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Unsichtbare Defizite

Kinder, die auf einem Auge schwächer sehen, ecken öfter an oder holen sich Schrammen.

Sehschwäche, Hörprobleme, Gangstörungen: Manche Erkrankungen fallen Eltern bei ihren Kindern gar nicht auf. Ein Kind, das öfter aneckt, wird vielleicht als Tollpatsch eingestuft, hat aber in Wirklichkeit eine Sehschwäche. Die kostenlosen Vorsorgeuntersuchungen sollen solche Defizite aufdecken. Doch nicht alle Eltern nehmen sie wahr.

Der Alltag von jungen Familien ist vollgestopft. Ist das Kind scheinbar gesund, ist die Familie froh, nicht zum Arzt zu müssen. Da rutscht einem schnell auch mal ein Termin zur Vorsorgeuntersuchung durch. Gehen im ersten Lebensjahr fast alle Eltern zu den kostenlosen Vorsorgeterminen, nehmen die Zahlen nach der U7, also der Vorsorge für 2-Jährige, ab. Besonders die neu eingeführte U7a und die U8 für die 3- und 4-Jährigen sind wichtig. Denn eventuelle Beeinträchtigungen können dann bis zur Schule noch ausgeglichen werden. Ansonsten besteht die Gefahr, dass Kinder sprachliche oder motorische Schwächen über Jahre fortschleppen.

Manche Defizite sind jedoch für die Eltern auf den ersten Blick nicht erkennbar. Eine Sehschwäche zum Beispiel ist nicht allein daran erkennbar, dass die Kinder ein Buch bis zur Nase heran ziehen. „Kinder, die auf einem Auge schwächer sehen, ecken zum Beispiel öfter an oder holen sich Schrammen, wenn sie durch eine Tür gehen“, erklärt Dr. Klaus Schwieger. Für den Leipziger Kinderarzt sind aber auch „Schwierigkeiten, den Ball zu fangen oder Personen auf der gegenüberliegenden Strassenseite zu erkennen, Hinweise auf Augenprobleme“. Ist das der Fall, sollte ein erweiterter Sehtest beim Augenarzt gemacht werden.

Wenn Kinder mit 3 Jahren nur Einwortsätze sprechen oder eine sehr undeutliche Aussprache haben, dann könnten Hörprobleme die Ursache sein. Unter Umständen ist eine Schwerhörigkeit auch nur zeitweilig, zum Beispiel, wenn das Kind häufige Infekte und Ohrenentzündungen hat. „Ist organisch alles in Ordnung, sollten die Eltern mit den Kindern mehr vorlesen, reimen und singen. Das fördert das Sprachverständnis und den Wortschatz“, empfiehlt Dr. Schwieger.

Auch bestimmte Fingerfertigkeiten sind schon ab 3 Jahren gefragt. So sollten Kinder kleine Gegenstände mit Daumen und Zeigefinger fassen können. Eine Grundfertigkeit, die sie später beim Schreibenlernen brauchen. „Sehe ich da Defizite, empfehle ich den Eltern, viel mit den Kindern zu kneten, zu falten und zu fädeln. Das schult die Feinmotorik“, sagt der Experte.

Ein Kind mit 4 Jahren sollte schon eine gewisse Selbstständigkeit erreicht haben, die bei der U8 getestet wird. So schaut der Kinderarzt etwa, ob sich das Kind allein an- und auszieht. Auch sollte es gewisse Grenzen kennen. „Wenn ein Steppke zu mir ins Behandlungszimmer kommt und erst mal meinen – zugegeben – sehr beladenen Schreibtisch umkrempelt, kann ich da zwar drüber schmunzeln. Aber eigentlich sollte er mit 4 Jahren den Unterschied zwischen Mein und Dein kennen und das nicht tun“,
gibt der Kinderarzt zu bedenken.

Auch das Balancieren auf einer Linie, das Stehen auf einem Bein und rhythmisches Treppensteigen mit beiden Beinen sollten 4-Jährige beherrschen. Gelingt das nicht, können ein paar Übungsstunden beim Physiotherapeuten das Defizit ausgleichen. Um die Akzeptanz der Vorsorgeuntersuchungen zu erhöhen, schreibt die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen im Auftrag des Sächsischen Sozialministeriums jetzt alle Eltern an, die U4 bis U8 nicht zu verpassen.

Verschiedene Krankenkassen honorieren zudem den Gang zur Vorsorgeuntersuchung und spendieren ein paar Euros extra für die Spardose. So zahlt beispielsweise die IKK Classic pro Vorsorgeuntersuchung zehn Euro, auch mit dem Junior-Programm der AOK plus können Bonuspunkte gesammelt und in bares Geld umgemünzt werden. Fragen Sie bei Ihrer Krankenkasse nach, welche Bonusprogramme für Ihr Kind infrage kommen.

Jana Olsen

Themen im aktuellen Heft sind u.a.:

- Vorsicht vor Fremden im Netz!
- Physik-WM in Peking
- Neurofeedback

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Wissen extra

Früherkennungsmassnahmen für Kinder gehören seit 1971 zu den Pflichtleistungen der Krankenkassen.
Alle Vorsorgeuntersuchungen auf einen Blick:
U1 bei der Geburt
U2 3.–10. Tag (Hörscreening)
U3 4.–5. Woche (Hüftscreening)
U4 3.–4. Monat
U5 6.–.7 Monat
U6 10.– 12. Monat
U7 21. – 24. Monat (2 Jahre)
U7a 34. – 36. Monat (3 Jahre)
U8 46.– 48. Monat (4 Jahre)
U9 60. – 64. Monat (5 Jahre)
U10 7–8 Jahre*
U11 9–10 Jahre*
J1 13 Jahre
J2 16–17 Jahre*
* Die Kosten für diese Vorsorgeuntersuchungen werden nicht von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen.