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Was macht ein Rausch mit dem Gehirn?

Alkohol ist nach wie vor die Droge Nr. 1 und auch in Sachsen das Hauptproblem, vor Crystal und Cannabis. 2016 wurden laut Statistischem Bundesamt 22.300 Kinder und Jugendliche mit einer Alkoholvergiftung in ein Krankenhaus eingeliefert. In Sachsen setzt der Alkoholkonsum bei unter 15 Jahren ein, etwa anderthalb Jahre früher als im Bundesdurchschnitt, verzeichnet die Suchtkrankenhilfe Sachsen. Von Susan Künzel

Wenn Leanders Gedanken auf diesem Freitagnachmittag-Nachhauseweg über seinem Kopf sichtbar wären, wäre da zu lesen: ... Mann, die Woche war megaanstrengend ... diese ganzen Tests ... das kann man sich eh nicht merken, Und diese Scheißpickel im Gesicht ...Ich verstehe dieses Mädchen nicht ... Und Pa mit seiner Neuen, Mann ey, die könnte meine Schwester sein ... Dann noch dieses Praktikum, woher soll ich denn wissen, wo ich da arbeiten will. Und wer weiß, was die da wieder von einem wollen ... Erstmal Wochenende ... erstmal feiern gehen, aber richtig, abschalten, Spaß haben ...

So in etwa sehen die Motive der Teenager aus, die in Alkoholexzessen münden. Und während sie danach die Partyfolgen ausschlafen, richtet der Alkohol erhebliche Schäden im Gehirn an. Vorerst unbemerkt, doch mit langfristigen Folgen. Denn das junge Gehirn verzeiht nicht.

USE IT OR LOSE IT
Während der Pubertät gleicht die jugendliche Schalt- und Speicherzentrale einer Großbaustelle. Unablässig werden neue Nervenverknüpfungen (also Synapsen) und Informationsübertragungswege gebaut. Millionen Nervenzellen werden miteinander verbunden und leiten Impulse weiter. Dadurch entwickeln und verbessern sich Fähigkeiten. Nicht mehr genutzte Verknüpfungen werden gekappt, vor allem zwischen dem 12. und dem 17. Lebensjahr. Zum Beispiel all die Nervenverbindungen, die zum Lernen der Muttersprache notwendig waren.

Wissenschaftler nennen diesen Prozess pruning, nach dem englischen Ausdruck für das Zurückschneiden von Ästen an Obstbäumen.

Der Umbau wird von aktuellen Erfahrungen gespeist und dauert etwa bis zum Alter von 25 Jahren. Durch diese lange Entwicklungszeit kann sich das Gehirn optimal neuen Bedingungen oder Herausforderungen anpassen. Alkohol stört diesen Anpassungsprozess massiv.

RISIKOLIEBE MIT BELOHNUNGSEFFEKT
Unter Alkoholeinfluss leiten Nervenzellen Informationen nur verzögert weiter. Also reagiert der Mensch langsamer und unkoordinierter - dafür aber risikobereiter. Bei Jugendlichen ist diese Wirkung besonders ausgeprägt, was vermutlich an einer zeitversetzten Entwicklung der Gehirnbereiche liegt.

Als Erstes nämlich reifen im jugendlichen Gehirn die Bereiche nach, die für Bewegung, räumliches Denken und Sprache wichtig sind. In diesen Hirnarealen, dem limbischen System, werden auch die Emotionen verarbeitet und der Belohnungseffekt kreiert - auch der für Alkohol und andere Süchte. Während dieses System schon mit Vollgas unterwegs ist, entwickelt sich der Gegenpol deutlich später. Erst im jungen Erwachsenenalter erhebt der präfrontale Cortex, ein Teil des Großhirns - zuständig für Vernunft, rationales Handeln und überlegtes Planen - Einspruch gegen allzu triebgesteuerte Impulse. So herrscht in früher Jugend der kurzfristige Spaß vor, Risiken werden ausgeblendet. Alkohol regt an, betäubt, enthemmt und befriedet so die Suche nach den eigenen Grenzen, nach Mut und Übermut. Mit oft gewaltvollen Auswirkungen.

GEBREMSTE HIRNENTWICKLUNG
Bereits geringe Alkoholmengen schädigen die Gehirnzellen dauerhaft, jeder Rausch zerstört Millionen von ihnen.

