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Rätselhafter Anstieg von Diabetes Typ 1

Kinder mit Diabetes können in vielen Bereichen ein normales Leben führen.

Deutschland gehört zu den Ländern, in denen Kinder am häufigsten von Diabetes Typ 1 betroffen sind. Die Anzahl wächst - hierzulande steigt die Rate der Neuerkrankungen um 3,4 Prozent pro Jahr. Vor allem Umwelteinflüsse wie Ernährung und Infekte scheinen als Auslöser zu wirken. von Susan Künzel

Diabetes mellitus Typ 1 ist eine Autoimmunerkrankung. Das körpereigene Abwehrsystem richtet sich gegen die Insulin produzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse. Es hält sie für Eindringlinge, die bekämpft werden müssen. Und das so konsequent, dass sie binnen kurzer Zeit zerstört werden; die Insulinproduktion versiegt. Das Insulin braucht der Körper aber, um den Zucker (Glukose) aus der Nahrung mit dem Blut in die Zellen zu schleusen und so mit Energie zu versorgen. Erkrankte müssen sich lebenslang Insulin spritzen.

WAS FÜHRT DAS IMMUNSYSTEM IN DIE IRRE?

Vieles ist noch unklar. Doch einige Auslöser konnte die Forschung unterdessen ausmachen, andere sind in der Diskussion. Eine ererbte Veranlagung ist unbestritten ein Faktor. Allerdings muss die nicht zwangsläufig zur Erkrankung führen. Fast immer sind weitere Gene im Spiel. So kann das Erkrankungsrisiko auf 50 Prozent steigen. Väter vererben die Gene öfter als Mütter.

Möglicher Auslöser Nr. 1: Viren. Das menschliche Immunsystem bekämpft die Viren und schießt übers Ziel hinaus.

Möglicher Auslöser Nr. 2: Die Ernährung im Säuglings- und Kleinkindalter. Kinder mit Risikogenen erkrankten häufiger, wenn sie vor dem dritten Lebensmonat glutenhaltiges Getreide als Beikost bekamen. Kuhmilch vor dem dritten Lebensmonat kann das Diabetesrisiko ebenfalls erhöhen, etliche Befunde sprechen dafür, werden aber noch kontrovers diskutiert. Auch Zucker kann eine Rolle spielen. Er kann das Ausbrechen des Diabetes beschleunigen.

Möglicher Auslöser Nr. 3: Die Darmflora. Sie bildet ein Ökosystem, das eine natürliche Barriere gegen krankmachende Keime, allergieauslösende Nahrungsbestandteile und Gifte darstellt. Sie beeinflusst das Immunsystem und damit auch die Entstehung von Diabetes. Nicht zuletzt die Ernährung wirkt sich stark auf ihre Zusammensetzung aus, ebenso Medikamente wie Antibiotika.

Möglicher Auslöser Nr. 4: Durch Kaiserschnitt veränderte Darmflora. Kinder aus Risikofamilien haben durch einen Kaiserschnitt ein verdoppeltes Diabetesrisiko gegenüber vorbelasteten Kindern, die bei einer vaginalen Entbindung die Bakterien der Mutter gleich mitgeliefert bekommen.

Möglicher Auslöser Nr. 5: Niedriger Vitamin-D-Spiegel. Untersuchungen haben gezeigt, dass Kinder mit ausgebrochenem Diabetes wie auch solche mit bereits vorhandenen Autoantikörpern einen deutlich niedrigeren Vitamin-D-Spiegel hatten als die gesunde Kontrollgruppe.

DEN AUSBRUCH DER KRANKHEIT HINAUSZÖGERN

Je früher im Leben das Absterben der Insulinzellen beginnt, desto schneller verläuft es meistens. Wie also kann man das hinauszögern? Es gibt auch hier viele Studien und Vermutungen. Langes Stillen könnte ebenso hilfreich sein wie die gezielten Gaben von Probiotika, um die Darmflora von Risikokindern zu bereichern. Diskutiert wird auch, ob Omega-3-Fettsäuren und Vitamin D vor Diabetes schützen. Wenn möglich, sollten Infekte ohne Antibiotika auskuriert werden, da diese die Darmflora angreifen. Es gibt auch Anzeichen dafür, dass eine vorbeugende Gabe von Insulin bei genetisch vorbelasteten Kindern das Immunsystem modifiziert, damit es später die körpereigenen Zellen nicht angreift.

NEUE TECHNOLOGIEN LASSEN HOFFEN

Insulinproduzierende Zellen oder ganze Bauchspeicheldrüsen zu transplantieren, ist bei Kindern unüblich, zudem sind Spenderorgane Mangelware. Forscher versuchen darum, intakte Zellen aus Spenderorganen im Labor zu vermehren. Die entstehenden Zellverbände (Organoide) können transplantiert werden. Eine Herausforderung ist dabei, dem Abstoßungsrisiko zu begegnen.

Das deutlichste Licht am Horizont sind Closed Loops, eine per Smartphone gesteuerte künstliche Bauchspeicheldrüse. Die misst automatisch den Blutzucker und gibt per Insulinpumpe die richtige Menge Insulin ab. Die Entstehung von Diabetes Typ 1 wird an mehreren Instituten intensiv erforscht, so auch an der Kinderklinik der Uni Leipzig. Neue Erkenntnisse zu den Auswirkungen von Kaiserschnittgeburten gehen auf die Forschergruppe Diabetes der TU München zurück.

WO FINDEN ELTERN HILFE?

Auf www.diabetes-kids.de finden Sie Tipps zu Ernährung und Hilfsmitteln im Alltag, auch Unterstützung zu Integrationsfragen in Kita und Schule. Auch Selbsthilfegruppen und Fördervereine sind gute Anlaufstellen.

WIE MACHT SICH DIABETES BEMERKBAR? 

Bei folgenden Symptomen sollten Sie eine diabetologische Spezialambulanz für Kinder aufsuchen: Vermehrtes Wasserlassen, quälender Durst vor allem in Kombination mitgehäuften Infekten, Gewichtsverlust, Wadenkrämpfen und Sehstörungen

DIABETES TYP 2 

Hierbei handelt es sich um einen anderen Erkrankungsmechanismus. Zwar produziert die Bauchspeicheldrüse noch Insulin, aber die Zellen lassen die Glukose zunehmend weniger herein, haben die Tür sozusagen nur noch einen Spalt offen. Man spricht von einer Resistenz. So kommt es zu einem erhöhten Zuckeranteil im Blut.

 

 

 

Themen im aktuellen Heft sind u.a.:

- Frühchen
- Strategisches Denken
- Tabuthema Tod
- Streitthema Tattoo

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