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Häufig unentdeckt: Gefährliche Atemaussetzer im Schlaf

Ärzte vermuten, dass Kinder, die tagsüber unkonzentriert und überdreht sind, nachts nicht richtig schlafen und im schlimmsten Fall sogar Atemaussetzer haben.

Jeden Morgen dasselbe Theater. Schon kurz nach dem Aufstehen ist Rufus ein hyperaktives Bündel, das manchmal völlig überdreht, manchmal äußerst schlecht gelaunt und dann wieder absolut unkonzentriert durch den Tag stolpert. Seinen Eltern raubt er den letzten Nerv.

Sie können sich diese Eskapaden nicht erklären. Auch ein Mittagsschlaf hilft wenig. Für die Kinder- und Jugendmedizinerin Katharina Heisch allerdings ist Rufus' Verhalten völlig normal. Normal zumindest, wenn man, wie die 36-Jährige, seit neun Jahren im Schlaflabor arbeitet, also dort, wo unter anderem Kinder und Jugendliche untersucht werden, bei denen die Mund- und Rachenorgane irgendwelche Auffälligkeiten aufweisen. Und pro Woche sind es immerhin vierzehn Kinder, die ins Schlaflabor des
Dresdner Universitätsklinikums kommen.

Rufus leidet seit dem Säuglingsalter unter einer chronischen Bronchitis, dazu kommen eine ganze Menge Allergien: auf Birke, auf Katzenhaar, auf Soja. Sein Atem geht oft schwer. Deshalb schlug die Ärztin vor, ihn im Schlaflabor zu untersuchen. Statt im heimischen Kinderzimmer sollte Rufus eine Nacht im Labor schlafen, von Glasscheiben umgeben, mit Sensoren verbunden und von Kameras beobachtet. Dabei können Hirnströme, Atmung, Herzfrequenz, Augenbewegungen und der Sauerstoffgehalt des Blutes gemessen werden.

Die Ärzte vermuten, dass Kinder, die tagsüber unkonzentriert und überdreht sind, nachts nicht richtig schlafen, im schlimmsten Fall sogar Atemaussetzer haben, eine sogenannte Schlafapnoe. Dadurch bekommt der Körper weniger Sauerstoff, der Puls wird schneller und das, was Schlaf eigentlich bewirken soll, nämlich ein Auffüllen der Kraftreserven für den nächsten Tag, fällt bei solchen Kindern einfach aus. Deshalb wachen sie morgens völlig entkräftet auf. „Das Problem ist,“ sagt Katharina Heisch, „Erwachsene merken, wenn sie nachts schlecht geschlafen haben, Kinder nicht. Sie können da keinen Zusammenhang herstellen und deshalb merken es auch die Eltern zunächst nicht.“ Sie wundern sich dann über das überdrehte Verhalten des Kindes. Aufgrunddessen wird eine Schlafstörung gelegentlich auch fälschlich als ADS diagnostiziert. Die Kinder bekommen dann Therapien und Medikamente, doch eigentlich haben sie vielleicht nur eine zu grosse Rachenmandel. „Die stark vergrösserte Rachenmandel ist die häufigste Ursache solcher Atemaussetzer. Wir schaben sie dann einfach aus, das ist eine Routine-OP und danach geht es den meisten Kindern besser“, erklärt Schlafmedizinerin Katharina Heisch. Bei Rufus ist der Fall leider nicht so eindeutig. Er hat seine Nacht im Schlaflabor verbracht und die Testergebnisse haben den Verdacht  bestätigt: Rufus hatte mehrere Atemaussetzer, die erklären seine hyperaktiven Eskapaden am Tage und seine Unkonzentriertheit. Doch an der Rachenmandel liegt es nicht. Wahrscheinlich ist die Ursache eine Kombination aus der chronischen Bronchitis und den vielen Allergien. Rufus‘ Eltern haben sich jetzt entschieden, die Allergien behandeln zu lassen. Sollte sich der Zustand danach nicht bessern, müssen Kinder- und Schlafmediziner gemeinsam nach einer Lösung suchen. Eine Schlafmaske wäre eine mögliche Massnahme. „Kinder kommen damit erstaunlich gut klar. Es sind oft die Eltern, die Bedenken haben. Doch wenn sie merken, dass ihr Kind dadurch wesentlich besser schläft und tagsüber ausgeruhter ist, verlieren sie schnell ihre Skepsis.“

Noch ein paar Monate haben die Webers Zeit. Im Herbst kommenden Jahres soll Rufus eingeschult werden. Bis dahin wünschen sie sich für ihn erholsame Nächte, damit er in der Schule  mindestens genauso gute Startbedingungen hat wie seine zukünftigen Mitschüler.

Claudia Hempel

Themen im aktuellen Heft sind u.a.:

- Frühchen
- Strategisches Denken
- Tabuthema Tod
- Streitthema Tattoo

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Link-Tipp

Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin: www.dgsm.de