bürokratie und die Gelder bekommt man nicht einfach zugeworfen. Rektor Géza Szilvay muss hart um die Fördermittel ringen. Er ist eine beeindruckende Persönlichkeit, er kämpft unermüdlich für sein Projekt. Generell gilt für die finnischen Musikschulen, dass der Staat die Hälfte zahlt, ein Drittel übernehmen die Kommunen, der Rest muss von den Eltern aufgebracht werden.

Wie stehen die Eltern zu dem Projekt? 

Sie sind sehr engagiert und kommen oft in den Musikunterricht, um zu hospitieren. Man spürt, dass die musikalische Bildung der Kinder für sie einen hohen Stellenwert hat. Und das trifft nicht nur auf die Situation in dieser Schule zu. Das Projekt ist zwar einzigartig, aber ich denke, es steht für das musikfreundliche Klima, das in Finnland herrscht. Immerhin spielen fast 40 Prozent der Finnen ein Instrument oder singen in einem Chor.

Themen im aktuellen Heft sind u.a.:

- Wohin mit der Wut?
- Helfende Pfötchen
- Naturerlebnis Wildcamps

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