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Familie

Ich kann nicht mehr ...

Die Nächte sind kurz, am Tag warten tausend Aufgaben in Job und Haushalt. Ausgerechnet jetzt sind die Kinder so anstrengend. Die Kinderstube fragte eine erfahrene Familienberaterin nach Wegen zum entspannten Alltag.

Silke Schubert aus Ostrau kennt solche Berichte, und das nicht nur aus der Arbeit in einer Mutter-Kind-Kurklinik. Die Pädagogin mit Weiterbildung in systemischer Familientherapie ließ sich zur Familylab-Seminarleiterin ausbilden, weil sie vom Konzept des dänischen Familienberaters Jesper Juul überzeugt ist.

Kinder sind von Geburt an kompetent, sagt Jesper Juul. Warum sind sie dann manchmal so „anstrengend“?

(lacht) Sicher sind nicht die Kinder anstrengend, sondern eine angespannte Situation. Im Alltag führen dann kleinste Begebenheiten zu einem emotionalen Ausbruch. Erwachsene müssen erkennen, dass sie für alles, was passiert, die Verantwortung tragen. Die Kinder wissen im betreffenden Moment nicht weiter. Es ist die typische Klage von Eltern, deren Limit erreicht ist. Kinder haben eine Antenne für Probleme. Mit ihrem Verhalten spiegeln sie die Welt der Erwachsenen. Was wir uns nicht trauen, leben Kinder aus. Hier ist etwas verloren gegangen, das uns normal handeln lässt.

Die Kinder oder die Eltern?

Beide auf ihre Art. Jesper Juul meint, auffälliges Verhalten hat zwei Ursachen: Entweder haben Erwachsene die kindliche Unbescholtenheit verletzt oder die Kinder passen sich zu sehr an. Eltern dürfen Stress nicht auf ihre Kinder übertragen. Dass man mit 3 Jahren zwingend im Trotzalter sein muss, ist ein Vorurteil. Wir haben es hier eher mit einem Schritt ins eigene Handeln zu tun. „Blödsinn“ ist oft etwas Gutes. Was ist es, womit sich das Kind beschäftigt? Sehe ich das Kind überhaupt noch? Oft haben Kinder schon gar keinen Namen mehr, sind nur der Kleine, der Große, die Dünne, die Süße…

Ist die Methode von Jesper Juul die Lösung?

Hier ist es ganz wichtig zu sagen, dass wir es nicht mit einer Methode zu tun haben. Sonst macht man das Kind zum Objekt und arbeitet an einem Mangel. Es geht bei Familylab um Beziehungskompetenz. Was machen wir wie? Jesper Juul hat es „Familienlabor“ genannt, weil Kinder und Erwachsene ihren angemessenen und verantwortungsvollen Umgang miteinander finden müssen. Sie können lebenslang voneinander lernen. Vieles löst sich im persönlichen Gespräch. Das stärkt das Selbstwertgefühl und befördert eine positive Familienatmosphäre.

Wie funktioniert das?

Die Voraussetzung ist, dass eine Familie etwas ändern möchte. Häufig weiß sie nur nicht wie. Wir regen zum Nachdenken an. Oft gibt es nicht gleich eine Lösung, manchmal gar keine. Der Mann will ins Gebirge, die Frau ans Meer – da lässt sich nur ein Kompromiss schließen. Bei Familylab wird nicht nach Ursachen geforscht, sondern nach dem „Wie weiter“ gesucht. Sinnvoll ist es, wenn möglichst viele Familienmitglieder gemeinsam Ideen entwickeln. In der oben geschilderten Situation, wo Mutter oder Vater keine Kraft mehr zu haben scheinen, könnte das dazu führen, dass alle überlegen, wie man den vollgepackten Alltag stressfreier machen kann. Oftmals hilft es schon, weniger in den Alltag packen zu wollen. Weniger ist manchmal mehr. Aber die Familie entscheidet. Das unterscheidet uns von Therapeuten.

 

Drei goldene Regeln, wenn es stressig wird:

Die Persönlichkeit des Kindes entdecken, statt das Verhalten zu erklären.

Nur so lässt sich nach Jesper Juul eine tragfähige Beziehung zum Kind herstellen. Für ihn ist es „unproduktiv und unethisch, Verhalten zu klassifizieren, nach Symptomen zu ordnen und Syndrome und Störungen zu diagnostizieren, in der Annahme, dass bei exakter Diagnose eine Methode zur Behandlung abweichenden Verhaltens entwickelt werden kann.“ Auf diese Art und Weise würden nicht Menschen, sondern Symptome behandelt. Juul stellt nicht in Abrede, dass Kinder Symptome oder symptomatisches Verhalten zeigen. Er bestreitet auch nicht das Recht der Erwachsenen, Kinder an unsozialem Verhalten zu hindern! Doch er hält die Konzentration auf kindliche Defizite und Störungen für langfristig destruktiv.

Innehalten, mehrmals kräftig durchatmen, nicht nur einatmen.

Besser nicht in der Akutsituation reagieren, denn da besteht die Gefahr einer Kurzschlusshandlung. Wenn sich die Lage beruhigt hat, zum Forscher und Entdecker werden: Was muss ich wie ändern?

Sich auszutauschen ist wichtig, im Idealfall mit dem Partner. 

Man muss nicht alles wie die Nachbarin machen, doch ein Gespräch hilft, zu eigenen Lösungsideen zu kommen.

von Dagmar Möbius

Wie sind Ihre Erfahrungen?
Wie bringen Sie Entspannung in Ihren Familienalltag? Welche Tipps können Sie anderen Eltern geben? Erzählen Sie es uns. Wir sind gespannt auf Ihre Erfahrungen.

Themen im aktuellen Heft sind u. a.:

  • - Diabetes Typ 1
  • - Malwettbewerb
  • - Verdrehte Welt

Wettbewerb „Gesunder Kindergarten“
Vielen Dank an alle teilnehmenden Kinder-
gärten. Und herzlichen Glückwunsch an die Gewinner! Einige der schönsten Ergebnisse finden Sie HIER

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