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Bewegliche Finger - bewegliche Gedanken

Stricken, Sticken, Häkeln – in der Waldorfschule gehört Handarbeit seit jeher zum Unterrichtsprogramm und zu DDR-Zeiten gab es für die Erst- bis Viertklässler das Fach Nadelarbeit. So altmodisch Handarbeit anmutet – gerade für Kinder kann der Umgang mit Maschen, Knoten und Schlaufen einen großen Entwicklungsschritt bedeuten. Denn Handarbeit fördert nicht nur die kindliche Feinmotorik, sondern auch die Vernetzung neuronaler Zellen im Gehirn.

Rechts, links, rechts, links – es gibt wenige Kinder wie die 7-jährige Maja, die sicher und souverän mit zwei Stricknadeln umgehen können. Einen Schal für den Winter will sie sich stricken – rot, blau und grün soll er sein. Stricken verlangt nicht nur Ausdauer und Geduld, man braucht auch beide Hände dazu. Und genau diese Übung der Beidhändigkeit ist die Voraussetzung dafür, dass im Gehirn neue Vernetzungen entstehen. Nebenbei schafft das rhythmische und gleichmässige Arbeiten mit sich wiederholenden Bewegungen einen Zustand der Entspannung, ähnlich einer Meditations- oder Yoga-Übung. Deshalb wurde Handarbeit auch schon bei der Therapie von Kindern eingesetzt, die eine Aufmerksamkeitsstörung haben oder unter AD(H)S leiden. Pulsrate und Blutdruck können durch Stricken oder Häkeln deutlich gesenkt werden, die Kinder waren insgesamt ruhiger und entspannter. Schulung der Feinmotorik, Vernetzung neuronaler Zellen und Entspannungsübung gleichzeitig – kein Wunder, dass mittlerweile Pädagogen und Didaktiker fordern, Handarbeiten wieder in den Schulplan aufzunehmen. Prof. Iris Kohlhoff von der Universität Paderborn veranschaulicht die Vorteile folgendermassen: „Sich zu vernetzen, etwas zu verknoten, sich in Verstrickungen zu bewegen oder sich einfädeln zu können sind sinnbildlich gesprochen hoch komplexe Fähigkeiten, nicht nur textiltechnische.“ Maja hat mit 5 Jahren angefangen, sich für Handarbeiten zu begeistern. Damals bekam sie von ihrer Grossmutter eine Strickliesel geschenkt, parallel dazu hat sie gelernt, nur mit Faden und Fingern zu stricken.

Wie das geht? Hier ist eine kleine Anleitung:

1. Zuerst wird der Faden locker um jeden Finger geschlungen – vom Zeigefinger bis zum kleinen Finger. Der Daumen bleibt frei. Dasselbe macht man nun rückwärts, also vom kleinen Finger zum Zeigefinger.

2. Jetzt wird der Faden über alle vier Finger der Handinnenfläche gelegt, das Fadenende hängt lose über dem Zeigefinger.

3. Die Schlaufen der ersten Reihe werden nun Finger für Finger über die zweite Reihe gezogen. Los geht es beim Zeigefinger. Die erste Reihe ist fertig. Dann geht es wieder von vorn los. Nach einer Weile entsteht ein gestrickter Schlauch. Fertig ist ein tolles Stirn- oder Haarband, ein Schlüsselband oder – wenn man viele verschiedene farbige Schläuche verbindet – ein Schal.

Claudia Hempel

Themen im aktuellen Heft sind u.a.:

- Frühchen
- Strategisches Denken
- Tabuthema Tod
- Streitthema Tattoo

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Lese-Tipp

Betty Barnden
Basisbuch Stricken
Verlag: Knaur
ISBN 342664736
160 Seiten
Preis: 19,99 Euro