Sie sind hier:

Faszination Klettern

Auf Bäume klettern und sich um die eigene Achse drehen bis einem schwindelig wird - all das ist spannend und aufregend.

Kaum können die lieben Kleinen laufen, wollen sie jedes Hindernis nehmen. Sie hangeln sich hoch und bald klettern sie auf Stühle und Sessel. Dann erproben sie ihre Kräfte am Klettergerüst und später auf Bäumen. Warum ist Klettern für die Entwicklung so wichtig? Welche Bedeutung hat es für die Motorik und die geistige Entwicklung?

Neue Perspektiven

Natürlich denken kleine Kinder nicht darüber nach, warum sie klettern. Sie tun es einfach und das ist gut so. Sportwissenschaftlerin Professorin Renate Zimmer von der Universität Osnabrück, Autorin des Buches
„Schafft die Stühle ab!“, sieht das Klettern als wichtigen Entwicklungsanreiz für Kinder. „Auf Bäume klettern, sich um die eigene Achse drehen bis einem schwindelig wird, kopfüber an einer Stange hängen – das alles ist nicht nur spannend und aufregend, in all dem kann man auch sich und seine Beziehung zur Welt erleben und sie dabei auch noch verändern: Wenn einem schwindelig wird, dreht sich die Welt mit, kopfüber an der Reckstange hängend nimmt man die Welt aus einer neuen Perspektive wahr.
Man macht Erfahrungen, erlebt sich aber zugleich auch als mächtiger Verursacher.“

Synapsenbildung

Für den Körper, die Muskulatur, ist das Klettern eine grosse Herausforderung. Die Kinder trainieren dabei die Kraft, die benötigt wird, das Körpergewicht in verschiedensten Positionen zu halten. Aber nicht nur die Muskeln profitieren davon. Klettern ist ein höchst komplexes Geschehen, das auch die Sinne beansprucht. „Ich muss mich im Raum orientieren“, erläutert Professorin Zimmer. „Ich muss den Weg zurück immer mit im Blick haben. Vor allem bei natürlichen Klettermöglichkeiten wie Bäumen oder Felsen muss ich die Abstände zwischen den Tritten richtig abschätzen. Damit werden im Gehirn ganz viele Reize gesetzt. Es werden Synapsen gebildet, die gerade durch das Tun aktiviert werden.“

Die Angst überwinden

In die Höhe zu klettern ist natürlich auch mit der Gefahr eines Sturzes verbunden. Kinder suchen intuitiv diese Herausforderung. Es macht ihnen Spass, die eigenen Grenzen herauszufinden. Beim Klettern können sie etwas erreichen, was sie bis dahin noch nicht erreicht haben. Stolz führen sie ihren Spielgefährten vor, wie hoch sie schon einen Baum erklimmen, einen Fels ersteigen können. Die Angst zu überwinden beschert ihnen ein Gefühl der Lust. „Gerade die Balance zwischen Angst und Lust scheint für sie besonders reizvoll zu sein“, erklärt Prof. Zimmer. „So machen sie die Erfahrung, nicht hilflos zu sein, sondern sich selbst helfen zu können, die eigene Situation ‚im Griff‘ zu haben.

Selbstfindung

Klettern befördert also das Ich. Die Kinder lernen, sich als Individuum zu begreifen. Beim gewagten Hangeln von einem Ast zum anderen entscheiden sie selbst über ihr Tun, ohne von einem Erwachsenen dazu aufgefordert zu werden. „Gerade weil viele Erwachsene es gar nicht so gerne sehen, wenn sich die Kleinen woanders als auf den Klettergerüsten der Spielplätze ausprobieren, also auf Mauern balancieren oder das Garagendach erobern, hat es für die Kinder einen besonderen Reiz, wenn die eigenen Kräfte bis aufs Äusserste gefordert werden“, meint Professorin Zimmer. „Sie machen damit wichtige Erfahrungen, die für das heutige und zukünftige Leben unersetzlich sind: Selbst Verantwortung für sich zu übernehmen, Grenzen zu erkennen, die Folgen des eigenen Handelns zu spüren.“

Jürgen Magister

Themen im aktuellen Heft sind u.a.:

- Vorsicht vor Fremden im Netz!
- Physik-WM in Peking
- Neurofeedback

Was meinen Sie?

>

Lese-Tipp

Renate Zimmer
Schafft die Stühle ab! Was Kinder durch Bewegung lernen
Verlag: Herder Spektrum
ISBN 3451052286
160 Seiten, Preis: 8,95 Euro