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Verschluckt, verbrannt, verbrüht - Unfälle bei Babys und Kleinkindern

Kinder mit Diabetes können in vielen Bereichen ein normales Leben führen.

Gut acht Jahre lang ist Dr. Harry Sirb mit einem Helikopter als Notfallmediziner und Kinderarzt über dem Zwickauer Raum Rettungseinsätze geflogen. Immer wieder hat er Kinder aus gefährlichen Situationen befreit, manchmal kam seine Hilfe allerdings zu spät. Von Claudia Hempel

Einige Fälle bleiben dem 62-Jährigen besonders in Erinnerung. Der 9-Jährige etwa, der mit seinem zwei Jahre älteren Bruder in der elterlichen Garage mit Benzin experimentiert hatte. Einige Spritzer auf der Jacke des Jüngeren sollten mittels einer Flamme rasch verdampfen. Stattdessen stand der jüngere Bruder sofort in Flammen.

Die großflächigen Hautverbrennungen konnten nur in Dresden behandelt werden. Kein leichtes Unterfangen, denn es war bereits kurz vor Sonnenuntergang und der normale Rettungshubschrauber darf bei zu geringer Sicht eigentlich nicht fliegen.

Oder der Einsatz, nachdem ein 5-Jähriger sich von der Hand des Vaters losgerissen hatte und am Ufer eines Waldsees verschwunden war. Zehn Minuten oder länger suchte der Vater nach seinem Kind. Zulange. Der Junge war in den See gefallen. Zwar konnte Harry Sirb mit den Kollegen Herz und Kreislauf wieder in Schwung bringen, das Gehirn aber blieb zu lange ohne Sauerstoff. In dem extrem kalten Wasser war die Sauerstoffversorgung des Gehirns innerhalb kürzester Zeit am Limit, sodass der Junge nach dem Unfall schwer behindert blieb. Er musste sogar über eine Magensonde ernährt werden. Fünf Jahre später starb er an einer schweren Lungenentzündung.

 

Heute ist Dr. Harry Sirb Chefarzt am DRK Krankenhaus Lichtenstein in Westsachsen. Als Kinderarzt und Notfallmediziner kennt er die Statistik, die besagt, dass jedes achte verunfallte Kind (12,3 Prozent) stationär im Krankenhaus behandelt werden muss. Da ist das Lichtensteiner Krankenhaus keine Ausnahme. Kinderunfälle sind tragischer Alltag. Doch oft können die Ärzte auch helfen und Kinder, Eltern oder Großeltern wieder glücklich machen.

So wie im Fall der Großmutter, die mit ihrem acht Monate alten Enkelkind in die Klinik kam, weil es geschrien hatte, hustete und extrem speichelte. Bei der Oma war die Kleine im Laufgitter gewesen, das Kind konnte also nichts Gefährliches verschluckt haben, die plötzliche Attacke war trotzdem beunruhigend. Dr. Sirb entschied, das Baby röntgen zulassen. Noch heute erinnert er sich an den aufgeregten Anruf des Radiologen, der auf dem Röntgenbild eine Sicherheitsnadel im Speiseröhreneingang entdeckt hatte. Die geöffnete Spitze war nach unten gerichtet. In dem Moment fiel es der Großmutter wieder ein - neben dem Laufgitter stand ihr Korb mit dem Nähzeug. Weit genug weg, wie sie dachte. Nicht weit genug für die Arme ihrer Enkelin. Diese Geschichte ging gut aus. Die Nadel konnte im Krankenhaus aus der Speiseröhre entfernt werden, das Kind ist heute gesund und munter. Alle sind mit einem Schrecken davongekommen.

Jeder Unfall ist ein Schock. Daher ist es für Eltern oder Großeltern besonders wichtig, umsichtig, ruhig und vor allem der Situation angepasst zu handeln. In welchen Fällen ruft man am besten sofort den Notarzt? Wann sollte man Erste Hilfe leisten und das Kind danach zu einem Arzt bringen? Wann kann man Hausmittel anwenden und abwarten? Dr. Harry Sirb schlägt allen Eltern vor, einen Erste-Hilfe-Kurs zu besuchen. Diese werden vom DRK oder manchmal auch vom örtlichen Krankenhaus angeboten. Vielleicht kann man auch einen Rettungssanitäter zum nächsten Elternabend in den Kindergarten einladen.

