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Arznei für die Kleinen: Was muss ich wissen?

Wenn das Kind fiebert, hustet oder Durchfall hat, ist das auch für Eltern eine Belastung. Insbesondere in den ersten Jahren, wenn das Immunsystem noch ungeübt ist, können acht bis zehn Infekte pro Jahr normal sein. Handelt es sich um harmlose Beschwerden, muss man zwar nicht gleich zum Arzt. Doch neben der Sorge um das Wohlergehen des Kindes bleibt die Frage, was am besten hilft. Beim Griff in den Medikamentenschrank gibt es allerdings einiges zu beachten. von Ida Hollerbusch

 

Nehmen Kinder die Hälfte der Dosis?
Der Leitsatz hält sich hartnäckig, ist aber gefährlich. Auch Medikamente, die für ältere Kinder gedacht sind, können nicht einfach den jüngeren Geschwistern verabreicht werden. Das hat mit der Entwicklung der Kinder zu tun.

Biologisch gesehen ist Wachsen viel mehr als Größerwerden. So sind zum Beispiel in den ersten Jahren viele der kindlichen Organfunktionen noch unreif: Die Darmflora muss sich erst herausbilden, der Wasserhaushalt folgt anderen Regeln, Nieren und Leber trainieren noch, ebenso wie das Immun- und Stoffwechselsystem. Der Organismus ist im ständigen Wandel begriffen und je nach Entwicklungsphase müssen die Organe ihre Arbeit immer wieder feinjustieren.

Das alles hat Einfluss darauf, wie ein Kind auf ein Medikament reagiert. "Jüngere Kinder verstoffwechseln Medikamente beispielsweise schneller als ältere Kinder oder Erwachsene", sagt Dr. Marion Heruth, leitende Oberärztin an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Sana Klinikum Borna und Mitglied der Arzneimittelkommission der Klinik. "Es gibt keine lineare Beziehung zwischen Alter und Medikamentendosis. Ausschlaggebend ist vielmehr das Körpergewicht."

 

NOCH IMMER ZU WENIG SICHERE MEDIKAMENTE

Ob ein Medikament für Kinder geeignet ist, ist nicht nur eine Frage der angemessenen Dosis, sondern auch eine des richtigen Wirkstoffs. Bevor ein Medikament für Kinder zugelassen wird, müssen Wirksamkeit und Verträglichkeit in Studien nachgewiesen werden. Das ist aber nicht so einfach: Studien mit Minderjährigen sind teuer, versprechen wenig Gewinn und die geringen Patientenzahlen erschweren die Organisation einer Studie. Für Hersteller von Arzneimitteln sind diese Bedingungen wirtschaftlich wenig attraktiv.

Um die Anzahl der für Kinder zugelassenen Medikamente zu erhöhen, wurde 2007 die EU-Kinderarzneimittelverordnung in Kraft gesetzt. Darin verpflichtet die europäische Arzneimittelbehörde die Arzneimittelproduzenten, Medikamente, die sie für Erwachsene entwickeln, auch für Kinder zu testen. Mehr als zehn Jahre nach der Einführung der Verordnung zieht die Stiftung für Kindergesundheit allerdings ein gemischtes Fazit: Zwar sei der Anteil der klinischen Studien, an denen auch Kinder beteiligt sind, gestiegen: von 8,25 Prozent im Jahr 2007 auf 12,4 Prozent im Jahr 2016. Darunter seien auch neuartige Medikamente, zum Beispiel zur Behandlung von Rheuma. Aber "speziell zur Behandlung sehr junger Kinder und von Kindern mit einer seltenen Erkrankung fehlen geprüfte Arzneimittel", so der Vorsitzende der Stiftung, Kinder- und Jugendarzt Professor Dr. Berthold Koletzko.