Es wird angenommen, dass das jugendliche, im Anpassen gerade gut trainierte Gehirn versucht, die durch Alkohol verursachten Schäden wieder wett zu machen. Es passt die Strukturen schnell an.

Mitunter so schnell, dass Jugendliche Alkohol teilweise besser vertragen als Erwachsene. Doch diese Anpassungsvorgänge haben ihren Preis an der Stelle, wo sie eigentlich benötigt würden: Die Teenies bezahlen den Alkoholkonsum mit gebremster Hirnentwicklung.

ZERSTÖRTE GRAUE UND WEISSE SUBSTANZ
Im Zuge der Hirnreifung wird um die Nervenfasern eine weiß aussehende Isolationsschicht gebaut, die Myelinscheide. Diese sorgt für eine störungsfreie Weiterleitung der Nervenimpulse.

Das Anpassen, Umbauen und Verfeinern der Verschaltungen hingegen betrifft die sogenannte graue Hirnsubstanz. Durch Rauschtrinken werden weiße und graue Hirnsubstanz gleichermaßen in ihrer Entwicklung gestört.

GRUNDSTEIN SPÄTERER PROBLEME
Forscher haben abstinente und trinkende Jugendliche verschiedenen Tests unterzogen. Graue und weiße Substanz war bei den trinkenden Jugendlichen geringer, ihre Hirnzellen waren weniger stark miteinander vernetzt. Sie reagierten impulsiver, waren weniger lang aufmerksam, lernten schlechter neue Vokabeln.

Regelmäßig trinkenden Mädchen und jungen Frauen fiel das räumliche Denken schwerer. Das Belohnungszentrum dagegen war gut geschult und reagierte deutlich auf Alkohol.

Ein intensiver Alkoholkonsum in der Jugend setzt sich nicht selten auch im späteren Erwachsenenalter fort, begleitet von anderen Süchten oder psychischen Störungen. Es gibt also viele Gründe, den Konsum von Alkohol gerade in dieser prägenden Phase nicht zu verharmlosen.

 

HaLT
ist die Abkürzung für Hart am LimiT, einem kommunalen Alkoholpräventionsprogramm. Betroffene Jugendliche und ihre Eltern bekommen Soforthilfe, wenn der Nachwuchs alkoholbedingt im Krankenhaus landet. HaLT-Fachkräfte helfen, das Geschehene zu reflektieren und Strategien für die Zukunft zu erarbeiten. Zudem bietet HaLT Schulungen und Workshops zum Thema Jugendschutz und zum Umgang mit Alkohol an. Denn: "Jedes Glas Alkohol, das Jugendliche konsumieren, ist zuerst durch die Hände eines Erwachsenen gegangen". HaLT gibt es an 161 Standorten in Deutschland, unter anderem in Dresden und Leipzig. www.halt.de

 

Vorbilder
A und O für einen verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol ist noch immer ein gutes Vorbild. Sonst ist die Antwort auf die elterliche Mahnung zum Alkoholverzicht: "Aber du trinkst doch selbst". Der Nachwuchs registriert sehr genau, wie sich die Erziehungsberechtigten verhalten. Seien Sie also ehrlich und glaubwürdig in Ihren eigenen Trinkgewohnheiten. Vereinbaren Sie feste Regeln zum Konsum von Alkohol, die auch für Sie selbst gelten. Und regelmäßige Abstinenzzeiten für alle - einige Tage in der Woche und bewusst immer mal wieder ein oder zwei Monate am Stück. Reden Sie offen und ehrlich mit dem Kind, wenn es angetrunken nach Hause kommt oder sich mit gerne trinkenden Freunden umgibt. Erklären Sie, warum ein Vollrausch nicht harmlos ist und erst recht nicht, wenn es öfter dazu kommt. Und außerdem: Zeigen Sie Ihre Liebe und Ihr Interesse für den Heranwachsenden, hören Sie zu, nehmen Sie sich Zeit und nehmen Sie die jugendlichen Probleme ernst.

Themen im aktuellen Heft sind u.a.:

- Vorsicht vor Fremden im Netz!
- Physik-WM in Peking
- Neurofeedback

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