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Belohnung durch Verzicht – Zwischen Magersucht und Bulimie

Essstörungen gehören zu den häufigsten chronischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter. Bei etwa einem Fünftel der 11–17-Jährigen besteht solch ein Verdacht.

Auf anderen Stationen ist es beim Essen laut und turbulent. Da wird gelacht, geredet und mit den Tellern geklappert. Bei uns dagegen herrscht Schweigen“, so schildert Jessika Weiß den Alltag auf ihrer Station, der Spezialstation für Essstörungen am Uniklinikum in Dresden. „Die Mädchen stochern verbissen in ihren Tellern herum, hoch konzentriert und mit jeder Gabel, die sie sich in den Mund schieben, zählen sie die Kalorien. Die sind alle Meister im Kopfrechnen.“ Die 35-jährige Kinder- und Jugendpsychiaterin und Therapeutin behandelt seit einem knappen Jahrzehnt Mädchen, aber auch Jungen, die auffällig werden, weil sie irgendwann beschließen, weniger zu essen. Noch sind die Jungen in der Minderheit  – auf zehn essgestörte Mädchen kommt ein essgestörter Junge – doch insgesamt häufen sich die Fälle. Mittlerweile gehören Essstörungen zu den häufigsten chronischen Krankheiten im Kindes- und Jugendalter.

 

Was ist noch normal?

Ab wann aber ist man zu dick oder zu dünn? Gerade bei Jugendlichen sagen weder Waage, Maßband, noch das Verhältnis von Körpergewicht zu Körpergröße etwas aus. Die Entwicklung von Muskel- und Fettanteilen unterliegt gerade in der Pubertät sehr starken Schwankungen, zudem ist die Verteilung bei Mädchen und Jungen höchst unterschiedlich. Wissenschaftler und Ärzte orientieren sich deshalb an der sogenannten Altersperzentile. Das ist eine Kurve, die Kinderärzte zugrunde legen, wenn sie feststellen wollen, ob eine Essstörung vorliegt.

 

Ganz unterschiedliche Charaktertypen

Auf der Spezialstation werden die Jugendlichen behandelt, die unterhalb der Normwerte liegen, weil sie entweder zu wenig essen oder weil sie ihre Mahlzeiten regelmäßig durch Erbrechen wieder von sich geben. Diejenigen, die zu wenig essen, sind magersüchtig, die anderen bulimisch. Hinter diesen zwei höchst unterschiedlichen Störungen verbergen sich auch zwei sehr differenzierte Charaktertypen. Magersüchtige sind ehrgeizig, perfektionistisch und überangepasst. Bulimikerinnen sind eher Genussmenschen, sie sind impulsiv und essen gern. Danach schlägt das schlechte Gewissen zu und sie zwingen ihren Körper, das Essen wieder „herzugeben“. Bulimiker merken viel schneller, dass das, was sie tun, nicht normal ist und kommen irgendwann freiwillig in die Therapie.

 

Verzicht wirkt aufs Belohnungszentrum

Ganz anders Magersüchtige. Sie brauchen oft wochen- oder monatelang, um zu begreifen, was mit ihnen los ist. Ihr Belohnungszentrum wird aktiviert, wenn sie verzichten. Am Anfang einfach auf Fleisch, auf Butter, auf Salami, später auf alles, was irgendwie zucker- oder fettverdächtig ist, selbst die Milch im Kaffee. Mittlerweile versuchen die Wissenschaftler in der Dresdner Klinik, genau diesem Paradoxon auf die Spur zu kommen, das da lautet: „Im Verzicht liegt meine Belohnung.“ Dabei beobachten sie mittels eines Magnetresonanztomographen das Gehirn der Essgestörten. Welche Areale werden aktiviert, wenn es ums Essen geht? Noch stehen die Studien ganz am Anfang.

 

Der Urlaub bringt es an den Tag

Pro Woche kommen zwei bis drei Familien mit ihrem Kind in die Dresdner Spezialklinik. Besonders nach den Sommerferien stehen die Telefone nicht mehr still. Dann rufen besorgte Eltern an, die ihre Tochter im gemeinsamen Urlaub genauer beobachten konnten. Da hat sie der extrem dünne Körper im Bikini plötzlich irritiert, die hervorstehenden Schlüsselbeinknochen, die Rippenknochen, die sich deutlich abzeichnen oder der unverhältnismäßig große Kopf, der in seinen Proportionen so gar nicht zum Rest des Körpers passen will. Im hektischen Familienalltag können sich die Jugendlichen mit ihrer Störung gut wegducken. “Ich habe schon gegessen“, sagen die Magersüchtigen. „Ich muss mal schnell aufs Klo“, sagen die Bulimikerinnen. Im Urlaub lassen sich solche eingeübten Mechanismen schneller aufdecken.

 

Tischgespräche als Therapie

Das Problem ist, dass die Jugendlichen mit der Zeit ein völlig verzerrtes Körpergefühl entwickelt haben. Spindeldürre Mädchen haben sich angewöhnt, seitlich durch eine Tür zu gehen, weil sie denken, sie seien so dick, dass sie frontal nicht hindurch passen würden. Laufen sie an jemandem vorbei, halten sie einen besonders großen Körperabstand; sie befürchten einen Zusammenstoß, obwohl sie noch einen halben Meter Platz haben. Wieder ein normales Gefühl für den Körper zu bekommen, das ist harte Arbeit. In Dresden arbeiten eigens dafür ausgebildete Körpertherapeuten mit Videoaufnahmen, in denen sich die Mädchen selbst sehen, mit Zirkeln, bei denen der Körper in Zentimetern vermessen wird oder mit Bällen, die den Körper massieren. In Dresden war die jüngste Patientin bislang 10 Jahre alt. Doch egal, ob 10 oder 16, eines ist allen gemeinsam – innerhalb kürzester Zeit schleicht sich die Essstörung in den Alltag ein, beherrscht allmählich das gesamte Denken der Jugendlichen und zerstört so auch Dinge, die vordergründig nicht mit einer Essstörung in Verbindung gebracht werden: Tischgespräche zum Beispiel. „Das ist eine der therapeutischen Aufgaben, die wir den Jugendlichen stellen. Sie sollen sich ein Thema ausdenken, über das sie beim Essen mit den anderen reden wollen.“ Die einzige Bedingung ist, dass das Thema nichts mit Essen zu tun haben darf. Anfangs fällt es den Jugendlichen extrem schwer. Wer schon länger da ist und bereits ein wenig zugenommen hat, wird beim Essen von selbst gesprächiger. Das beobachten die Therapeuten jedes Mal wieder mit Erstaunen. Denn das Gewicht verändert nicht nur den Körper, sondern auch die Seele. 

von Claudia Hempel

Themen im aktuellen Heft sind u.a.:

- Vorsicht vor Fremden im Netz!
- Physik-WM in Peking
- Neurofeedback

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