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Diagnose Krebs - betroffenen Familien Mut machen

Jemanden zu haben, der die Trauer und die Angst teilen kann, ohne Erklärungen zu brauchen, tut in solchen Momenten einfach gut.

Der weiße Sarg stand in der Mitte des Raums. Klein war er. So klein, wie ein Sarg eben sein muss, wenn ein 3-jähriges Kind gestorben ist. „Das war für mich eine der bewegendsten Beerdigungen, die ich erlebt habe. Vor allem, weil so viele Kinder da waren und die Familie alles selbst gestaltet hat.“

Die Geschwisterkinder haben Kerzen und Liedzettel an die Trauergemeinde verteilt und dann haben alle zusammen Kinderlieder gesungen. An die Wand wurden Familienfotos projiziert und statt einer professionellen Rednerin hat die Nachbarin eine Trauerrede gehalten“, erinnert sich Ulrike Grundmann vom Sonnenstrahl e.V. in Dresden. Die 32-Jährige arbeitet als Sozialpädagogin in einem Verein, der krebskranke Kinder und ihre Eltern während und auch nach der Zeit der Krankheit begleitet, der Unterstützung und Orientierung gibt zwischen den Chemotherapien oder der Bestrahlung, zwischen Bangen und Hoffen. Fünf- oder sechsmal pro Jahr geht sie von Berufs wegen auf eine Beerdigung, „doch die meisten Kinder überleben ihren Krebs. Da ist die Medizin heute sehr weit. Ich staune jedes Mal, wie viel da mittlerweile möglich ist.“

Krebs bedeutet heutzutage eben noch lange kein Todesurteil, und deshalb besteht die Arbeit der beiden Sozialpädagoginnen, die in der wunderschönen Villa gleich in der Nähe der Universitätsklinik für den Verein arbeiten, auch aus einer breiten Palette verschiedener Dinge. „Wir machen einmal pro Woche auf der Station ein Elternkaffeetrinken. Das ist eine ganz gute Möglichkeit, in Kontakt zu kommen“, sagt Ulrike Grundmann und fügt hinzu: „Denn ganz am Anfang bricht für die Eltern eine Welt zusammen. Die Diagnose ist noch ganz frisch und sie sind oft verzweifelt. Es wird auch viel geweint.“ Dann heisst es einfach zuhören, Mut geben, Trost spenden. Und später, wenn die Eltern ihre Fassung ein wenig wiedergefunden haben, dann spielt die Sozialpädagogin auch einfach mal mit den Kindern, singt mit den Kleinsten Kinderlieder oder spielt mit den Jugendlichen Kartenspiele. So haben die Eltern die Möglichkeit, in Ruhe einen Kaffee zu trinken und einen Moment für sich zu sein.

Da es den Eltern nicht erlaubt ist, in der Kinderonkologie der Dresdner Uniklinik zu übernachten, stellt Sonnenstrahl e.V. im Erdgeschoss der Villa auch Elternwohnungen zur Verfügung. Denn nicht alle Eltern wohnen in Dresden, manche haben sehr weite Anfahrtswege und nehmen das Angebot, ganz nah bei ihrem Kind sein zu dürfen und doch ein wenig Raum für sich selbst zu haben, dankbar an. Sie können in der Elternwohnung mit Gemeinschaftsküche so lange wohnen, wie ein Behandlungszyklus eben dauert. Jeden Dienstag wird extra für die Eltern ein Mittagessen gekocht. Etwas Deftiges. „Das kann ein Braten mit Kartoffelklössen sein oder Schnitzel – Hauptsache etwas Kräftiges. Das essen die meisten nicht nur gern, es gibt ihnen auch Kraft“, sagt Ulrike Grundmann. Denn allzu leicht denken die Eltern zu wenig an sich selbst und vernachlässigen daher auch ihren Speiseplan. Die Elternwohnungen bieten zudem Raum für Austausch. Wer möchte, kann mit anderen Eltern sprechen, die in derselben Situation sind. Sie haben vielleicht mehr Verständnis für einen als Verwandte, Nachbarn oder Freunde. Die haben ganz bestimmt auch Mitgefühl, doch jemanden zu haben, der die Trauer und die Angst teilen kann, ohne Erklärungen zu brauchen, tut in solchen Momenten einfach gut.

Auch Vermittlerin ist Ulrike Grundmann manchmal. Nicht nur zwischen den Eltern, auch zwischen der Klinik und den Eltern: Wenn es Reibereien oder kleine Missverständnisse gibt oder eine Schwester auf der Station mal zu barsch ist, dann wird die Sozialpädagogin gebraucht, um die Wogen zu glätten. Denn nicht nur die krebskranken Kinder, sondern auch die psychisch bis an die Grenze geforderten Eltern befinden sich in einer Ausnahmesituation. Genau diese Vielfalt liebt Ulrike Grundmann an ihrer Arbeit. Denn wenn ein Kind wieder gesund ist, dann erfährt sie von Eltern und Kindern überschwänglichste Dankbarkeit. Mehr Anerkennung kann man sich im Beruf nicht wünschen. Nirgendwo sonst spürt man so unmittelbar, wie sehr man gebraucht wird. „Als ich hier anfing, vor sieben Jahren, habe ich mir gesagt, diesen Job machst du höchstens fünf Jahre. Nun bin ich immer noch hier und kann mir nichts anderes vorstellen.“

Claudia Hempel

Themen im aktuellen Heft sind u.a.:

- Vorsicht vor Fremden im Netz!
- Physik-WM in Peking
- Neurofeedback

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