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Alles andere als Kinderkram

Die Ziele waren hoch gesteckt: Im Jahr 2015 sollte Deutschland offiziell für masernfrei erklärt werden. Doch ausgerechnet für das Zieljahr meldete das Robert-Koch-Institut 2.465 Fälle - so viele wie seit mehr als zehn Jahren nicht. Verantwortlich dafür sind Impflücken. Was sie bedeuten, zeigt die Geschichte der Dresdnerin Maria Reiter und ihrem Sohn Linus. von Tina Pruschmann

"Es begann mit Husten und Fieber", erinnert sich Maria Reiter. Ihr Sohn Linus erkrankte im Februar 2015 mit anderthalb Jahren an den Masern. Nach einer kurzen beschwerdefreien Zeit, bekam der Junge einen Ausschlag, der sich vom Gesicht aus über den ganzen Körper ausbreitete, eine Augenentzündung und wiederkehrende Fieberschübe. Wo sich der Junge angesteckt hat, wissen die Eltern nicht. "Wir können nichts nachweisen, aber als wir erfuhren, dass die vier Kinder von Linus' Tagesmutter nicht geimpft waren, haben wir uns schon Fragen gestellt", erzählt Maria Reiter, die als Krankenschwester auf der Intensivstation im Herzzentrum Dresden arbeitet.
Übertragen werden die hoch ansteckenden Masernviren durch das Einatmen von infektiösen Tröpfchen über das Sprechen, Husten oder Niesen. Wirksamen Schutz gegen eine Infektion bietet die Impfung. Linus konnte jedoch aufgrund immer wieder auftretender Infekte noch nicht gegen die Masern geimpft werden. "Unsere Ärztin sagte, das Kind müsse erst sechs bis acht Wochen durchgehend gesund sein. Aber immer, wenn wir einen Termin hatten, bekam Linus wieder eine Erkältung", so Maria Reiter. "Ich habe mir keine Sorgen gemacht, weil ich geglaubt hatte, dass alle um uns herum geimpft wären." Kinder wie Linus und Menschen, die aufgrund einer Immunschwäche nicht geimpft werden können, sind darauf angewiesen, dass die Menschen in ihrer Umgebung immun gegen die Masern sind - sei es durch eine Impfung oder das Durchleben der Erkrankung. Nur dann sind auch sie geschützt.

Masern können tödlich sein

Obwohl auch nicht geimpfte Erwachsene schwer erkranken können, zählen die Masern gemeinhin zu den Kinderkrankheiten. Ein Begriff der manchem nahelegt, die Erkrankung sei harmlos und diene der Entwicklung des kindlichen Immunsystems. "Die Bezeichnung Kinderkrankheit ist nicht glücklich", sagt Yhoannes Menedo, Facharzt für Kinderheilkunde und Neuropädiatrie am Medizinischen Versorgungszentrum der Sana Kliniken Leipziger Land. "Natürlich ist es so, dass Kinder, die die Masern durchlitten haben, lebenslang immun sind.
Aber man muss den Eltern klarmachen, dass es zu Komplikationen kommen kann, die eine lebenslange Behinderung oder den Tod zur Folge haben können." Mögliche Komplikationen sind eine Lungenentzündung, eine Hirnhautentzündung oder eine Gehirnentzündung. Ihr Auftreten ist zwar mit 10 bis 20 Prozent eher selten, aber gefährlich, weil die Masern nicht ursächlich therapiert werden können. "Bakterielle Infektionen lassen sich mit Antibiotika behandeln. Bei einem Masernvirus geht das nicht", betont auch der Kinderarzt Yohannes Menedo.
Linus hat die Masern nach drei Wochen komplikationsfrei überstanden. Gänzlich aufatmen kann die Mutter dennoch nicht. "Jetzt ist das noch die Angst vor dieser Spätenzephalitis", sagt sie. Die Spätenzephalitis ist eine sehr seltene Spätkomplikation einer Maserninfektion. Sie führt zu einem Abbau aller geistigen Fähigkeiten. Die Betroffenen versterben nach wenigen Monaten bis Jahren. Rückblickend sagt Maria Reiter: "Wissentlich hätte ich Linus nie zu einer Tagesmutter gegeben, deren eigene Kinder ungeimpft sind."

Themen im aktuellen Heft sind u.a.:

- Vorsicht vor Fremden im Netz!
- Physik-WM in Peking
- Neurofeedback

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