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Streicheln lässt Babys besser wachsen

Tastende Berührungen, sanfte Streicheleinheiten und zärtliche Massagen sind die Grundlage für das gesamte spätere Leben eines

Zehn Sekunden, so schreibt es das Protokoll vor, zehn Sekunden dauert eine Streicheleinheit, welche sechsmal hintereinander ausgeführt wird. Sechsmal gleiten rot geschrubbte und desinfizierte Finger von Avas Stirn über den Hinterkopf bis zu den kleinen Hautfalten im Nacken und wieder zurück. Dann folgt der Rücken, links und rechts der Wirbelsäule. 

Der kleine Körper erwidert manchmal sacht den Druck, obwohl er kaum größer als zwei erwachsene Hände ist. Ava ist in der 31. Schwangerschaftswoche zur Welt gekommen, ein Frühchen im Brutkasten, das 1097 Gramm wiegt. 

Ava hat Glück – ihre Mutter ist Amerikanerin, und von einer Freundin hat sie die Massagegriffe nach Protokoll gelernt. Diese Freundin arbeitet am Jackson Memorial Hospital in Florida, der Klinik in den USA, welche als eine der ersten weltweit der Frage nachgegangen ist, wie Frühgeborene auf Hautkontakt reagieren. Ein Neurologe, der mit Ratten experimentierte, entdeckte als Erster den entwicklungsfördernden Streicheleffekt: Normalerweise leckt die Mutter ihre Rattenbabys in den ersten 20 Tagen nach der Geburt regelmäßig. Werden die Babys aber innerhalb dieser Zeit ihren Müttern weggenommen, wachsen sie plötzlich nicht mehr weiter. Egal, wie viel Nahrung sie bekommen. Erst wenn die Mutter wieder leckt oder der Wissenschaftler mit einem nassen Kamelhaarpinsel regelmäßig das Rattenbaby massiert, entwickelt es sich normal weiter.

Frühchen sind nicht nur zarter, anfälliger für Infektionen und insgesamt fragiler, sondern wiegen auch weniger als vergleichbare Föten ihres Alters im Mutterleib. Dieses Manko versuchen Ärzte normalerweise mit Extrakost und zusätzlichen Medikamenten auszugleichen.

Die Kinderärzte aus Florida nutzten die Erkenntnisse aus der Rattenforschung und entwickelten eine spezielle Massagetechnik für Frühchen. Auch ohne Extrakost wachsen diese Kinder schneller als Frühgeborene, die nicht massiert werden. Selbst ein Jahr später ist dieser Vorsprung noch messbar. Massierte Frühchen sind mit einem Jahr nicht nur schwerer, sondern auch motorisch und geistig fitter.
Streicheln wirkt als Signal für unseren Körper: Es werden weniger Stresshormone ausgeschüttet, das stärkt das Immunsystem; Herzschlag, Atmung und Blutdruck stabili- sieren sich unter einer streichelnden Hand und das vermehrt freigesetzte Hormon Insulin hilft offensichtlich die Nahrung besser aufzunehmen, was wiederum die Gewichtszunahme erklärt.

Und was für Frühchen gilt, gilt natürlich erst recht für Babys, die genügend Zeit hatten, im Mutterleib auszureifen. Wurden früher die Neugeborenen sofort nach der Entbindung erst einmal gewaschen, gewogen und gemessen, legt man sie heute der Mut- ter noch mit Nabelschnur auf den Bauch, denn Hautkontakt ist wichtiger als Wasser, Strampler und Waage zusammen. Tastende Berührungen, sanfte Streicheleinheiten und zärtliche Massagen sind die Grundlage für das gesamte spätere Leben eines Menschen. Vielleicht liegt es daran, dass ein Embryo schon in der sechsten Woche nach der Zeugung über einen Tastsinn verfügt, in dieser Zeit sind weder Ohren noch Augen entwickelt. Es ist also der erste Sinn in der Entwicklungsgeschichte des Menschen.

Und Säuglinge, die gleich nach der Geburt Hautkontakt zu ihrer Mutter hatten, so zeigt eine andere Studie, weinen weniger, haben eine höhere Körpertemperatur und höhere Blutzuckerwerte. Umgekehrt schafft dieser Kontakt aber auch bei der Mutter eine stärkere Bindung zum Kind.

Ob Ava sich später einmal an ihre Massagen im Brutkasten erinnert? Wer weiß. Fest steht aber: Diese im Zehn-Sekunden-Takt streichelnden Hände verschaffen ihr nicht nur für diesen Moment, sondern auch für den Rest des Lebens einen enormen Vorteil. Denn Babys, die in den ersten Lebensmonaten solche starken emotionalen Bindungen über Hautkontakt aufbauen konnten, sind auch als Erwachsene bindungsfähiger und glücklicher.

Claudia Hempel

Themen im aktuellen Heft sind u.a.:

- Vorsicht vor Fremden im Netz!
- Physik-WM in Peking
- Neurofeedback

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