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ADHS durch Umweltgifte

Es gibt Kinder, die können sich nicht konzentrieren. Sie zappeln, sind ständig in Bewegung. Sie leiden unter ADHS – dem Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom. Was löst diese Störung aus? Einige Studien weltweit deuten auf Umweltgifte. Ulf Sauerbrey, Wissenschaftler an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, hat sich einen Überblick über die neuesten Erkenntnisse verschafft und sie in einem Buch vorgestellt.

Ende der 80er-Jahre gab es erste Studien, die darauf hinwiesen, dass ADHS durch das Umweltgift Blei ausgelöst werden könnte. Inzwischen weiß man: Je höher der Bleispiegel im Blut von Kindern ist, umso wahrscheinlicher ist das Auftreten von ADHS. Das Schwermetall gilt inzwischen als erwiesener Risikofaktor. „Wir haben leider immer noch das Problem“, so Ulf Sauerbrey, „dass in Deutschland ein hoher Anteil an Wasserleitungen aus Blei besteht. Das ist eine wesentliche Quelle für die Belastungen. Langfristig müssen diese Leitungen ausgetauscht werden.“ Der Wissenschaftler verweist darauf, dass auch Wasserhähne Blei abgeben können. Besonders belastet kann daher das Wasser sein, das einige Zeit in unbenutzten Armaturen steht. Er rät daher, vor dem Trinken das Wasser immer ein Weilchen ablaufen zu lassen. Leider ist dies nicht die einzige Bleiquelle im Alltag von Kindern. Es kommt auch in Farben von Spielzeug vor. Ausdrücklicher Hinweis des Jenaer Wissenschaftlers: „Es sollte nicht ausschließlich das aus China stammende Spielzeug verteufelt werden. Es ist zwar so, dass die europäischen Hersteller die Grenzwerte für Blei bei den eingesetzten Farben einhalten. Allerdings weisen die Studien daraufhin, dass auch unter den gesetzlichen Grenzwerten das giftige Schwermetall zu ADHS führen kann. Das heißt: Möglicherweise reichen die Grenzwerte nicht aus, um die Kinder vor schädlichen Auswirkungen zu schützen.“

Doch Blei ist nicht das einzige Umweltgift, das Forscher weltweit mit ADHS in Verbindung bringen. Da sind die sogenannten polychlorierten Biphenyle (PCBs), die als Weichmacher in Kunststoffen eingesetzt wurden. Obwohl sie seit 2001 als nachgewiesene Krebsauslöser verboten sind, ist die Gefahr längst nicht gebannt. „PCBs bauen sich extrem langsam ab, sodass sie wahrscheinlich noch Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte im menschlichen Blut und in der Umwelt nachweisbar sein werden“, so Sauerbrey.
Problematisch können auch Pestizide und Nahrungsmittelzusatzstoffe sein. Inzwischen gibt es gute Untersuchungen, die zumindest einen geringen Effekt bestimmter Lebensmittelfarbstoffe und Konservierungs- stoffe in Richtung ADHS aufzeigen.

Kinder reagieren auf die gleiche Belastung weitaus empfindlicher als Erwachsene. Warum das so ist, haben medizinische Studien zu klären versucht. So haben Kinder im Verhältnis zum Körpergewicht eine größere Hautoberfläche als Erwachsene. Ihr relatives Atemvolumen ist größer, ihr Darm nimmt Stoffe besser auf, also auch Umweltgifte. Außerdem sind die Entgiftungsenzyme je nach Alter der Kinder noch nicht so weit entwickelt, ebenso das Immunsystem. Es gibt eine Vielzahl von Faktoren, die Kinder anfälliger machen als Erwachsene. „Auch die Gene könnten einen Einfluss darauf haben, wie gut die Entgiftung im Körper funktioniert“, erklärt Ulf Sauerbrey, „da ist die Studienlage noch ziemlich dürftig. Das könnte aber ein Anhaltspunkt dafür sein, warum die einen Kinder krank werden und die anderen nicht, obwohl sie den gleichen Umweltgiften ausgesetzt sind.“ Wichtig ist dem Jenaer Wissenschaftler, die Öffentlichkeit dafür zu sensibilisieren, dass die meisten Kinder regelmäßig Umweltgiften ausgesetzt sind. „Daran gibt es inzwischen überhaupt keinen Zweifel mehr. Das Robert-Koch-Institut und das Umweltbundesamt haben inzwischen sehr gute Untersuchungen an vielen Hundert Kindern von 3 bis 14 Jahren vorgelegt. Diese Untersuchungen zeigen, dass Kinder mit Stoffen belastet sind, die ADHS auslösen können. Nachgewiesen wurde dies sowohl im Blut der Kinder als auch im Hausstaub ihrer Wohnungen, sowohl im Trinkwasser, als auch in der Raumluft des Kinderzimmers. Wir können festhalten, dass es auf jeden Fall Alltagsgifte sind.“
Nicht zu vergessen die Belastungen, die durch den Lebensstil hervorgerufen werden: Nikotin, Alkohol und Drogen während der Schwangerschaft sind ausgemachte Risiko- faktoren. Ähnlich schädigend ist nach der Geburt das Passivrauchen des Kindes.
Was tun? Ulf Sauerbrey gibt einige Empfehlungen, wie die Umweltbelastung der Kinder reduziert werden kann: Niemals in Innenräumen und Autos rauchen, in denen sich Schwangere und Kinder aufhalten. Schwangere sollten umfassend beraten werden, denn jede fünfte greift trotz der Gefahren für das Kind zur Zigarette.

Aufenthaltsräume mindestens zweimal täglich lüften, denn dies verringert den Schadstoffgehalt der Raumatmosphäre deutlich.

Böden sollten mit klarem Wasser feucht gewischt werden können, denn textile Beläge sind häufig mit Schadstoffen belastet.

Insekten- und Raumsprays meiden, da sie häufig Pestizide und bedenkliche Duftstoffe enthalten.

Keine neuen Amalgamfüllungen bei Kindern und Frauen mit Kinderwunsch.

Von Spielzeugherstellern kann eine Garantie der gesundheitlichen Unbedenklichkeit des jeweiligen Produktes verlangt werden.

Jürgen Magister

 

Ulf Sauerbrey

ADHS durch Umweltgifte?

Verlag: IKS Garamond,

ISBN 3941854143, 110 Seiten, Preis: 12,90 Euro

Themen im aktuellen Heft sind u.a.:

- Vorsicht vor Fremden im Netz!
- Physik-WM in Peking
- Neurofeedback

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