Kinder sind mit großer Neugierde in der Welt unterwegs. Und sie leben im Augenblick, wollen spontan etwas ausprobieren, berühren, schmecken - und unter Umständen nicht wieder hergeben. Nicht alle Gefahren kann man abwenden. Nachfolgend ein Überblick über alles, was man für die Sicherheit des Kindes vorbeugend und erzieherisch tun kann.

STÜRZE VOM WICKELTISCH
Beobachten Sie das Kind genau. Sobald das Baby erbricht, liegt Verdacht auf eine Gehirnerschütterung
vor – gehen Sie zum Arzt!

• Wickeltisch mit hohen Seitenkanten

• Immer eine Hand am Kind lassen

• Baby mit zur Tür nehmen oder auf dem Boden ablegen, wenn es klingelt

VERSCHLUCKEN
Versuchen Sie, ob Sie mit dem Finger das verschluckte Teil erreichen und vielleicht entfernen können. Legen Sie das Kind mit dem Bauch nach unten übers Knie und klopfen kräftig mit der flachen Hand zwischen die Schulterblätter.

• Das Kind immer beaufsichtigen

• Das Kind generell nie mit Kleinteilen spielen lassen

• Alle Münzen, Stifte und sonstige kleine Teile außer Reichweite des Kindes räumen

VERGIFTUNG
Hat das Kind etwas Giftiges getrunken, sofort zum Arzt fahren – versuchen Sie nicht, ein Erbrechen herbeizuführen. Wenn das Kind von selbst erbricht, ist das in Ordnung.

• Keine Chemikalien (WC-Reiniger, Geschirrspülmittel, Waschmittel) in Kinderreichweite stehen lassen

• Keine Farb- oder Lösemittelreste in Wasser- oder Limonadenflaschen füllen

VERBRENNEN
Halten Sie die betroffene Stelle unter kaltes Wasser. Legen Sie kühle saubere Umschläge auf die Hautpartie, damit die Wärme nicht tiefer in die Haut dringt. Verwenden Sie keine Eiswürfel, kein Mehl und keine Salbe. Bringen Sie das Kind zum Arzt.

• Kindersicherungen für den Backofen

Dem Kind früh erklären, was heiß sein könnte: Führen Sie seine Hand langsam an den heißen Gegenstand (Kerze, Herd, Kamin) heran und lassen Sie es die Wärme spüren. Nehmen Sie die Hand dann weg und sagen Sie: „Heiß.“

KNOCHENBRUCH
Schauen Sie sich die betroffene Stelle genau an. Ist die Stellung des Gelenks normal, stellen Sie das Gelenk mit einer Schiene ruhig. Lagern Sie es hoch. Ist die Stellung des Gelenks atypisch oder ragt sogar ein Knochen aus der Haut, sofort den Notarzt rufen. Das Gelenk nicht bewegen.

• Bringen Sie dem Kind entsprechende vorbeugende Verhaltensmuster bei, wie zum Beispiel: Rückwärts    die Treppe oder das Sofa runter zu klettern

• Begleiten Sie das Kind im Straßenverkehr

• Üben Sie mit dem Kind verschiedene Verkehrssituationen

Bis zum 9.Lebensjahr entwickelt sich das Gehör, das heißt, Kinder können Geräusche frühestens in diesem Alter richtig einschätzen und bewerten. Beachten Sie das bei der Alltagsschulung.

Jeden Tag stirbt in Deutschland mindestens ein Kind an einem tödlichen Unfall – weil es etwas Gefährliches verschluckt hat, sich verbrannt hat oder ertrunken ist.

 

 

Themen im aktuellen Heft sind u.a.:

- Vorsicht vor Fremden im Netz!
- Physik-WM in Peking
- Neurofeedback

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