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Familie

Zwischen Liebe, Streit & Neid - Mütter und Töchter

Das Dilemma beim Muttersein ist der ständige Wechsel zwischen Nähe und Distanz.

„Du bist genau wie deine Mutter!“ – das ist ein Satz, der manche Frauen bis ins Mark trifft, denn sie wollten nie so sein wie die eigene Mutter. Andere erleben eben diesen Spruch als Kompliment und fühlen sich geschmeichelt, weil sie ein entspanntes Verhältnis zu ihrer Mutter haben.

Jana S.* ist gerade 40 geworden, sie hat drei Töchter: Natalie* (21), Gundula* (8) und Emmy*(6). Irgendwann, als Natalie noch ein Kleinkind war, hatte sie ein grosses Vorbild: die Mutter einer Freundin.
Und von ihr hat sie auch so manchen Tipp in Erziehungsfragen bekommen. „Diese Frau hat mir ein ganz wichtiges Lebensmotto mit auf den Weg gegeben: ‚Liebe dein Kind und vertraue ihm, dann wird alles gut’, hat sie gesagt und das versuche ich seitdem irgendwie hinzukriegen.“ Jana S. hat zwar zu ihren Töchtern ein gutes Verhältnis, zur eigenen Mutter aber nicht. Irgendwann brach der Kontakt einfach ab. Vielleicht fielen die Worte jener anderen Mutter deshalb auf so fruchtbaren Boden.

„Das Dilemma beim Muttersein ist der ständige Wechsel zwischen Nähe und Distanz“, meint Claudia Haarmann, Psychologin und Buchautorin. Sie kennt das Mutter-Tochter-Thema natürlich bestens aus ihrer Praxis; in ihrem jüngsten Buch „Mütter sind auch Menschen“ hat sie sich ebenfalls intensiv damit auseinandergesetzt. „Am Anfang ist die Mutter die Königin – der mütterliche Lippenstift, die Halskette, die Pumps, das alles wird fast zum Fetisch“, sagt sie. Wer erinnert sich nicht an endloses Verkleidenspielen, an kleine Mädchen, die begeistert in Mamas Stöckelschuhen herumstolzieren? Diese Schuhe sind jedoch nur so lange interessant, so lange sie viele Nummern zu gross sind. So um das 9. Lebensjahr herum findet eine Veränderung statt. Die Welt der Tochter wird grösser, sie erlebt ihr eigenes Ich. In dieser Phase befindet sich die 8-jährige Gundula gerade. „Sie interessiert sich plötzlich für ganz andere Themen als früher: Was will ich später mal werden? Wen will ich heiraten? Soll ich weiter Geige spielen oder besser aufhören? Ihre beste Freundin steht plötzlich im Mittelpunkt, mit ihr bespricht sie vieles nun.“ Jana S. erlebt diese Abgrenzung als positiv: „Das entlastet mich einfach und bringt auch für mich mehr Entspannung.“ Doch nicht jede Mutter kommt mit dieser ersten Ablösungsphase klar. Es erfordert eine Umstellung – plötzlich wird die Königin Mutter zur Randfigur.

Aber das ist erst die Vorbereitung auf die nächste Phase: die rigorose Abgrenzung. „Das Motto heisst dann plötzlich: Alles, was du schön findest, finde ich extrem peinlich. Hier sind Eltern gefragt, die das zulassen können“, meint Claudia Haarmann. „Ich vergleiche es gern mit einer Bärenhöhle. Die Mutter ist die Bärin. Sie soll da sein, wenn sie gebraucht wird, aber auch loslassen können.“ Denn es gibt sie noch, die Momente, in denen die sonst gern kratzbürstige Tochter plötzlich schmusen will wie früher. Genau diese Momente sollte man ausbauen und geniessen, denn sie werden später der Rückhalt sein, mit dem die Gratwanderung gelingen kann, auf die sich Eltern und Kinder in der Pubertät begeben.

Es mag die Erfahrung der eigenen Pubertät gewesen sein, durch die Jana S.’ Verhältnis zur eigenen Mutter Risse bekam. Denn zu oft fühlte sie sich unverstanden oder bevormundet.

„Die Mutter muss ihr Kind bestärken, sie muss sehen: Das Kind ist anders als ich, es hat andere Qualitäten. Sie muss positive Signale senden“, weiss Claudia Haarmann.

Wer aber genau das nicht erlebt hat, hat daran manchmal ein Leben lang zu knabbern. „Das, was ich meinen Kindern gebe, habe ich als Kind nie erfahren“, stellt Jana S. ein wenig bedauernd fest. Insofern ist das eigene Muttersein immer auch eine Reise in zwei Richtungen – in die der eigenen Kindheit und in die Zukunft. Die Zukunft der Töchter.

* Name geändert

Claudia Hempel

Themen im aktuellen Heft sind u.a.:

- Wohin mit der Wut?
- Helfende Pfötchen
- Naturerlebnis Wildcamps

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Lese-Tipp

Claudia Haarmann:
Mütter sind auch Menschen. Mütter und Töchter begegnen sich neu
Verlag: Orlanda
ISBN 3936937559
260 Seiten
Preis 17, 90 Euro