Das Fehlen der geprüften Medikamente spürt auch Dr. Heruth in ihrer täglichen Arbeit: "Gerade für Neugeborene und Säuglinge bis zum ersten Lebensjahr müssen wir nach wie vor Arzneimittel verwenden, von denen wir zwar wissen, dass sie gut sind, die aber für diese Altersgruppe noch nicht wissenschaftlich geprüft sind." Der Kindergesundheitsstudie KiGGS zufolge gilt das für rund 30 Prozent der von Kindern eingenommenen Medikamente. Eine positive Entwicklung sieht die Medizinerin im Bestreben der Zentren für Kinder- und Jugendmedizin, selbst Forschung zu betreiben. Als ein Beispiel sei das Paed-Net genannt, ein Zusammenschluss von Zentren für Kinder- und Jugendmedizin in Leipzig, Heidelberg, Köln, Freiburg, Mainz und Münster, das solche Studien gemeinsam durchführt und vom Bundesministerium für Forschung gefördert wird.

 

FRAGEN SIE IHREN APOTHEKER

Für Eltern, die sich fragen, welche Medikamente sie ihren kranken Kindern geben können, gibt der Beipackzettel Orientierung. Ist ein Arzneimittel für Kinder wissenschaftlich getestet und zugelassen, wird darauf unter dem Stichpunkt Indikation und Anwendungsgebiete hingewiesen.

Nicht ganz so eindeutig verhält es sichallerdings bei pflanzlichen Medikamenten, auf die Eltern gern in dem Glauben vertrauen, dass sie schonender seien. Für pflanzliche Arzneimittel, die in Drogerien oder Supermärkten verkauft werden, gelten zum Beispiel weniger strenge Zulassungsvorschriften und sie unterscheiden sich in Rezeptur und Herstellungsverfahren von apothekenpflichtigen Arzneien. "Pflanzliche Präparate aus der Apotheke entsprechen den Qualitätsvorgaben des Deutschen Arzneibuchs", sagt Göran Donner, Vizepräsident der Sächsischen Landesapothekerkammer. "Damit ist gewährleistet, dass jede Flasche oder Tablettenpackung die gleiche Zusammensetzung und Wirkstoffdosierung hat.

"Ein Punkt, der bei pflanzlichen Mitteln wichtig ist, weil sie im Gegensatz zu chemisch hergestellten häufig aus einem Wirkstoffgemisch bestehen. Konzentration und Zusammensetzung können je nach Pflanzenteil, Herkunft oder Anbaubedingungen variieren. Bei der Wahl des pflanzlichen Mittels rät der Pharmazeut den Eltern, sich hinsichtlich der Verträglichkeit und möglicher Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten in der Apotheke beraten zu lassen. Begleitend dazu können bei einfachen Beschwerden auch Hausmittel helfen, die Beschwerden zu lindern.

 

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Fragen Sie sich, ob es unbedingt ein Medikament sein muss oder ob auch ein Hausmittel die  Beschwerden lindert.

  • Lesen Sie den Beipackzettel: Verwenden Sie ausschließlich Medikamente, die für Alter und Gewicht Ihres Kindes zugelassen sind.

  • Achten Sie unbedingt auf die korrekte Dosierung, so wie sie vom Arzt, Apotheker oder im Beipackzettel vorgegeben ist. Auch eine zu geringe Dosis kann schaden.

  • Nutzen Sie die beigefügten Dosierungshilfen oder Oralspritzen: Tee- oder Esslöffel sind oft zu  ungenau.

  • Tropfen nicht in warmen Getränken auflösen. Bei hohen Temperaturen können Wirkstoffe zerstört werden.

  • Beobachten Sie Ihr Kind über die Dauer der Medikamenteneinnahme für den Fall, dass   Nebenwirkungen auftreten.

  • Medikamente dunkel, kühl und trocken lagern, das Verfallsdatum regelmäßig prüfen und die  Hausapotheke für Kinder unzugänglich abschließen.

 

Aufgießen, Reiben, Wickeln: Hausmittel für die Kleinen

Blähung und Bauchschmerzen: Wärmflasche, Anis- oder Fencheltee
Fieber: lauwarme Wadenwickel
Husten: Arzneitee aus der Apotheke mit Salbeiblättern oder Spitzwegerich
Halsschmerzen: mit lauwarmem Kamillen- oder Salbeitee gurgeln
Durchfall: geriebener Apfel (mit Schale), zerdrückte Banane und Tee mit einer Prise Salz und 1–2 Teelöffeln Traubenzucker

 

Themen im aktuellen Heft sind u.a.:

- Arznei für die Kleinen
- Der "Smombie" geht um
- Heilkraft aus der Küche - Hausmittel

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