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Streitthema Impfungen

Aus Angst vor Spritzen oder Nebenwirkungen nimmt die Impfmüdigkeit immer mehr zu. Mögliche Impfkomplikationen sollten aber immer in Relation zum Erkrankungsrisiko betrachtet werden - und das ist deutlich höher.

Über kaum ein Thema wird in der Medizin so gestritten wie über Impfungen. Für die einen sind sie ein Segen, Kritiker halten sie für gefährlich. Am Beispiel der Masern hat Gesundheitsökonomin Julia Gaudlitz Fakten und Fehleinschätzungen zu Impfungen in einem Buch zusammengetragen. Unsere Autorin hat mit der gebürtigen Rochlitzerin gesprochen. von Jana Olsen

Frau Gaudlitz, wo bewahren Sie Ihren Impfausweis auf?
In einem kleinen Schränkchen im Schlafzimmer. Aber gute Frage! Eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat gezeigt, dass jeder Vierte nicht weiß, wo sein Impfausweis liegt. Und wer nicht weiß, wo sein Impfausweis liegt, geht auch nicht impfen.

Vergesslichkeit ist ein Grund, warum Eltern ihre Kinder nicht impfen lassen. Welche Gründe gibt es noch?
Zum einen ist da sicherlich die Angst vor Nebenwirkungen oder Spritzen. Zum anderen haben wir das Problem, dass die Impfmüdigkeit immer mehr zunimmt. Sie entsteht durch eine paradoxe Situation: Der Erfolg von Schutzimpfungen führt dazu, dass schwere Erkrankungen wie die Masern zum Beispiel nicht mehr so häufig auftreten. Sie sind einfach nicht mehr präsent. Viele denken, es wird uns schon nicht treffen. Für besonders problematisch halte ich impfkritische Internetseiten. Sie erreichen häufig, dass Impfungen als risikoreicher eingestuft werden als sie es tatsächlich sind.

Es stimmt ja durchaus, dass Impfungen Nebenwirkungen haben. Welche sind häufig?
Typische Nebenwirkungen sind Rötungen, Schwellungen und Schmerzen an der Impfstelle. Seltener Fieber oder ein Anschwellen der Lymphknoten. Diese Nebenwirkungen sind sicher nicht angenehm, aber sie klingen meist rasch ab. Man muss aber ehrlicherweise sagen, es gibt sie, die sogenannten Impfkomplikationen. Wenn auch extrem selten. Dazu zählen zum Beispiel Allergien oder Schäden am zentralen Nervensystem. Allerdings sollten die möglichen Impfkomplikationen immer in Relation zum Erkrankungsrisiko betrachtet werden. Und das ist deutlich höher. Eine Mittelohrentzündung kann beispielsweise bei einer von 20 Masernerkrankungen auftreten. Als Impfkomplikation tritt sie nur in einem von 2.000 Fällen auf. Die schlimmste Folgeerkrankung, eine sogenannte SSPE, eine schwere Hirnerkrankung, kann durch eine Impfung ganz vermieden werden.

Um bei den Masern zu bleiben - Impfgegner argumentieren, man brauche keine Impfung, weil die Erkrankung meist harmlos verläuft. Ist dem so?
Keinesfalls. Masern gehören zu den ansteckendsten Infektionskrankheiten. 2010 starben laut WHO weltweit fast 140.000 Kinder an Masern. Die Symptome ähneln zwar denen einer Grippe, machen Husten, Schnupfen, Fieber, Hals- und Kopfschmerzen. Doch es kann auch schlimme Komplikationen geben, wie die SSPE. Sie tritt zwar selten auf, endet aber tödlich. Tückisch ist, dass sie erst sechs bis acht Jahre nach der Masernerkrankung auftritt. Babys sind besonders gefährdet, daran zu erkranken. Dabei müsste es die Masern gar nicht mehr geben. Wenn jeder geimpft wäre, könnte man sie ausrotten. Bei anderen Infektionskrankheiten hat man das auch geschafft.

Was würden Sie Eltern empfehlen, die unsicher sind, ob sie ihre Kinder impfen lassen sollen?
Sich gut zu informieren ist das A und O. Aber man braucht natürlich verlässliche Quellen. Ich würde mir auch wünschen, dass Gesundheitsämter aktiver aufklären.

Ärzte könnten Eltern daran erinnern, wenn wieder ein Impftermin ansteht. Denn eines ist klar: Infektionskrankheiten, gegen die man impfen kann, sind nicht harmlos. Sie können tödlich enden. 

Themen im aktuellen Heft sind u.a.:

- Vorsicht vor Fremden im Netz!
- Physik-WM in Peking
- Neurofeedback

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