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Mit den Ohren sehen lernen

Klick. Schnalz. Echo. So einfach soll es sein, als Blinder sehen zu lernen? Ganz so simpel ist es natürlich nicht. Doch die in letzter Zeit in zahlreichen Medien diskutierte, aus Amerika stammende Echoortung ist eine Technik, von der besonders blinde Kinder profitieren können und sollen – bald auch in Deutschland.

Wie viele Blinde in Deutschland leben, weiß niemand genau. Es gibt – anders als in vielen europäischen Ländern – keine Statistik. Nur Schätzungen. Vielleicht ist das der Grund, warum sich Eltern blinder Kinder vehement für eine bessere Frühförderung einsetzen. Diese ist umso wirksamer, je früher sie einsetzt, sagt auch die Deutsche Blindenstudienanstalt e. V. Bereits im Alter von etwa 18 Monaten sollten blinde Kinder demnach mit verschiedenen Orientierungstechniken vertraut gemacht werden. Dazu gehört der Umgang mit dem Langstock, der die typische Bewegungshemmung blinder Kinder beendet, ebenso wie die akustische Sensibilisierung, bei der den Kindern alles Hörbare beschrieben werden soll, und das Training der aktiven Echoortung mit der Klick-Sonar-Methode.
„Warum blinden Kindern in Deutschland die Hilfsmittel Langstock (meist bis zum Schulalter) und die Klick-Sonar-Methode gänzlich vorenthalten werden, ist uns unerklärlich“, wunderten sich die Berliner Steffen Zimmermann und Ellen Schweizer. Sie sind Eltern einer blinden Tochter und engagieren sich mit anderen betroffenen Eltern im gemeinnützigen Verein (in Gründung) „Anders sehen“ für bessere Förderung, Integration und Information.

Klick-Sonar ist eine Technik, die es dem trainierten Hirn ermöglicht, das Echo von scharfen Schnalzgeräuschen, die mit der Zunge erzeugt werden, in ein dreidimensionales Bild umzurechnen, also buchstäblich mit den Ohren zu sehen. Mehrfaches Zungeschnalzen bei geneigtem Kopf erlaubt es, am Echo die Form und sogar das Material eines Objektes zu erkennen. Abstände werden auf diese Weise sogar genauer bestimmt als von Sehenden.

Das Phänomen ist seit hundert Jahren bekannt. Daniel Kish, ein blinder amerikanischer Entwicklungspsychologe und Sozialpädagoge, lehrt und dokumentiert Klick-Sonar seit zwei Jahrzehnten. In Deutschland gab es bisher keine Orientierungs- und Mobilitätstrainer.
Dabei können schon Kleinkinder – und prinzipiell alle Menschen – die aktive Echoortung lernen. Selbst wenn das Schnalzen noch nicht perfekt ist, hilft es ihnen, sich zu orientieren und unabhängiger zu werden. Auch blinde Kinder können mutig und selbstständig werden. Sie sollen es sogar. Klettern, rutschen, rennen, Dreirad fahren, Tisch decken – all das wollen und können blinde wie sehende Kinder. „Ihr blindes Kind empfindet keine Behinderung, wenn es ihm nicht anerzogen wird. Lassen Sie nicht zu, dass es von anderen Menschen in seinem Leben behindert wird!”, ermuntert Steffen Zimmermann. „Es braucht lediglich mehr Zeit und mehr Erklärungen für alles, was zu hören und zu fühlen ist.“

In Sachsen ist das Thema aktive Echoortung derzeit noch Neuland. „Leider hat momentan niemand von uns dazu fundiertes Wissen“, bedauert Rico Gersten, Koordinator beim Blinden- und Sehbehindertenverband Sachsen e. V. (BSVS). Ob es sächsische Trainer oder Therapeuten für Klick-Sonar gibt und inwieweit dies ein Träger finanzieren würde, müsse derzeit offen bleiben. „Wir werden uns dieses Themas aber im Rahmen unserer Fachgruppenarbeit von und für Eltern annehmen“, verspricht Rico Gersten und dankte für den Denkanstoß.

Dagmar Möbius

Themen im aktuellen Heft sind u.a.:

- Frühchen
- Strategisches Denken
- Tabuthema Tod
- Streitthema Tattoo

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